Türkei: Ein Land in Schreckstarre | Wirtschaft | DW | 17.08.2018
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Wirtschaftskrise

Türkei: Ein Land in Schreckstarre

Auch wenn sich die Wogen der Währungsturbulenzen ein wenig geglättet haben: Vorbei ist die Krise in der Türkei noch lange nicht. Und sie trifft vor allem die kleinen Leute. Gunnar Köhne aus Istanbul.

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Türkei: Wirtschaft leidet unter Währungsverfall

"Uns geht es gut, wir können nicht klagen", sagt der Besitzer eines kleinen Hotels in Istanbuls Innenstadt. Nach der Flaute vor einem Jahr kommen wieder Touristen in die jahrtausendealte Metropole am Bosporus. Sein 15-Zimmer-Haus ist seit Sommeranfang ausgebucht. Und die Ausländer bezahlen auf Euro- oder Dollarbasis. Angesichts der derzeit schwachen türkischen Lira ein gutes Geschäft – selbst bei einer Inflation von 16 Prozent.

Und auch die türkischen Exporteure gehören nicht zu denjenigen, die in der Finanzkrise laut aufstöhnen. Der Unternehmer Cemil Mirasoglu hat in seinem langen Berufsleben schon etliche Wirtschaftskrisen erlebt. Seit 38 Jahren produziert er in einem Istanbuler Vorort Elektroteile für PKW und Busse - überwiegend für den europäischen Markt.

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"Wir müssen zwar zum Teil von Zulieferern in Euro kaufen, aber wir verkaufen ja auch in Euro nach Europa. So haben wir recht wenig mit den Währungsschwankungen der türkischen Lira zu tun." Neben dem Tourismus sind Exporteure wie der Mittelständler Mirasoglu die größten Devisenbringer des Landes. Fast die Hälfte aller Exporte der Türkei geht in die Europäische Union.

Wachstum auf Pump

Doch das sind Ausnahmen. In allen anderen Sektoren des türkischen Wirtschaftslebens herrscht nach dem Absturz der türkischen Lira um 40 Prozent seit Jahresanfang eine Schreckstarre. Besonders ist das an den zahllosen halbfertigen Hochhäusern entlang der Istanbuler Stadtautobahnen zu sehen. Dort dreht sich kein Kran mehr. Für den Wirtschaftsfachmann Mustafa Sönmez sind die Betonskelette das Symbol der Misere schlechthin. Denn jahrelang hätte die Regierung auf Beton gesetzt: Der Bausektor wurde zum Motor der türkischen Wirtschaft, gefördert durch öffentliche Aufträge für Brücken, Straßen und Tunnel und dem Versprechen auf schnelles Geld von Investoren vor allem aus arabischen Ländern.

"Das meiste entstand auf Pump durch staatliche Kredite und die verordnete Niedrigzinspolitik. Nur durch dieses Doping kamen zuletzt noch wunderbare Wachstumsraten von über sieben Prozent zustande." Schätzungen zufolge ist der türkische Privatsektor, nicht zuletzt die Baubranche, mit bis zu 300 Milliarden Dollar im Ausland verschuldet. Auch viele einfache Bürger hatten den Versprechungen der Baubranche auf eine vermeintlich sichere Anlage geglaubt und ihr Erspartes in eine Zweitwohnung angelegt. Nun müssen sie mit ansehen, wie die Immobilienpreise purzeln.

Türkei Erdogan Bauprojekt (picture-alliance/NurPhoto/D. Cupolo)

Wohnungsbauprojekt in Diyarbakir

Wer die Zeche zahlt

Die Zeche müssen nun Rentnerinnen wie Zeynep Düzgünoglu zahlen. Ihr kleines Häuschen im Stadtteil Fikirtepe wurde im Rahmen eines Stadterneuerungsprogramms abgerissen. Im Gegenzug sollte sie von einem Bauunternehmer eine neue Wohnung in einem Hochhaus bekommen, das auf ihrem Grundstück entstehen sollte. Doch der Unternehmer ging Pleite, und Frau Düzgünoglu ist seitdem ohne Dach über dem Kopf. Gemeinsam mit anderen Betroffenen kampiert sie seit Monaten aus Protest auf dem Baugrundstück. Doch von den Behörden wird ihr verzweifelter Protest ignoriert.

Nicht nur, dass die resolute Frau ohne Wohnung ist. Von ihrer Rente von umgerechnet nur noch 200 Euro bleiben ihr in der steigenden Inflation immer weniger. Ein Kilo Fleisch kostet über mittlerweile umgerechnet 10, ein Kilo Kartoffeln über einen Euro. Dazu werden die Strom- und Gaspreise von der Regierung fast monatlich angehoben - zuletzt im Juli um zehn Prozent. Der Grund: die Türkei muss fast ihre gesamte Energie für teure Dollar importieren.

"Wir werden immer ärmer", fürchtet nicht nur Rentnerin Düzgünoglu. Berichte über Massenentlassungen nehmen zu, die Arbeitslosenzahlen steigen unaufhörlich. Offiziell liegt die Quote bei mehr als 12 Prozent - inoffiziell dürfte sie weit höher liegen, da viele Türken gar nicht sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind.

Auch in der türkischen Mittelschicht, die unter Recep Tayyip Erdogan einen großen Aufstieg erlebte, machen sich Abstiegsängste breit. War es vor einigen Jahren noch üblich, die eigenen Kinder auf private Schulen und Kindergärten zu schicken, gehen die Anmeldezahlen landesweit zurück. Viele Eltern, so erzählt der Leiter einer privaten Vorschule in Istanbul, wollten mit der Anmeldung bis zum letzten Tag vor Schulbeginn im September warten. In der Hoffnung, dass sich bis dahin die wirtschaftliche Lage bessert. Doch danach sieht es nicht aus.

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