Türkei: Kritik an Erdogans Corona-Impfkampagne | Europa | DW | 28.01.2021
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Corona-Pandemie

Türkei: Kritik an Erdogans Corona-Impfkampagne

Seit zwei Wochen wird die türkische Bevölkerung gegen das Coronavirus geimpft, in sechs Monaten soll der Prozess abgeschlossen sein. Experten sehen jedoch kaum Erfolgsaussichten für die Regierung.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat sich vor laufenden Kameras gegen das Coronavirus impfen lassen

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat sich vor laufenden Kameras gegen das Coronavirus impfen lassen

Wie in vielen Ländern der Welt kommt nun auch in der Türkei allmählich die Impfkampagne gegen das Coronavirus ins Rollen. Am 14. Januar leitete der türkische Gesundheitsminister Fahrettin Koca die erste von insgesamt vier Phasen ein. Seither wurde Risikogruppen -wie Bürger über 85 Jahren, Personal in Pflegeheimen, Beschäftigte im Gesundheitswesen und Apotheker - der chinesische Impfstoff CoronaVac verabreicht. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums wurden bis zum jetzigen Zeitpunkt ungefähr 1,54 Millionen Türken gegen das Coronavirus geimpft.

Das erklärte Ziel der Regierung sei es, innerhalb der nächsten sechs Monate eine Herdenimmunität in der türkischen Gesellschaft herzustellen. Doch einige Virologen und Ärzte haben Zweifel, ob dieses hochgefasste Ziel realistisch ist. So wird kritisiert, dass nur 40,5 Millionen Impfdosen CoronaVac vom chinesischen Pharmakonzern Sinovac bestellt wurden - angekündigt waren ursprünglich 50 Millionen Dosen.

"Auch mit 50 Millionen Dosen wird man nicht in der Lage sein, eine Herdenimmunität in der Türkei zu gewährleisten", schlussfolgert Murat Akova, Experte für Infektionskrankheiten an der Hacettepe-Universität. 70 bis 80 Millionen Impfstoffdosen seien dafür erforderlich, diese Kapazitäten hätte man ins Auge fassen müssen.

Murat Akova, Experte für Infektionskrankheiten von der Hacettepe-Universität

Murat Akova, Experte für Infektionskrankheiten von der Hacettepe-Universität

Kaum Vertrauen in Impfstoff aus China

Erschwerend für die Regierung kommt hinzu, dass große Teile der türkischen Bevölkerung dem aus China importierten Impfstoff misstrauen. Grund ist, dass es verschiedene Angaben zu seiner Wirksamkeit gibt: Während eine Studie von türkischen Krankenhäusern und Gesundheitseinrichtungen, an der sich 300.000 Freiwillige beteiligten, eine Wirkung von 91,25 Prozent ergab, liegen in anderen Ländern, wo der Impfstoff CoronaVac eingesetzt wird, abweichende Zahlen vor. In Indonesien haben Tests eine Wirksamkeit von 65,3 Prozent ergeben; in Brasilien sogar nur 50,38 Prozent. 

Der Virologe und Zellbiologe vom US-amerikanischen Biochemieunternehmen SANA Biotechnology, Semich Tareen, sieht in den abweichenden Testergebnissen dennoch keinen Grund zur Sorge: Die Abweichungen hingen mit den unterschiedlichen Fallzahlen der Tests zusammen, in Indonesien und Brasilien beteiligten sich deutlich weniger Menschen an den Tests. "Außerdem ist eine Schutzwirkung von 50 Prozent, wie in Brasilien, kein Beweis dafür, dass der Impfstoff wirkungslos ist. Man muss bedenken, dass bei denjenigen, die sich trotz Impfung infizieren, sehr milde Symptome zu erwarten sind. Das ist immer noch ein positives Ergebnis."

Auch kritisieren manche Experten, dass die türkische Regierung sich mit nur einem Impfstoff eingedeckt hat. Nach offiziellen Aussagen der Regierung scheint nun doch Interesse zu bestehen, mit Impfstoffen von anderen Anbietern nachzurüsten. Auch zu dem deutschen Unternehmen BioNTech soll die türkische Regierung Kontakt aufgenommen haben. 

Impfstoffmarkt: Hat sich die Türkei verzockt?

Für Murat Akova sei ein Deal mit Biotechnologieunternehmen wie BioNTech oder Moderna zu diesem späten Zeitpunkt nicht mehr zu erwarten. "Bei beiden Impfstoffen gibt es Probleme in der Produktion." Pfizer habe den Versand von BioNTech-Impfstoffen nach Europa sowieso verlangsamt und in einigen Ländern sogar eingestellt.

Der Molekularbiologe Urartu Seker von der Bilkent-Universität

Der Molekularbiologe Urartu Seker von der Bilkent-Universität

Auch der Molekularbiologe Urartu Seker von der Bilkent-Universität kritisiert die türkische Regierung dafür, anfangs zu viel Zeit verstreichen gelassen zu haben.

"Offensichtlich sind wir zu spät", kritisiert er. "Die Produktionskapazitäten vieler Impfstoff-Hersteller sind ausgeschöpft. Laut BioNTech sei ein Teil des Impfstoffs auch für die Türkei bestimmt. Aber sind diese Impfstoffe wirklich verfügbar? Oder sind das nur Wunschvorstellungen?"

Tareen gibt auch zu bedenken, dass die Abhängigkeit von einem einzigen Impfstoff ein schwerwiegender Fehler gewesen sei. "In einem idealen Szenario sollten mehrere Impfstoffe zur Verfügung stehen. Weil die Technologien der Impfstoffe unterschiedlich sind, ist die erzielte Immunität dann auch multipler", erklärt der Virologe Tareen. Zudem könnten Probleme, die auftreten, von einem zweiten Impfstoff kompensiert werden.

Türkische Ärztekammer will mehr Transparenz

Nun macht auch die türkische Ärztekammer (TTB) Druck auf die Regierung. Sie kritisiert, dass das Impfprogramm des Gesundheitsministeriums nicht ausreichend transparent sei, man müsse ihre die Ärztevertreter besser in den Prozess einbeziehen, fordern sie. In einer zuletzt veröffentlichten Erklärung des TTB wird eingefordert, dass mehr Informationen bereitgestellt werden. "Wir bitten darum, dass die genaue Anzahl der durchgeführten Impfungen und alle Einsichten darüber, ob unerwartete Nebenwirkungen bei geimpften Personen aufgetreten sind, mit dem TTB geteilt werden."

TTB-Präsidentin Sebnem Korur Fincanci

TTB-Präsidentin Sebnem Korur Fincanci

Auch TTB-Präsidentin Sebnem Korur Fincanci sagte der DW, dass sie sich mehr Transparenz erhofft hätte, auch wenn die Wirkung des chinesischen Impfstoffs bisher eher positiv einzuschätzen sei. "Unter Berücksichtigung der begrenzten Daten, die wir erhalten haben, stellen wir fest, dass der Impfstoff keine Nebenwirkungen hat und fast zu 100 Prozent vor schweren Krankheitsverläufen schützt."

Coronakrise: Erdogan und der Vertrauensverlust

Das Misstrauen beruht auf einer Vorgeschichte: Schon seit Beginn der Corona-Krise rüttelt die türkische Ärztekammer an der Glaubwürdigkeit der türkischen Regierung und ihrem Corona-Krisenmanagement. Oft wichen ihre Berechnungen stark von den offiziellen Zahlen des Gesundheitsministeriums ab. Beispielsweise veröffentlichten die Ärzte im vergangenen November eine eigene Erhebung, die darauf hindeutete, dass die Fallzahlen der Corona-Infizierten 300 Prozent höher sein müssten.

Zunächst wehrte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sich gegen die Vorwürfe, indem er die Ärztekammer als Terrororganisation hinstellte. Weil die Zweifel an den offiziellen Zahlen allerdings irgendwann so immens waren, half das Ablenkungsmanöver nicht mehr: Das Gesundheitsministerium war gezwungen, die offiziellen Corona-Fallzahlen zu justieren. Tatsächlich stellte sich heraus, dass das Gesundheitsministerium monatelang bei den Angaben getrickst hatte und nur symptomatische Fälle in die Statistik eingeflossen waren. Das so verspielte Vertrauen macht sich heute - ein paar Monate nach dem Skandal - bemerkbar; laut türkischer Umfragen möchte sich zurzeit nicht einmal jeder Zweite impfen lassen.

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