Türkei - ohne Deutschland läuft nichts | Europa | DW | 07.03.2017
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Deutsch-türkische Wirtschaftsbeziehungen

Türkei - ohne Deutschland läuft nichts

Der türkische Präsident Erdogan spielt nicht nur politisch mit dem Feuer, wenn er Deutschland beschimpft. Denn die Türkei ist wirtschaftlich von Deutschland sehr abhängig.

Wenn es sich Erdogan mit den Deutschen verdirbt, wäre das ein klassisches Beispiel von Ast absägen, auf dem man sitzt. Viele Kommentatoren sagen, Deutschland und die gesamte EU seien von der Türkei abhängig, weil Ankara Flüchtlinge von Europa abhält. Wegen der geschlossenen Balkanroute gilt dies aber heute längst nicht mehr so wie früher. Umgekehrt aber ist die Türkei wirtschaftlich hochgradig von Europa abhängig. Und unter den europäischen Ländern wiederum steht Deutschland dabei mit Abstand an der Spitze.

Deutschland ist der wichtigste Handelspartner der Türkei. Rund zehn Prozent aller türkischen Exporte mit einem Wert von etwa 14 Milliarden Euro gehen nach Deutschland. An zweiter Stelle folgt Großbritannien. Deutlich abgeschlagen auf Platz drei liegt der Irak. Und noch weit dahinter liegen andere nichtwestliche Länder – soviel zum Thema einer möglichen Neuorientierung Ankaras Richtung Osten als Alternative zur EU.

Türkei Istanbul Containerschiff (Imago/OceanPhoto)

Deutschland ist der wichtigste Handelspartner der Türkei

Gerade bei der Art der gehandelten Güter ist die Türkei so abhängig von Deutschland wie von keinem anderen Land: Maschinen, elektrotechnische und chemische Erzeugnisse, viele hergestellt von hochspezialisierten deutschen Firmen, lassen sich nicht ohne weiteres aus anderen Ländern beziehen. Umgekehrt importiert Deutschland vor allem Textilien aus der Türkei, den mit Abstand wichtigsten türkischen Ausfuhrartikel, und - mit großem Abstand, was den Warenwert betrifft – Lebensmittel. Hier aber ist die Türkei für Deutschland als Lieferant durchaus ersetzbar. China oder Bangladesch etwa könnten bei Textilien einspringen, bei Lebensmitteln ist die Palette möglicher alternativer Anbieter noch wesentlich größer. Zwei Zahlen sagen praktisch alles: Deutschland ist für die Türkei der wichtigste Außenhandelspartner; die Türkei kommt für Deutschland aber erst an 13. Stelle, ein krasses Ungleichgewicht.

Die Touristen bleiben weg

Eine Besonderheit der türkisch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen sind auch die vielen Tochterunternehmen deutscher Firmen in der Türkei. Es sind mehr als 6000 solcher Firmen, die als Töchter oder eigenständige Gesellschaften in der Türkei produzieren. Kein anderes Land reicht an dieses Niveau heran. Das hat auch mit den vielen in Deutschland lebenden Türken und die damit einhergehenden engen Kontakte zu tun. 

Die Türkei verbucht regelmäßig ein riesiges Außenhandelsdefizit mit dem Rest der Welt, weil sie viel mehr einführt als ausführt. Das Loch stopft sie unter anderem mit dem Devisenbringer Tourismus, einem der wichtigsten Wirtschaftszweige. Auch hier standen  die Deutschen 2016 an der Spitze mit etwa 15 Prozent der Auslandstouristen.

Türkei Istanbul Tourismus (DW/S. Raheem)

Der Tourismus ist allein 2016 um knapp ein Drittel eingebrochen

Allerdings ging der Fremdenverkehr im Laufe des Jahres 2016 um fast ein Drittel zurück. Und bis Ende Januar lagen die Türkei-Buchungen für die kommende Sommersaison nach Angaben des Marktforschungsinstituts GfK noch einmal um 58 Prozent unter den bereits schwachen Vorjahreszahlen. Gründe für die Zurückhaltung sind die zahlreichen Anschläge, die unsichere politische Lage nach dem Putschversuch vom Sommer vergangenen Jahres - und bei dem einen oder anderen deutschen Touristen inzwischen wohl auch eine Art Boykotthaltung. Jedenfalls schreibt der Tourismusforscher Torsten Kirstges in der "Osnabrücker Zeitung" vom Montag: "Wenn sich die zum Teil antieuropäische und antideutsche Haltung, die sich inzwischen immer mal wieder auch in Äußerungen von türkischen Regierungsmitgliedern zeigt, weiter manifestiert, wird das natürlich das Image der Türkei als Reiseziel für Deutsche weiter beschädigen."

Investoren hassen Unsicherheit

Doch nicht nur der Fremdenverkehr leidet. Die gesamte türkische Wirtschaft steckt in großen Schwierigkeiten. Konnte die Türkei kurz nach der Jahrtausendwende noch mit traumhaften Wachstumsraten von jährlich mehr als sieben Prozent glänzen, die sogar China in den Schatten stellten, hat sich das Tempo seitdem deutlich verlangsamt, und im dritten Quartal 2016 ist das BIP sogar geschrumpft. Mehr noch: Die türkische Lira hat seit dem Putschversuch 30 Prozent ihres Wertes verloren, die Inflation liegt bei acht bis neun Prozent, die Arbeitslosigkeit liegt bei über zehn Prozent, und die Ratingagenturen stufen die Türkei inzwischen deutlich schlechter ein als vor wenigen Jahren.

Zur wirtschaftlichen Unsicherheit kommen politische Unwägbarkeiten: Präsident Erdogan hat Tausende Menschen einsperren oder suspendieren lassen, er handelt zunehmend wie ein Autokrat. Das Klima färbt auch auf die Geschäftswelt ab. Investoren wünschen sich ein stabiles politisches System, Rechtssicherheit und Planbarkeit. Erdogan steht für das Gegenteil.

Türkei Erdogan wirft Deutschland «Nazi-Praktiken» vor (Reuters/M. Sezer)

Erdogan wirft Deutschland "Nazi-Praktiken" vor - und verschreckt Investoren

Volker Treier, Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), meint in der österreichischen Zeitung "Die Presse": "Die Wirtschaft des Landes läuft für türkische Verhältnisse sehr schlecht." Gehe es mit den Beziehungen weiter bergab, könne die relative wirtschaftliche Stabilität, die noch herrsche, "die Ruhe vor dem Absturz" sein.

Sucht Ankara eine Lösung seiner Wirtschaftsprobleme, spielen die Deutschen dabei notgedrungen eine Schlüsselrolle. Im Moment verhalten sich die Investoren eher abwartend. "Die deutschen Unternehmen verlassen zwar nicht das Land, aber sie investieren nicht neu", hat die DIHK kürzlich die Lage zusammengefasst. Für ein Land, das dringend auf Wachstum angewiesen ist, ist solche Zurückhaltung der Investoren schon schlimm genug. Treibt es der türkische Präsident Erdogan mit seinen Beschimpfungen auf die Spitze, könnte der wichtigste Handelspartner der Türkei endgültig den Rückzug antreten.

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