Streit um Pendlerbusse für San Francisco | Wirtschaft | DW | 26.01.2014
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Wirtschaft

Streit um Pendlerbusse für San Francisco

Pendlerbusse großer Technologie-Firmen werden in San Francisco zum Symbol für den Wandel von der Hippie- zur Hightech-Stadt - und sie stehen damit auch für die hohen Mieten, die Künstler und Kreative vertreiben.

Per Shuttle ins Büro: Google, Apple und Facebook bieten Beschäftigten aus San Francisco freien Transport ins Silicon Valley an, das eine Dreiviertelstunde südlich der Stadt liegt. Die Angestellten werden von luxuriösen Privatbussen mit eigenem Wifi-Zugang aufgesammelt. Die Busse halten an öffentlichen Haltestellen - mehrere tausend Mal am Tag.

Doch nicht jeder ist davon begeistert: Viele Einwohner finden, dass diese Haltestellen - die von der öffentlichen Hand gebaut und unterhalten werden - nicht gratis von privaten Firmen angefahren werden sollten: Die Privatbusse verstopften die Innenstädte nur noch mehr, und manchmal blockierten sie die öffentlichen Busse.

Anfang des Monats protestierten Anwohner gegen die Busse. Fahrzeuge wurden eingekreist und am weiterfahren gehindert. In einem Fall in Oakland wurde sogar eine Scheibe eingeschlagen.

Vom Transportmittel zum Symbol

"Diese Busse stehen symbolisch für eine Industrie, die unsere Stadt immer mehr ins Chaos gestürzt hat", sagt Sarah Short vom "Housing Rights Comitee" im DW-Gespräch. "Sie machen einen wichtigen Sektor einer Stadt, die trotz ihres enorm aufgeblähten Mietmarktes zu überleben versucht, einfach platt."

Die Bürgerrechtsgruppe "Eviction free San Francisco" - die sich gegen die "Vertreibung" der Anwohner zur Wehr setzen will - hat ausgerechnet, dass sich die Mieten in den letzten Jahren vielerorts verdoppelt hätten. Mit der jüngsten Technologie-Welle seien immer mehr Menschen abgewandert.

Kostenpflichtige Haltestellen

Auf öffentlichen Druck hin hat die Stadtverwaltung kürzlich eine Einigung mit Apple, Google, Facebook und anderen Firmen erzielt: Die Nutzung öffentlicher Haltestellen durch Privatbusse ist nun kostenpflichtig.

Das Pilotprogramm dauert 18 Monate. 200 der rund 2500 Haltestellen können dann gegen Gebühr angefahren werden. Je nachdem, wie oft eine Haltestelle von den Bussen eines Unternehmens angefahren wird, umso teurer wird das für den Betreiber. Der öffentliche Nahverkehrsbund San Franciscos rechnet mit durchschnittlichen Kosten von etwa 100.000 US-Dollar pro Unternehmen. Demnach würden die Busse rund 1,5 Millionen US-Dollar in die Kassen des öffentlichen Nahverkehrs spülen.

Ein "positiver Schritt"

In einer Presseerklärung hat Google das Programm als "positiven ersten Schritt" auf dem Weg hin zu einem sicheren und verlässlichen Transportsystem für Angestellte und für die Stadt bezeichnet.

"San Francisco braucht ein zuverlässiges, erschwingliches Transportsystem auf Weltklasse-Niveau", findet auch Bürgermeister Ed Lee. "Dieses Abkommen wird der Stadt helfen, aus dem Pendlerverkehr Vorteile zu ziehen."

Ein Vorteil sei, dass Tausende von Autos aus den Straßen verschwänden und dass Staus vorgebeugt werden könne, während die Firmen nun Gebühren zahlten und die städtischen Busse nicht länger aufhielten.

San Francisco: Lebenswert, pulsierend - und demnächst reicher?

Auch Mitglieder des Stadtrates, des "Board of Supervisors", stimmen zu, dass das Abkommen ein Schritt nach vorn ist. Der Vorsitzende David Chiu bezeichnete die Zusammenarbeit mit den Firmen, die private Pendlerbusse anbieten, als Schritt, der helfe, den gesamten Nahverkehr zu verbessern, die Wirtschaft anzukurbeln und eine "für alle lebenswertere, pulsierende Stadt" zu schaffen.

Kritiker sind dagegen noch nicht restlos überzeugt. "Es ist ein Zugeständnis der Unternehmen, mehr Verantwortung zu übernehmen", so Sara Short, "aber es ist noch zu wenig, und es kommt zu spät. Wir haben in den letzten Jahren, als noch keine Gebühren erhoben wurden, bereits viel Geld verloren. 100.000 Dollar pro Jahr sind da eine eher unbedeutende Summe. Für eine Verbesserung der Transportinfrastruktur reicht das nicht." Ihrer Meinung nach deckt die Summe gerade die Kosten, die anfallen, um die Vereinbarung auch bindend durchzusetzen.

Exodus der Kreativen

Für andere wiederum geht die Symbolik der Pendlerbusse viel tiefer als nur bis zu verstopften Straßen. Sie sehen darin ein Symbol für den Identitätskampf einer Stadt, die früher Menschen mit den unterschiedlichsten Lebensstilen angezogen und aufgenommen hat. "Leute, die vor Jahren hergekommen sind und eigentlich bleiben wollen, fühlen sich aus der Stadt gedrängt", sagt Becca Gourevitch vom Mieterverein in San Francisco. "Dies sollte kein Ort werden, an dem nur wohlhabende Industrieangestellte leben." Für Künstler, Musiker, Autoren, Einwanderer und für die schwule Szene werde es immer schwieriger, sich noch hier zu halten - und sie seien es doch gewesen, die der Stadt einst ihren Charakter verliehen hätten. "Alles ändert sich", sagt Gourevitch, "viele der neuen Restaurants sind zu teuer für die Einheimischen. Sie finden kaum mehr Orte, wo sie noch einkaufen oder essen können."

Entscheidung im Frühjahr geplant

Doch noch ist nichts entschieden. Die Gespräche zwischen Stadt und Technologie-Unternehmen sind erst angelaufen. Seit dieser Woche unterbreiten die Firmen Vorschläge, welche Haltestellen angefahren werden sollen. Auch Einwohner werden angehört.

Im Frühling soll eine endgültige Entscheidung getroffen werden. Schon jetzt stecken die Anwohner ihre Köpfe zusammen, um Ideen und Strategien zu entwickeln, die eine Abwanderung der Einheimischen verhindern sollen. Sie wollen ihre Vorschläge am 8. Februar unterbreiten.