Türkei unterdrückt Kritik an Krisenabwehr | Europa | DW | 28.01.2020
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Nach dem Beben

Türkei unterdrückt Kritik an Krisenabwehr

Die Regierung hätte Menschenleben retten können, habe jedoch Erdbeben-Warnungen ignoriert, heißt es. Die Staatsanwaltschaft ermittelt bereits - allerdings nicht gegen die Verantwortlichen, sondern gegen die Kritiker.

Naci Görür hatte sie alle gewarnt: Der 72-jährige, der als Geologe an der Technischen Universität in Istanbul arbeitet, stammt selbst aus dem Erdbebengebiet Elazig im Osten der Türkei. Unermüdlich hatte er in den vergangenen Monaten die Behörden und Bewohner seiner Heimatregion mit Warnungen überhäuft: Im Fernsehen und bei diversen Veranstaltungen hatte Görür es wie ein Mantra wiederholt: Es bahne sich ein schweres Beben Erdbeben an. Er hatte die Regionalverwaltungen und die Armee informiert, war sogar in die weit entfernte Provinz gereist, um die Menschen aufzufordern, ihre Häuser erdbebenfest zu machen. Im Nachrichtensender CNN-Türk hatte der Wissenschaftler im Oktober ausdrücklich Sivrice als das mögliche Zentrum eines schweren Erdbebens genannt. Die Kleinstadt südlich von Elazig war tatsächlich das Epizentrum des späteren Bebens.

Das Ergebnis seiner Mühen war für ihn niederschmetternd: "Es ist so gut wie nichts getan worden." Der Geologe ist angesichts der verheerenden Bilanz des Bebens am Boden zerstört.

Hilfskräfte reagieren schnell

In der Tat sind die Konsequenzen des Nichtstuns fatal: Die Zahl der Todesopfer ist nach offiziellen Angaben bis zum Montagnachmittag auf 41 angestiegen. Von mehr als 1000 Verletzten werden noch etliche in Krankenhäusern behandelt. Hätten die Einsatzkräfte nicht so schnell reagiert, würden die Opferzahlen noch weitaus höher liegen, ist sich Ibrahim Altan sicher. Er ist der Generaldirektor des Türkischen Roten Halbmondes (auf Türkisch: Türkiye Kızılay Derneği): "Als ich von der Stärke des Erdbebens gehört habe, bekam ich große Angst. Doch gottlob sieht es so aus, als ob wir diese Sache mit begrenzten Schäden überwinden können. Die Katastrophenschutzbehörde führt die Such- und Rettungsaktionen wirklich sehr schnell durch. Die Teams sind sehr gut koordiniert." Insgesamt konnten die Rettungskräfte 45 Menschen lebend bergen.

Schon während die Notfallversorgung am Wochenende auf Hochtouren lief, kamen aus Ankara die ersten Reaktionen. Via Twitter schickte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan den Verletzten zunächst Genesungswünsche und den Angehörigen der Toten Beileidsbekundungen. Kurz darauf reiste Erdogan selbst an den Unglücksort.

Kritik nicht erwünscht

Äußerst dünnhäutig reagierte der Präsident jedoch auf die Kritik, die Behörden hätten Warnhinweise ignoriert. Besonders in den Sozialen Medien hatten viele Menschen nach dem Erdbeben ihrem Ärger über die Politik der türkischen Regierung Luft gemacht. In den Kommentaren fragen viele Menschen, ob der Staat die Bevölkerung nicht besser hätte schützen können. Erdogan wollte das nicht auf sich sitzen lassen und warf den Kritikern seinerseits vor, das Unglück für "billige Tagespolitik" zu missbrauchen. In den Sozialen Medien werde seine Regierung gefragt, was sie in den vergangenen zwei Jahrzehnten seit ihrem Machtantritt gegen Erdbeben getan habe, sagte der Präsident und stellte gleich eine rhetorische Gegenfrage: "Können wir etwa Erdbeben aufhalten?"

Türkei | Präsident Erdogn nimmt an der Beerdigung eines der Erdbebenopfer von Elazig teil (Reuters/Presidential Press Office)

Der türkische Präsident Erdogan bei der Beerdigung eines der Erdbebenopfer

Wie unerwünscht Kritik am Verhalten der Behörden ist, wurde auch an anderer Stelle schnell klar. Innerhalb weniger Stunden hatte die Staatsanwaltschaft in Ankara Ermittlungen gegen 50 Verdächtige wegen "provokativer Äußerungen" zum Erdbeben in den Sozialen Medien eingeleitet. Das geht aus Berichten der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu hervor. Den Menschen werde vorgeworfen, "Angst und Panik" verbreitet sowie das türkische Volk und den Staat mit seinen Organen öffentlich herabgewürdigt zu haben. Mindestens zwei Nutzer Sozialer Medien wurden überdies festgenommen. Sie hätten mit falschen Behauptungen "Panik und Furcht" verbreitet, so die Staatsanwaltschaft.

Auf eine Anfrage der DW zu Details und Hintergründen reagierte die übergeordnete Behörde, das Justizministerium in Ankara, nicht. Das Vorgehen der Behörden deckt sich mit Einschätzungen internationaler Organisationen zur Meinungs- und Pressefreiheit: Im weltweiten Ranking von Reporter ohne Grenzen (ROG) liegt die Türkei inzwischen auf Rang 157 von 180 Staaten.

Gefahr noch nicht gebannt

Für den Geologen Naci Görür ist die Gefahr auch jetzt, nach dem Beben, längst nicht gebannt. Besonders die Gegenden östlich von Elazig in Richtung Bingöl und südwestlich nahe Malatya seien gefährdet, sagte er. Diese Städte liegen auf der ostanatolischen Verwerfungslinie, die in Bewegung geraten sei.

Türkei Erdbeben am Marmara-Meer 1999 (picture-alliance/dpa/dpaweb/S.Chirikov)

Vor Plünderern bewacht ein türkischer Soldat eine beim Erdbeben 1999 teilweise zerstörte Moschee nahe Istanbul

Eindrückliche Warnungen dieser Art sind in der türkischen Politik nicht neu. Es ist gerade einmal etwas mehr als zwanzig Jahre her, dass ein Erdbeben historischen Ausmaßes das gesamte Land traumatisiert hat. Im August 1999 hatte ein Erdbeben der Stärke 7,6 die Nordtürkei und die Region Istanbul erschüttert. Die meisten zerstörten Häuser stürzten wegen Baupfuschs ein. 18.373 Menschen starben, rund 50.000 wurden verletzt. Naci Görür hält in der 16-Millionen-Stadt jederzeit eine weitere Katastrophe für möglich. Auch nach dem schrecklichen Unglück von Elazig ist er sich sicher, dass die Behörden auch dann wieder nicht vorbereitet sein werden.

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