Türkei sucht Wege aus der Wirtschaftskrise | Aktuell Europa | DW | 07.10.2018
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Finanzpolitik

Türkei sucht Wege aus der Wirtschaftskrise

Angesichts der Talfahrt der türkischen Lira will Finanzminister Albayrak ein Programm zur Inflationsbekämpfung auflegen. Externe Beratung lehnt sein Schwiegervater, Präsident Erdogan, aber weiter ab.

Anfang der Woche wurde klar: Die Inflation in der Türkei ist so hoch wie seit 15 Jahren nicht mehr. Die Verbraucherpreise stiegen nach Angaben des türkischen Statistikamts im September um fast 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Und im Vergleich zum August müssen die Türken gute sechs Prozent mehr Geld für Lebensmittel ausgeben.

Den enormen Preisauftrieb will der türkische Finanzminister Berat Albayrak nun mit einem Programm zur Inflationsbekämpfung stoppen. Dieses wolle er in der kommenden Woche vorstellen, berichtet die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu.

Türkei PK Finanzminister Berak Albayrak (picture-alliance/AA/E. Yorulmaz)

Finanzminister Berak Albayrak (Archivbild)

Bekannt wurde bisher nur, dass die Inflation bis 2021 wieder auf 6 Prozent gesenkt werden soll. Laut Anadolu kündigte Albayrak außerdem eine eiserne Haushaltsdisziplin bei den Staatsausgaben an. Ferner versuchte der Finanzminister zu beruhigen: Nach Jahren des Booms sei die türkische Wirtschaft nun eben dabei, sich auszubalancieren. Seinen Plan, im Kampf gegen die Währungskrise die Hilfe der Unternehmensberatungsfirma McKinsey in Anspruch zu nehmen, verfolgt Albayrak nach Intervention seines Schwiegervaters, Präsident Recep Tayyip Erdogan, offenbar nicht mehr.

Erdogan: Wir helfen uns selbst

Erdogan hatte das Vorhaben mit deutlichen Worten kritisiert. "Das ist nicht nötig. Wir helfen uns selbst", sagte Erdogan auf einer Sitzung seiner Regierungspartei AKP. Solange er lebe, werde niemand in der Lage sein, die Türkei unter das Joch internationaler Institutionen zu stellen, so der türkische Präsident weiter. Auch die Oppositionspartei CHP hatte das Vorhaben von Finanzminister Albayrak kritisiert.

Erdogan will die Teuerung mit anderen Mitteln eindämmen. "Ich rufe meine Leute auf: Wenn es auf Märkten oder anderswo ungewöhnliche Preisunterschiede gibt, melden Sie diese sofort der Gemeinde", sagte Erdogan vor den AKP-Abgeordneten. Die Regierung müsse hier Razzien durchführen und "tun, was notwendig ist".

US-Sanktionen verteuern Importe in die Türkei

Die türkische Währung hat seit Jahresbeginn rund 40 Prozent zum Dollar verloren - auch weil die Türkei und die USA Sanktionen gegeneinander verhängt haben. Dabei geht es um einen Streit wegen eines in der Türkei inhaftierten US-Pastors. Zudem wird die Krisenpolitik von Präsident Erdogan von Investoren als unzureichend kritisiert. Durch den Absturz der Währung werden Importe in die Türkei deutlich teurer.

Türkei Wechselstube in Istanbul (picture-alliance/AP Photo/M. Yapici)

Wechselstube in Istanbul: Der Kurs der Lira hat sich seit Jahresbeginn dramatisch verschlechtert

Im Kampf gegen den Lira-Verfall und die ausufernde Inflation hob die Zentralbank ihren Leitzins im September um 6,25 Punkte auf 24 Prozent an. Damit soll bei Investoren Vertrauen zurückgewonnen werden, weil wegen Erdogans massiver Kritik an der Geldpolitik Zweifel an der Unabhängigkeit der Notenbank aufgekommen waren.

Experten: Mehr in Bildung investieren

Mit der Politik des billigen Geldes haben Erdogan und seine Regierung in den vergangenen Jahren Brücken, Kraftwerke und Krankenhäuser bauen lassen, wodurch sich das Leben vieler einkommensschwacher Türken verbessert hat. Experten kritisieren aber, dass sich die Türkei in den Boomjahren zu sehr auf den Konsum und wenig auf Produktivität konzentriert hat. Statt in Einkaufszentren hätte mehr in Fabriken und Bildung investiert werden sollen, heißt es.

cw/djo (rtr, dpa)