Suchmaschinen: Europas Streben nach Datenschutz | Wirtschaft | DW | 06.08.2020
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Internet

Suchmaschinen: Europas Streben nach Datenschutz

In Europa werden vor allem die US-Suchmaschinendienste Google und Bing genutzt - trotz Bedenken wegen des Datenschutzes. Konkurrierende europäische Suchdienste versuchen, die Privatsphäre der Nutzer zu schützen.

Jedes Mal, wenn Sie einen Suchbegriff in das Textfeld Ihres Browser eingeben, hinterlassen Sie eine Spur - wie digitale Brotkrumen sozusagen.

Verschiedene Unternehmen - die meisten davon US-amerikanisch - verfolgen diese Spur und verdienen damit Geld. Jede Suche wird analysiert, kategorisiert und nach Werbeeinnahmen durchsucht.

In Europa hat Google laut Netmarketshare.com einen Marktanteil von 93,6 Prozent bei Websuchen. Bing hat 2,7 Prozent. Die russisch-niederländische Suchmaschine Yandex hat nur 1,6 Prozent - obwohl sie 64 Prozent des russischen Marktes beherrscht.

Suchunternehmen sammeln Daten über die Anfragen der Nutzer, sodass sie die Suchergebnisse personalisieren und mehr nutzerrelevante Anzeigen liefern können. Sie wissen schon: die kleinen Werbeblöcke, die komischerweise immer genau Ihren Geschmack treffen. 

Die Daten und daraus resultierenden persönlichen Profile enthalten aber auch eine erstaunliche Menge an Informationen über Sie - unter anderem aber auch Informationen, mit denen leicht auf Ihre politischen Präferenzen geschlossen werden könnte.

Weltweit verteilt sich der Marktanteil der Websuchen auf Google (70,6 Prozent) und Microsofts Suchmaschine Bing (13), Baidu aus China (11,8), Yahoo (2,3), Russlands Yandex (1,2) und DuckDuckGo (0,43). Das einzige europäische Suchunternehmen unter den Top 10 ist das in Berlin ansässige Unternehmen Ecosia, das mit einem Marktanteil von 0,12 Prozent weltweit an neunter Stelle liegt.

Masken bieten Privatsphäre

Andreas Wiebe, Gründer des in der Schweiz ansässigen Internet-Suchunternehmens SwissCows, erklärt im DW-Gespräch, dass einige Suchmaschinen-Unternehmen den Nutzern helfen, ihre Privatsphäre zu schützen, indem sie einen Ausschnitt oder eine Maske erstellen, mit denen Nutzer Google oder Bing durchsuchen können, ohne direkt verfolgt zu werden. 

"Diese Suchdienste entfernen die identifizierenden Daten aus der Suchanfrage des Nutzers, senden den Suchbegriff an Google oder Bing, warten auf Ergebnisse und geben dann die Ergebnisse an den Nutzer zurück", so Wiebe.

Das in den Niederlanden ansässige Unternehmen StartPage, das von Stiftung Warentest mit dem Consumer-Choice-Preis 2019 ausgezeichnet wurde, stellt eine solche auf Datenschutz ausgerichtete Maske mit den Suchergebnissen von Google.

So ebenfalls das beliebte US-amerikanische Suchmaschinenunternehmen DuckDuckGo, das bei den Suchergebnissen auf Bing zurückgreift, genau wie das französische Unternehmen Qwant.

Ecosia verwendet ebenfalls Bing, legt aber keinen Schwerpunkt auf den Datenschutz der Nutzer. Das Alleinstellungsmerkmal der Suchmaschine ist, dass 80 Prozent der Gewinne für Baumpflanzungsprojekte verwendet werden - bis Juli 2020 wurden mehr als 100 Millionen Setzlinge gepflanzt.

Indexierung im Internet ist teuer

Einige kleine Suchmaschinenunternehmen gehen über eine bloße Maske über Google oder Bing hinaus und betreiben ihre eigene sogenannte Web-Crawler-Software, um Webseiten unabhängig zu indexieren und zu speichern.

SwissCows hat zum Beispiel einen eigenen Web-Crawler, aber "unsere Suchergebnisse sind eine Mischung", erklärt Wiebe. "Wenn Sie einen Suchbegriff in SwissCows.com eingeben, werden etwa 20 bis 25 Prozent der Ergebnisse von unserem eigenen Index generiert, der Rest stammt von Bing".

Suchmaschine duckduckgo unter der Lupe

DuckDuckGo ist eine weniger bekannte Internet-Suchmaschine, die einen Schwerpunkt auf den Schutz der Privatsphäre der Nutzer legt

Das Verkaufsargument von SwissCows ist die "semantische Suche", die besonders die inhaltliche Bedeutung von Texten und Suchanfragen berücksichtigt. Außerdem liegt ein starker Fokus auf der Privatsphäre der Nutzer sowie einem Herausfiltern von Gewalt und Pornographie.

Exalead gehört zu dem französischen Software-Entwicklungsunternehmen Dassault Systemes und verfügt über eine eigene Suchmaschine, stützt sich aber bei den Ergebnissen hauptsächlich auf Bing. MetaGer, ein Spin-off der Universität Hannover, kombiniert Ergebnisse aus einem eigenen Teilindex mit Ergebnissen anderer Suchmaschinen.

Wiebe möchte, dass Europa die Datenzentren baut, die für die Unterstützung vollständig europäischer Suchmaschinen benötigt werden. Seine kleine Firma könne es sich nicht leisten, dies allein zu tun. 

Die Indexierung der Milliarden von Webseiten sei "eine gigantische Aufgabe, die ein sehr großes Rechenzentrum sechs oder sieben Jahre in Anspruch nehmen würde und enorme Mengen an Computerleistung, Strom und Geld erfordern würde", sagt er.

Google und Bing haben die Kapazität, ebenso Chinas Baidu und Russlands Yandex, weiß Wiebe, aber "niemand sonst hat die Kapazität. Aus diesem Grund bieten die meisten Suchunternehmen lediglich eine Maske über den Suchergebnissen von Google oder Bing an".

Startpage als Vorreiter? 

Startpage wurde 2006 in den Niederlanden gegründet und behauptet, die erste private Suchmaschine der Welt zu sein. Das Unternehmen sagt, es verfolgt nicht, protokolliert nicht, erstellt keine Benutzerprofile und gibt keine Benutzerdaten weiter.

Wie verdient es also Geld?

"Wir verdienen Geld mit kontextbezogener Werbung, die zum Inhalt der Website passt. Das heißt, wenn Sie nach Fahrrädern suchen, werden Sie zusammen mit Ihren Suchergebnissen mit fahrradbezogenen Anzeigen bedient", sagt Robert Beens, Mitgründer von Startpage.

"Dies unterscheidet sich von verhaltensorientierter Werbung" - wie sie unter anderem von Google und Facebook verwendet wird - "die personalisierte Informationen wie besuchte Seiten, durchgeführte Suchen, angeklickte Links, gekaufte Produkte und den Standort anzapft", erklärt Beens.

Obwohl Startpage von jedem Internet-Browser aus genutzt werden kann, schloss das Unternehmen im Mai einen Vertrag mit dem norwegischen Unternehmen Vivaldi Technologies - der Firma, die hinter dem neuen Vivaldi-Browser steht.

Vivaldi bietet zusätzliche Werkzeuge zur Verbesserung des Datenschutzes, um die Nutzer vor Tracking und unerwünschter Werbung zu schützen. Dazu kommt ein ausgeklügeltes, vom Benutzer anpassbaren Registerkarten-Management, einer Benutzeroberfläche und einer Auswahl an Navigationsmöglichkeiten.

Warum all die Mühe?

Sie können ihre Privatsphäre also selbst - sogar ohne großen Aufwand - wahren, indem Sie einen Suchmaschinendienst wie Startpage, DuckDuckGo oder SwissCows als Schnittstelle verwenden - doch warum sollte sich Europa die Mühe machen, und mit schier riesigem Aufwand einen Konkurrenten von Google oder Bing zu gründen?

Andreas Wiebe sagt, dass die Abhängigkeit Europas von amerikanischen Rechenzentren einerseits die Verhandlungsposition in den bilateralen Handelsbeziehungen schwächt und andererseits Europas Fähigkeit beeinträchtigt, seine eigenen Datenschutzgesetze wirksam umzusetzen.

Dazu komme, dass es der US-Regierung leichter gemacht werde, finanzielle Sanktionen gegen ausländische Ziele durchzusetzen, selbst wenn Europa die Sanktionen nicht unterstütze.

Das digitale Europa wird von amerikanischen Unternehmen wie Google, Facebook, Amazon, LinkedIn oder Twitter dominiert, und "der Aufbau einer vollständig europäischen Dateninfrastruktur würde dazu beitragen, dass eine stärkere europäische Industrie für digitale Dienstleistungen entsteht", sagt Wiebe.

"Wir brauchen ein paar europäische Digital-Champions."

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