Stuhltransplantation - Wichtig ist, was hinten rauskommt | Wissen & Umwelt | DW | 03.09.2020
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Darmerkrankungen

Stuhltransplantation - Wichtig ist, was hinten rauskommt

Über unseren Darm sprechen wir nicht so gerne. Aber er ist eines unserer wichtigsten Organe. Funktioniert er nicht, kommt es zu ernsthaften Problemen. Manchmal kann eine Stuhltransplantation helfen.

Wie ist eigentlich die korrekte, die medizinische Ausdrucksweise, wenn man über Ausscheidungen beim Menschen spricht? Exkrement? Kot? Oder Fäzes? Die gängige Bezeichnung sei Stuhl, klärt Maria Vehreschild auf. Sie ist Leiterin der Infektiologie am Universitätsklinikum Frankfurt.

Sie weiß, dass kaum jemand gerne über Stuhl im Allgemeinen und seinen eigenen im Speziellen spricht. Und gar darüber nachzudenken, wie es wäre, wenn der Stuhl eines anderen Menschen in den eigenen Körper transplantiert würde, ist für die meisten wohl eine ziemlich abstoßende, eklige Vorstellung.

Patienten, denen eine Stuhltransplantation bevorstehe, störe das kaum, sagt Vehreschild. Für sie könne es schließlich bedeuten, dass sich ihr Gesundheitszustand verbessere. "Die psychologischen Probleme bei den Empfängern entstehen vor allem dadurch, dass Darmerkrankungen meist rezidivierend sind. Das heißt, sie kommen immer wieder. Das belastet die Patienten viel mehr als alles andere", erläutert Vehreschild. Außer ihrer Arbeit an der Uni Frankfurt leitet sie auch die AG Medizinische Mikrobiomforschung an der Uniklinik Köln. Sie gilt als Expertin auf dem Gebiet der Stuhltransplantation, die auch als Fäkale Mikrobiota-Transplantation (FMT) bezeichnet wird.

Bakterien der menschlichen Darmflora (Imago/Science Photo Library)

In unserem Darm gibt es Billionen von Bakterien

Stiefmütterliche Behandlung

Unser Mikrobiom ist eine Art Fingerabdruck, denn es ist für jeden Menschen einzigartig. In unserem Darm leben Billionen Bakterien und andere Mikroorganismen. "Das Mikrobiom beschreibt die Gene aller Mikro-Organismen, die uns besiedeln", erklärt Vehreschild.

"Die Organismen selbst würde man als Mikrobiota beschreiben. Sie spielen eine sehr wichtige Rolle in der Regulation unserer Körperfunktionen. Es gibt kaum ein Organ, das über die Zusammensetzung des Mikrobioms nicht in seinen Funktionen beeinflusst wird." Deshalb habe die Wissenschaft in den letzten Jahren auch sehr viele Begriffe etabliert, die sogenannte Mikrobiom-Organ-Achsen beschreiben. "Es gibt zum Beispiel die Darm-Hirn-Achse oder die Darm-Leber-Achse oder die Darm-Nieren-Achse. Sie zeigen, dass es zwischen der Mikrobiota und verschiedenen Organen Interaktionen gibt", so die Wissenschaftlerin.

Wie gelangt der Stuhl des Spenders in den Empfänger?

Vor der Übertragung vom Stuhl des Spenders auf den Empfänger müssen beide etliche Tests und Befragungen durchlaufen. „Die sind noch ausführlicher als bei einer Blutspende. Wir müssen schließlich im Blut nach Hinweisen auf mögliche Infektionen suchen und auch im Stuhl", erklärt Vehreschild.

Es gibt unterschiedliche Methoden, um anschließend den Stuhl und damit die Bakterien zu übertragen. Zunächst muss die Stuhlspende aufbereitet werden. "Der Spender kommt zu uns ins Labor und spendet seinen Stuhl. Die Spende wird gefiltert und zentrifugiert, um die darin enthaltenen Bakterien zu gewinnen. Diese pipettieren wir dann in Kapseln, die der Patient schluckt", beschreibt Vehreschild den Ablauf.

Bakterien der menschlichen Darmflora (Imago/Science Photo Library)

Etwa 50 Prozent des menschlichen Stuhls bestehen aus Bakterien

Kapseln sind aber nicht die einzige Möglichkeit. Im Rahmen einer Koloskopie, also einer Darmspiegelung, kann eine Übertragung durchgeführt werden. Und auch über Einläufe direkt in den Darm können die hilfreichen Bakterien den Träger wechseln. Dort müssen sie sich dann ansiedeln, um dem fremden Darm dabei zu helfen, sich zu regenerieren und seine Funktionen zu erfüllen. 

Wichtige Voraussetzungen für eine Transplantation

Nicht jeder, der Probleme mit Magen und Darm hat, kann eine Stuhltransplantation erhalten. Bislang kommen als Empfänger nur Menschen mit einer sogenannten Clostridium difficile Infektion infrage. Dieses Bakterium kann schwere Darmentzündungen mit blutigen Durchfällen verursachen. Auslöser dafür ist oft die wiederholte Gabe von Antibiotika, denn solche Therapien bergen immer die Gefahr, dass sie die Darmflora schädigen und dass sich krankhafte Keime breit machen können. Die guten Darmbakterien sterben ab, und das Bakterium Clostridium difficile kann sich im Darm ausbreiten.

Symbolbild Toilette (imago images/Shotshop)

Für manche Menschen wird der Gang zur Toilette zur Qual

Hat keine der gängigen Therapien angeschlagen, können Mediziner versuchen, dem Patienten mit einer Stuhltransplantation zu helfen. Die Erfolgsquote liege durchschnittlich bei 75 Prozent nach einer einzigen Therapie, beschreibt Vehreschild ihre Erfahrungen. Dennoch steht diese Methode erst am Anfang, über Risiken ist bislang wenig bekannt.

Das Team um Vehreschild konzentriert sich momentan darauf, den Mikrobiota-Transfer technisch zu optimieren und den Stuhl des Spenders für die Transplantation bestmöglich aufzubereiten.

Stuhltransplantation in der Forschung

Ob sich die Methode auch auf andere Darmerkrankungen anwenden lässt, ist noch nicht ausreichend erforscht. An Patienten mit Colitis ulcerosa beispielsweise haben Mediziner die Methode der Stuhltransplantation zwar bereits erfolgreich durchgeführt, allerdings nur an einer äußerst geringen Zahl von Patienten. Das gilt auch für das Reizdarmsyndrom. Bei all diesen Erkrankungen gibt es ein Ungleichgewicht in der Darmflora. Könnten Wissenschaftler derartige Fälle in Zukunft mit einer Stuhltransplantation behandeln, wäre das für viele Patienten ein Segen, auch für solche, die etwa unter Morbus Crohn leiden.

Noch nicht zugelassen

Symbolbild Grafik Darm Verdauungssystem (Imago Images/Science Photo Library)

Unser Verdauungssystem ist ein Wunderwerk

Auch wenn die FMT durchaus erfolgreich zu sein scheint, läuft die Methode noch unter der Bezeichnung 'individueller Heilungsversuch'. Es ist kein zugelassenes Verfahren, und die Indikation unterliegt strengen Auflagen. Eine der wichtigsten: Der Arzt muss alle möglichen Therapien bei dem Patienten durchgeführt haben. Erst wenn davon keine erfolgreich war und wenn die Indikation Clostridium difficile gegeben ist, kann eine Stuhltransplantation durchgeführt werden. 

Trotz all der strengen Auflagen gebe es Risiken, erklärt Vehreschild. Und das seien dann oft auch die Fragen, die Empfänger beschäftigten. "Zum einen wollen die Patienten natürlich zu Recht wissen, auf was wir den Spender untersuchen und ob wir sicher sind, dass nichts Gefährliches übertragen werden kann", sagt die Medizinerin. "Aber es bleibt natürlich eine gewisse Restunsicherheit. Beispiel Krebs – gibt es vielleicht irgendeine Mikrobiomkonstellation, die die Entstehung von Krebs begünstigt? Wenn wir darüber heute noch nichts wissen, kann ich den Empfänger natürlich auch nicht darauf hinweisen."

Das Eigenbrauer-Syndrom

Großbritannien - Pub (Imago/Newscast)

Beim Eigenbrauer-Syndrom entwickelt der Körper eigenständig Alkohol

Was unser Mikrobiom so alles bewirken kann, zeigt die Geschichte eines 47-jährigen Belgiers. Er trank keinen Schluck Alkohol und war trotzdem immer wieder betrunken. Das Ganze dauerte etwa zwei Monate. Mediziner im Universitätsklinikum Gent fanden schließlich die Lösung: Der Mann litt unter dem sogenannten Eigenbrauer-Syndrom. Bei dieser seltenen Erkrankung produziert der Körper nach einem Essen mit Kohlehydraten durch einen Hefepilz zu viel Ethanol, also Alkohol. Und so war er ständig über dem Alkohol-Limit. Ihm konnten die Experten mit einer Stuhltransplantation helfen. Jetzt sieht er alles wieder ganz nüchtern.

 

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