Türkei: Inhaftierter Mafiaboss droht Journalisten mit dem Tod | Europa | DW | 05.07.2018
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Pressefreiheit

Türkei: Inhaftierter Mafiaboss droht Journalisten mit dem Tod

Alaattin Çakıcı sitzt wegen etlicher Straftaten in Haft. Das hält ihn nicht davon ab, Kritikern zu drohen. Kürzlich verbreitete er über Instagram eine Liste mit Namen von Journalisten, die ihm nicht genehm sind.

Das Instagramprofil von Alaattin Çakıcı sieht eintönig aus. Klar, ein Mafiaboss in Haft kann keine schönen Landschaftsfotos teilen. Dafür gibt es Çakıcıs handgeschriebene Briefe, mit denen er mal seinen Anhängern einen gesegneten Freitag wünscht, mal an Politiker appelliert.

In seinem jüngsten Brief nannte der 65-Jährige die Namen von sechs Journalisten der konservativen regierungskritischen Zeitung "Karar". "Das ist ein Aufruf an alle, die mich lieben. Tut eure Pflicht", richtete er sich an seine Anhänger. "Ich informiere meine Opfer immer im Voraus", droht Çakıcı: "Sobald diese Journalisten gesichtet werden, werden sie von Menschen bestraft, die mich schätzen, sowohl in der Türkei als auch im Ausland. Dies ist ein Aufruf an diejenigen, die mir immer wieder sagen: Bruder, befiehl uns zu schießen, und wir schießen; befiehl uns zu sterben, und wir sterben."

Medien sind alarmiert

"Nach dieser Drohung sind wir alle ratlos und haben Angst", so der langjährige "Hürriyet"-Journalist Ismail Saymaz der Deutschen Welle. "Denn Çakıcı ist eine Person, die in der Lage ist, den Worten Taten folgen zu lassen." 

Çakıcı wird in der Türkei für mehr als 40 Morde verantwortlich gemacht. Es gibt unbewiesene Vermutungen, dass er auch in die Ermordung einiger Journalisten involviert ist. Auch gute Kontakte zum türkischen Geheimdienst werden ihm nachgesagt. 

Türkei Protest für Pressefreiheit (picture-alliance/dpa/S. Suna)

Protest für die Pressefreiheit in Istanbul (April 2016)

Den Anlass für den bedrohlichen Instagram-Post gegen die "Karar"-Mitarbeiter fand der Mafiaboss wenige Tage nach der Wahl Ende Juni. Da hatte Çakıcı erklärt, dass er und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sich gegenseitig nicht mögen und dass Erdogan nur dank Wähler der ultra-nationalistischen MHP die Wahlen habe gewinnen können.

Die "Karar" berichtete darüber laut Çakıcı unter dem Titel "Dreiste Worte an Erdogan". Der Artikel ist mittlerweile von der Internetseite der Zeitung verschwunden - in Çakıcı Augen war er offenbar ausreichend für einen Mordaufruf.

Einige der von Çakıcı erwähnten Journalisten stehen inzwischen unter Polizeischutz. Die regelmäßige Kolumne, unter deren Überschrift der Text erschienen war, "pausiere" auf unbestimmte Zeit, ließen sie wissen. Gründe dafür nannten sie nicht.

Auch die MHP bedroht Journalisten

Bedroht werden Journalisten in der Türkei allerdings nicht nur von der Mafia. Devlet Bahçeli, Vorsitzender der ultra-nationalistischen MHP, die mittlerweile Koalitionspartner von Erdogans AKP ist, schaltete eine Zeitungsanzeige mit einem zynischen Dank an Journalisten, die über ihn und seine Partei kritisch berichtet hatten. 70 Journalisten sind darin namentlich erwähnt.

Zu ihnen zählt auch "Hürriyet"-Redakteur Ismail Saymaz. "Solche Äußerungen von jemandem, der mit seiner Partei gerade Teil der Regierung geworden ist, schränken natürlich die Arbeit der Journalisten ein", sagt Saymaz. In einer Zeit, in der Journalisten schon aufgrund unbewiesener Anschuldigungen verhaftet würden, sei die Anzeige von Bahçeli sehr beunruhigend. 

Türkei - Devlet Bahceli (picture-alliance/AA/E. Sansar)

MHP-Chef Devlet Bahçeli hat sich für die Begnadigung des Mafiabosses Alaattin Çakıcı ausgesprochen

Der langjährige Vertreter von Reporter Ohne Grenzen (ROG) in der Türkei, Erol Önderoglu, kritisiert gegenüber der Deutschen Welle: "Journalisten werden zur Zielscheibe gemacht. Wie kann uns der Polizeischutz beruhigen, wenn der Bündnispartner dieser Regierung die Pressefreiheit mit Füßen treten darf?"

Die Regierung schweigt zu den Listen öffentlich angeprangerter Journalisten. Wenige Tage bevor Bahçelis Partei in die Regierung eintrat, hatte er den Mafiaboss Çakıcı noch besucht. Ein gemeinsames Foto der beiden wurde über den offiziellen Twitter-Account der MHP geteilt. Bahçeli setzt sich für die Amnestie des mehrfach verurteilten Verbrechers ein und beschreibt ihn als "einen Mann, der sein Vaterland liebt und dafür alles tut".

Ermittlungen gegen den Mafiaboss

Die Drohung des Mafiabosses Alaattin Çakıcı löste in der Türkei eine Debatte aus. Die oft geäußerte Vermutung, er könne auch an Journalistenmorden beteiligt gewesen sein, erscheint nun noch plausibler. Die Liste in der Türkei ermordeter Journalisten ist lang. Die meisten hatten die Regierung kritisiert, über Korruption oder Islamismus in der Türkei berichtetet. Auf der Rangliste der Pressefreiheit von ROG steht die Türkei auf Platz 157 von 180 Ländern. Über 100 Journalisten sitzen in Haft. Mittlerweile scherzen einige Journalisten sarkastisch, sie seien in Haft sicherer als auf offener Straße.

Der Anwalt des Mafiabosses Çakıcı meldete kürzlich, die Aufforderung seines Mandanten, gewaltsam gegen Journalisten vorzugehen, sei für drei Monate ausgesetzt. Wenn die Pressevertreter so lange "keinen Fehler" machten, gelte dies "für immer". Die Staatsanwaltschaft in Ankara hat einen Strafantrag gegen Çakıcı gestellt und ermittelt.

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