Absturz der türkischen Währung nicht aufzuhalten | Wirtschaft | DW | 07.08.2020
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Geldmarkt

Absturz der türkischen Währung nicht aufzuhalten

Die türkische Lira bleibt auf Sinkflug und fällt auf ein neues Rekordtief zum Dollar. Geldmarkthändler wetten inzwischen auf eine Zinserhöhung, obwohl Präsident Erdogan das ablehnt.

Murat Uysal soll die Türkei eigentlich aus Rezession und Währungskrise führen. Der von Präsident Recep Tayyip Erdogan auserwählte Chef der Notenbank hat ein Jahr nach seinem Amtsantritt aber nur wenige Erfolge vorzuweisen, im Gegenteil: Die Türkei kämpft nicht nur mit der Corona-Krise und deren wirtschaftlichen Folgen, sondern auch noch mit dem beschleunigten Kursverfall ihrer Währung: Die Lira fiel am Freitag auf ein weiteres Rekordtief zum Dollar von 7,35 Lira. Damit hat sie in diesem Jahr ein Fünftel ihres Wertes eingebüßt.

Für das lange boomende Schwellenland mit seinen mehr als 80 Millionen Einwohnern sind das schlechte Nachrichten, schwächt doch die Talfahrt der Lira nicht nur die Kaufkraft der Verbraucher, sondern sie droht sich auch noch zu einer Bankenkrise auszuweiten. Die Türkei ist im Ausland stark verschuldet. Die Ratingagentur S&P schätzt, dass mehr als ein Drittel aller Kredite in Fremdwährungen aufgenommen wurden. Der Schwächeanfall der Lira verteuerte deshalb die Rückzahlung. Kommt es infolge der Abwertung der heimischen Währung zu massenhaften Kreditausfällen, haben die Banken ein Problem. Sie blieben dann auf einem Teil ihrer Forderungen sitzen und könnten selbst in Schwierigkeiten geraten.

Druck auf Lira wird weiter anhalten

Die Zentralbank stemmt sich verzweifelt gegen die Lira-Abwertung, doch sind ihr zunehmend die Hände gebunden. Ihre Währungsreserven fielen zuletzt von 81 auf nur noch 51 Milliarden Dollar. Seit vergangenem Jahr haben die Notenbank und staatliche Geldhäuser mehr als 110 Milliarden Dollar ausgegeben, um die heimische Währung am Devisenmarkt zu stützen. Gehen die Vorräte zur Neige, ohne das sich die Landeswährung stabilisiert, kann das zu einer weiteren Abwertung, Inflation und einem sich ausweitenden Leistungsbilanzdefizit führen. "Wir haben hier eine Menge Zutaten für eine ausgewachsene Krise", warnt Nikolay Markov, leitender Ökonom bei Pictet Asset Management.

Leere Terrasse eines Restaurants an der türkischen Küste (DW)

Der Wechselkurs ist eigentlich perfekt für Touristen - wenn denn welche kommen

Die Ursachen des Abwärtsdrucks der Lira sieht Commerzbank-Analystin Antje Praefcke vor allem in der mangelnden Inflationsbekämpfung der Zentralbank sowie einem Realzins im tiefroten Bereich. So fiel der maßgebliche Zins der Zentralbank in nicht einmal einem Jahr von 24 Prozent auf aktuell 8,25 Prozent, während die Inflationsrate bei zwölf Prozent liegt. "Wir gehen daher davon aus, dass die Lira tendenziell unter Druck bleiben wird", sagt die Expertin. Für das rohstoffarme und auf Importe angewiesene Land ist die schwächelnde Währung eine schlechte Nachricht. Denn dadurch verteuern sich die Einfuhren merklich. Das wiederum nagt an Unternehmensgewinnen und der Kaufkraft der Verbraucher.

Corona-Pandemie verschärft Probleme

Erschwert wird die Lage durch die Corona-Pandemie. Der wichtigen Tourismusbranche macht das Fernbleiben ausländischer Gäste zu schaffen, die normalerweise viel Geld und harte Devisen ins Land bringen. Im ersten Halbjahr 2020 brach die Zahl ausländischer Besucher um 75 Prozent auf 4,51 Millionen ein. Auch deshalb erwarten die von der Nachrichtenagentur Reuters befragten Ökonomen, dass das türkische Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um mehr als vier Prozent fallen wird. Immerhin: Die Küstenregion mit den Tourismuszentren Antalya und Izmir gelten nicht mehr als Hochrisikogebiete, weshalb etwa die Bundesregierung ihre Reisewarnung inzwischen aufgehoben hat.

Murat Uysal bleibt als Ausweg aus der Währungsmisere eigentlich nur eine deutliche Anhebung der Zinsen, um die Lira wieder attraktiver zu machen. Ob er damit das Wohlwollen von Präsident Erdogan gewinnt, ist allerdings fraglich. Dieser hat sich wiederholt als "Zinsfeind" bezeichnet und auf kräftige Senkungen gedrungen, um mit billigerem Geld die Wirtschaft anzuschieben.

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