Streit in Hollywood um Clint Eastwoods neuen Film | Filme | DW | 13.12.2019
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Streit in Hollywood um Clint Eastwoods neuen Film

"Richard Jewell" löst eine Kontroverse aus: Es geht um die Frage, wie Kino mit Fakten umgehen darf. Jewell war 1996 Held und Terrorverdächtiger zugleich. Jetzt wird auch Eastwoods Film kritisiert.

"Nach einer wahren Geschichte" heißt es oft im Vorspann eines Films, vor allem in jüngster Zeit. Filme, die auf wahren Begebenheiten beruhen, Drehbücher, die nach zeithistorischen Ereignissen entstanden sind, haben Konjunktur. Frei nach dem ja auch nicht ganz falschen Motto "Das Leben erzählt die besten Geschichten" entstehen in den letzten Jahren besonders viele Filme, die sich  an tatsächlichen Ereignissen orientieren.

Polanski spielte mit dem Motiv, Eastwood ist es ernst

Regisseur Roman Polanski hat seinem vorletzten Film im Jahre 2017 gleich den Titel "Nach einer wahren Geschichte" verliehen, so hieß damals auch die literarische Vorlage. Polanski spielte dabei mit den verschiedenen Bedeutungs- und Wahrheitsebenen, beschäftigte sich ganz dezidiert mit dem Verhältnis zwischen Wahrheit und Fiktion. Clint Eastwood hatte so etwas bei seinem neuen Film allerdings gar nicht im Sinn. Die US-amerikanische Regie- und Schauspiellegende hat jetzt, mit 89 Jahren, seinen neuen Film vorgelegt - und gerät eher unfreiwillig in einen Strudel aus Interpretation, offenen Fragen und heftigen Anschuldigungen.

Mann mit Schnurrbart sitzt vor einem Lügendetektor (picture-alliance/AP Photo/C. Folger)

Richard Jewell (Paul Walter Hauser) muss sich einem Lügendetektor-Test unterziehen

Wie ist es dazu gekommen? "Richard Jewell" erzählt eine Geschichte aus dem Jahre 1996, die sich mehr oder weniger tatsächlich so ereignet hat: In Atlanta finden die Olympischen Spiele statt, tausende Menschen aus aller Welt sind in der Stadt unterwegs. Am 27. Juli entdeckt der Wachmann Richard Jewell im "Centennial Olympic Park" in einem abgestellten Rucksack eine Rohrbombe. Geistesgegenwärtig sorgt er dafür, dass das Gelände schnell evakuiert wird.

Richard Jewell wird vom Helden zum Verdächtigen

Die Bombe explodiert, zwei Menschen sterben, über 100 werden verletzt. Doch die ganz große Katastrophe wird verhindert - eben durch Jewells schnelle Reaktion. Der Wachmann wird dementsprechend von den Medien als Held gefeiert. Doch als die Ermittlungsbehörden nach einer Weile keinen Fortschritt erzielen, gerät Richard Jewell schließlich selbst ins Visier des FBI. Die Medien greifen den Fall auf, Jewell gerät in ein schlechtes Licht.

Der Schauspieler Clint Eastwood vor verschwommenem Hintergrund (Getty Images/AFP/F. Guillot)

Clint Eastwood

Der schwergewichtige Wachmann, ein ehemaliger Polizist, der bei seiner Mutter wohnt und eine große Waffensammlung besitzt, scheint ein Sonderling zu sein. Könnte es sich bei Jewell um den Bombenleger handeln? Die Presse und die Ermittlungsbehörden gehen mit angeblichen Fakten an die Öffentlichkeit, die sich später als falsch herausstellen. Das Leben des Richard Jewell und das seiner Mutter wird für drei Monate zur Hölle. Journalisten belagern das Haus, FBI-Agenten durchsuchen es. Erst Wochen später werden die Ermittlungen gegen Jewell eingestellt.

Entschädigung und Entschuldigungen für Jewell nur halbherzig

Clint Eastwoods Film erzählt die Geschichte des Wachmanns Richard Jewell, der erst zum amerikanischen Helden gemacht und dann brutal vom Sockel gestürzt wird. Nachdem klar ist, dass Jewell nicht der Täter ist, fallen die Entschuldigungen und Richtigstellungen von Polizei, Behörden und Presse nur halbherzig aus. Jewell und seine Mutter einigen sich mit mehreren Zeitungen auf Entschädigungszahlen. Doch der Fall geht nicht spurlos an dem Wachmann vorbei. Im Alter von 44 Jahren stirbt Richard Jewell im Jahre 2007.

Die Schauspieler Jon Hamm und Paul Walter Hauser in einer Szene aus Richard Jewell (picture-alliance/AP Photo/C. Folger)

Richard Jewell steht unter Verdacht - und wird von Beamten hart rangenommen

Eastwoods Film ist mehr oder weniger eine Hommage an Richard Jewell, verurteilt die Überreaktionen von Behörden und Presse. "Er wurde von den Medien unter Verdacht gestellt, weil er vom Aussehen und Hintergrund zu deren Bild als Bombenleger passte - egal, welche Fakten dagegen sprachen," sagt Clint Eastwood in einem Gespräch mit dem deutschen Hollywood-Reporter Dierk Sindermann. Deshalb, so der Regisseur, finde er "es sehr wichtig, dass die Presse faktisch korrekt berichtet." Bei Jewell habe sich jeder "von seinen Vorurteilen treiben lassen. Er ist das schlimmste Beispiel, was passieren kann, wenn man es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt."

Eastwoods Film ist umstritten - weil er mit der Wahrheit auf Kriegsfuß steht

Doch mit "Richard Jewell", in dem es um falsche und überzogene Berichterstattung sowie um Vorverurteilungen geht, gibt es jetzt auch Streit. Aus ähnlichen Gründen. Eastwoods neues Opus ist ein Spielfilm, geht also, auch wenn er sich mit einer "wahren Geschichte" befasst hat, frei mit Fakten um.

Ausgerechnet das scheint ihm nun zum Verhängnis zu werden, so ein Bericht der "Süddeutschen Zeitung". Das in Atlanta beheimatete Medienunternehmen "Cox Enterprises" erhebt demnach schwere Vorwürfe gegen Clint Eastwood und das produzierende Studio "Warner Bros.". "Cox Enterprises" ist die Mutterfirma der Zeitung "Atlanta Journal - Constitution", in der damals über die FBI-Ermittlungen gegen Richard Jewell berichtet wurde. Im Film nun wird die Journalistin Kathy Scruggs, die 1996 für die Berichterstattung mitverantwortlich war, beschuldigt, mit unlauteren Methoden vorgegangen zu sein. Unter anderem wird ihr vorgeworfen, für Informationen sexuelle Dienste angeboten zu haben. Im Zeitalter von "MeToo" ein besonders eklatanter Vorwurf. Laut der "New York Times" wird eine solche Szene weder in Artikeln noch in einem kürzlich erschienenen Sachbuch zum Thema Richard Jewell erwähnt. Scruggs starb 2001 im Alter von 42 Jahren. 

Die Schauspieler Sam Rockwell und Paul Walter Hauser, beide mit Anzug und Krawatte, in einer Szene aus Richard Jewell (picture-alliance/AP Photo/C. Folger)

Jewell erfährt nur Unterstützung von seinem Anwalt (Sam Rockwell)

"Cox Enterprises" schreibt nun in einem offenen Brief an Eastwood, dessen Drehbuchautor und das Studio, die Darstellung der im Film gezeichneten Ereignisse seien "falsch und bösartig (…) diffamierend und rufschädigend." Laut "Süddeutscher Zeitung" werde nun in Hollywood darüber diskutiert, ob Clint Eastwoods Film "Richard Jewell" nicht nur von dem Hinweis "Nach einer wahren Geschichte" begleitet werden müsse, sondern auch von dem Zusatz, dass er Fakten und Fiktion zusammenmixe, also Wahrheit und Phantasie.

"Richard Jewell", so wird schon vermutet, könnte sich zu einem Präzedenzfall in Hollywood entwickeln. In Deutschland müssen die Kinozuschauer noch eine Weile auf Eastwoods neuen Film warten. Er startet hierzulande erst im kommenden Jahr.

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