Studie: Populismus und Medienschelte sind ein Team | Deutschland | DW | 14.05.2018
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Glaubwürdigkeit der Medien

Studie: Populismus und Medienschelte sind ein Team

Wer populistisch denkt, misstraut sehr häufig auch den Medien. Zu dieser Erkenntnis kommt eine Studie der US-Denkfabrik Pew Research Center für zahlreiche Länder Westeuropas. Der Studienaufbau wirft aber Fragen auf.

Wie gut und vertrauenswürdig arbeiten die Medien? Eine Studie der US-Denkfabrik "Pew Research Center" hat dazu in acht Ländern Westeuropas Meinungsumfragen organisiert und kommt zu dem Schluss: Nicht mehr das Rechts-Links-Denken bestimmt den Blick vieler Menschen auf die Medien, sondern zunehmend die politische Nähe zu populistischen Ideen. Das gilt demnach in unterschiedlicher Intensität für alle untersuchten Länder, darunter Dänemark, Frankreich, Deutschland, Spanien, Italien, Schweden, Großbritannien und die Niederlande. In der Studie heißt es: "In den acht untersuchten Ländern vertrauen Menschen mit populistischer Gesinnung den Medien im Schnitt zwischen acht und 31 Prozent weniger als Menschen mit anderen politischen Vorstellungen." 

Besonders auffällig, so die Studienmacher, seien die Ergebnisse für Deutschland, wo das Misstrauen gegenüber den Medien bei der Gruppe der Populisten besonders groß zu sein scheint (siehe Infografik). "Während 78 Prozent der Nicht-Populisten grundsätzliches Vertrauen in die Medien haben, liegt dieser Zustimmungswert bei Menschen mit populistischem Politikverständnis gerade einmal bei 47 Prozent." Zudem bewertet diese Gruppe die Arbeit der Medien in den Themenfeldern Migration, Wirtschaft und Kriminalität besonders schlecht. Für Deutschland bedeutet das, dass Populisten rund 30 Prozent häufiger die Qualität der Berichterstattung zu Migration und Kriminalität kritisieren als andere Bevölkerungsgruppen. 

Deutschland Angriffe auf Reporter bei Bärgida Demonstration (Imago/C. Mang)

Kein Vertrauensverhältnis mehr: Anhänger der populistischen BÄRGIDA-Proteste im Nahprotest gegen einen Kameramann.

Vertrauenskrise in vielen EU-Staaten

Besonders rar gesät ist das Vertrauen in die Medien in Spanien, Italien, Frankreich und Großbritannien (siehe Infografik). Nur etwa ein Viertel all jener, die in der Studie als Populisten bezeichnet werden, bringen demnach den traditionellen Medien noch eine gewisse Wertschätzung und Vertrauen entgegen. Die Ergebnisse entstammen einer Meinungsumfrage, die zwischen dem 30. Oktober und 20.Dezember des vergangenen Jahres durchgeführt wurde. Rund 16.000 Antworten aus acht Ländern bilden die statistische Grundlage. 

Um zwischen populistischen und nicht-populistischen Antworten zu unterscheiden, hebt die Studie vor allem auf das Gegensatzpaar ab, das von populistischen Bewegungen besonders häufig als Trennlinie instrumentalisiert wird. Hier die "normalen Bürger", dort die "abgehobenen politischen Eliten". Je deutlicher ein Befragter diesen Gegensatz betont, desto eindeutiger stuft ihn die Studie als Bürger mit populistischen Ansichten ein. "Wer behauptet, dass gewählte Abgeordnete sich nicht für die Belange der Bürger interessieren und wer davon ausgeht, dass normale Bürger ganz grundsätzlich eine bessere Politik machen würden als Berufspolitiker, der wird als Populist eingestuft", heißt es in der Studie vom "Pew Research Center". Die US-Denkfabrik beschreibt sich selbst als überparteiliche Non-Profit-Organisation, finanziert durch das Stiftungsvermögen von "The Pew Charitable Trusts". Der Stiftungsfonds wurde von den Kindern des Sunoco-Gründers Joseph Newton Pew 1948 ins Leben gerufen. 

Rechts-Links-Denken wird weniger wichtig 

Die Ergebnisse der Studienarbeiten sollen Trends und gesellschaftliche Veränderungen sichtbar machen. Wie in diesem Fall. Bislang waren Politik und Medienöffentlichkeit in Europa stark durch die ideologischen Grabenkämpfe zwischen Rechts und Links geprägt. Auch die Einschätzung, wie glaubwürdig und vertrauenswürdig Medien sind, unterschied sich entlang dieser politischen Trennlinien. Die Studie stellt jetzt fest, dass diese Sollbruchstelle keine mehr ist. Zwar seien in den Ländern Spanien, Deutschland und Schweden noch Unterschiede mit Blick auf die Wertschätzung der Medien wahrnehmbar (siehe Infografik). In den anderen von der Studie erfassten Ländern ist das Links-Rechts-Schema in Bezug auf den Medienkonsum aber weitgehend Geschichte.   

Auch die Rolle von sozialen Medien als Nachrichtenquelle wird detaillierter beleuchtet. Demnach nutzt in sieben von acht Ländern ein Drittel oder mehr der Erwachsenen die sozialen Medien mindestens einmal am Tag als Nachrichtenquelle. Im Umkehrschluss bedeutet dies aber auch, dass drei von vier Mediennutzern sich laut Studie noch immer über traditionelle Medien wie TV, Radio oder Zeitungen informieren. Besonders viele Fans von Social-Media-Nachrichten gibt es demnach in Italien, wo über die Hälfte der Nutzer ihre Infos via Facebook & Co bezieht. In Frankreich, Spanien, Italien und Deutschland greifen vor allem Anhänger populistischer Kräfte auf die sozialen Medien als Informationsquellen zurück, oftmals auch als die "alternativen Medien" bezeichnet. 

Besonders häufig, und da ähneln sich alle acht Länder, greifen die Social-Media-Nutzer auf Facebook als Infoportal zurück. Über 60 Prozent all jener, die soziale Medien als Hauptquelle für ihren Nachrichtenkonsum begreifen, nennen vor allem Facebook als das Portal der Wahl. Und glaubt man der Studie, dann schwindet gerade in dieser Gruppe der populistisch geprägten Bürger das Gefühl für die Relevanz der Medien für die demokratische Kultur. In sieben von acht untersuchten Ländern will die Studie eine solchen Bedeutungsverlust wahrgenommen haben. Ebenso wie den Fakt, dass trotz beißender Kritik an den traditionellen Medien, sehr häufig auch populistisch Gesinnte auf konventionelle Medien als Hauptnachrichtenquelle zurückgreifen. Für die Länder Schweden, Deutschland, Spanien, Großbritannien und die Niederlande macht der Report einen solchen Trend aus.

Deutschland Reporter bei MVgida Demonstration (picture-alliance/dpa/J. Büttner)

Angriffe auf den Öffentlich-Rechtlichen-Rundfunk gehören zu Demos von Pegida und anderen populistischen Bewegungen

 

PEW-Studien umstritten: unrealistische Denkansätze 

Einige Fragen lässt die Studie des Washingtoner Think Tanks allerdings unbeantwortet. So wird in der Studie nicht ausreichend deutlich, warum sich die Autoren gerade auf diese acht Länder in Westeuropa fokussiert haben, um über den Aufstieg des Populismus als prägendes Gesellschaftsphänomen zu forschen. Ob die selektive Auswahl der Länder die Aussagen der Studie verfälscht, bleibt ungeklärt. Das weckt Zweifel an der Aussagekraft der Studien der Denkfabrik, und das zum wiederholten Mal. Im Herbst 2017 veröffentlichte PEW eine in Europa vielbeachtete Studie zum Thema Migration und Bevölkerung.

Die Forscher entwarfen dabei drei Szenarien, wie sich die Migrationsströme auf Europas Gesellschaft im Jahr 2050 auswirken könnten. Ein "Null Migration" Szenario stellte dar, wie der Anteil der muslimischen Bevölkerung sich fortab ohne weiteren Zuzug weiterentwickeln würde. Ein anderes Extrem-Szenario prognostizierte, dass 2050 jeder fünfte Mensch in Deutschland ein Muslim sein würde. Damals besonders lautstark kritisiert wurden die Prämissen und Annahmen, auf denen die US-Forscher ihre Studien aufbauten. Migrationsforscher kritisierten das Institut für seine "populistischen" Ansätze. Ob die Einteilung der Bürger in eine Gruppe von Populisten und Nicht-Populisten also einem Methoden-Check standhalten wird, muss sich also erst noch beweisen. 

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