Strategiewechsel: Boko Haram setzt verstärkt auf Bombenanschläge | Afrika | DW | 12.08.2015
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Afrika

Strategiewechsel: Boko Haram setzt verstärkt auf Bombenanschläge

Eine neue Welle von Bombenattentaten sorgt für Angst und Argwohn in Nigeria. Auch aufgrund von Unwissen zum Verhalten im Ernstfall steigen die Opferzahlen. Dabei könnten einfache Regeln Schlimmeres verhindern.

Nigeria, Selbstmordattentat in Zaria. Foto: EPA/STRINGER

Selbstmordattentat auf ein Regierungsgebäude im nordnigerianischen Zaria am 7. Juli 2015

Nahezu täglich meldet die nigerianische Armee neue Erfolge im Kampf gegen die islamistische Terrormiliz Boko Haram, doch gleichzeitig nimmt die Zahl der Anschläge immer weiter zu. Beobachter erkennen darin einen möglichen Strategiewechsel der Islamisten - weg von offenen Gefechten und Geiselnahmen im großen Stil hin zu vereinzelten Anschlägen auf die Zivilbevölkerung. Ryan Cummings, Sicherheitsanalyst der südafrikanischen Beratungsfirma Red24, sagte gegenüber der Nachrichtenagentur AFP, dass die jüngsten Attacken für eine Rückkehr zur "traditionellen, asymmetrischen Kriegsführung" der Terrormiliz sprächen.

Erst am Dienstag kamen bei einem Bombenangriff auf einen Markt in der Stadt Sabon Gari im Bundesstaat Borno fast 50 Menschen ums Leben. Auch in den vergangenen Wochen hatten Selbstmordattentäter und Bombenleger immer wieder Busbahnhöfe und Markplätze im Norden Nigerias angegriffen. Alhaji Abdullahi Bego, Sprecher des Gouverneurs im benachbarten Bundesstaat Yobe im Nordosten des Landes, sagte im Gespräch mit der Deutschen Welle: "So wie ich die Situation sehe, gibt es derzeit keine Versuche der Aufständischen, ein bestimmtes Gebiet komplett unter ihre Kontrolle zu bekommen. Stattdessen ist die größte Gefahr, der wir in Yobe im Moment ausgesetzt sind, die zunehmende Zahl der Selbstmordattentate oder Bombenanschläge an öffentlichen Orten."

Schutz vor Selbstmordattentaten?

Die neue Vorgehensweise der Terrormiliz sorgt für tiefes Misstrauen zwischen Menschen, die bereits seit Jahren friedlich zusammenleben. Der Analyst Adamu Adamu Maidala sagte gegenüber der DW: "Die aktuelle Situation ist besonders beängstigend. Selbst auf Märkten achten die Verkäufer auf neue Gesichter und wollen nicht, dass Fremde an ihren Ständen anhalten." Auch vollverschleierte Frauen und Menschen mit großen Taschen würden gemieden. "Das zeigt das ganze Ausmaß des Misstrauens aufgrund dieser Angriffe."

Selbstmordanschlag in Maiduguri, Nigeria. Foto: STRINGER/AFP/Getty Images

EIn zerstörter Viehmarkt nach einem Selbstmordattentat in Maiduguri im Juni 2015

Armeevertreter und Sicherheitsexperten versuchen nun, die Bevölkerung mittels Aufklärung besser vor Anschlägen zu schützen. Woran erkennt man Selbstmordattentäter, wie sollte man sich im Angriffsfall verhalten? Oberstleutnant Umar Isa Gwani erklärte der DW: "Wir sehen oft, dass die Menschen nicht direkt durch den Sprengsatz sterben, sondern erst danach." Die Menschen stürmen in Panik auseinander. "Sie wissen einfach nicht, wie sie sich verhalten müssen. Manche rennen los anstatt sich flach auf den Boden zu legen, wo sie vor umherfliegenden Splittern geschützt sind."

Keine rein militärische Lösung möglich

Auch einfache Bürger mahnen ihre Mitmenschen zur Vorsicht: "Die Leute müssen ihre Augen offen halten und aufmerksam gegenüber allem Auffälligen sein", sagte eine Einwohnerin von Yobe der Deutschen Welle. Ein zunehmendes Problem seien auch Fälle, in denen an Verdächtigen Selbstjustiz geübt werde. "Die Menschen sollten zunächst Rat suchen und nicht selbst das Gesetz in die Hand nehmen. Wo Behörden konsultiert werden können, sollte das auch getan werden".

Bombenexplosion Polizei in Kano, Nigeria. Foto: AP Photo

Um die Sicherheit der Zivilisten bemüht: Nigerianische Polizisten in Kano

Während nationale Verbände der nigerianischen und kamerunischen Armee in letzter Zeit für positive Schlagzeilen bei der Bekämpfung von Boko Haram gesorgt hatten, warten Beobachter nach wie vor auf die für Ende Juli angekündigte Einsatzfähigkeit einer multinationalen Eingreiftruppe. Sicherheitsexperte Kabir Adamu zeigte sich im DW-Gespräch vorsichtig optimistisch: "Es sind bereits Veränderungen erkennbar, vor allem in Bezug auf die Ausrichtung der Anti-Terror-Maßnahmen." Der neue Präsident Nigerias, Muhammadu Buhari, hatte erst jüngst die wichtigsten Chefposten der Armee neu besetzt.

Dennoch bedürfe es vor allem beim Thema der inneren Sicherheit weiterer Verbesserungen. Hier seien alle Sicherheitsbehörden des Landes gefragt. "Die Terroristen kommen aus der lokalen Bevölkerung, eine effektive Strategie muss daher über den militärischen Aspekt hinaus gehen."

Mitarbeit: Mark Caldwell