Stolz auf Ägypten, Wut gegen Fremde | Welt | DW | 07.11.2013
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Welt

Stolz auf Ägypten, Wut gegen Fremde

Der wachsende ägyptische Nationalstolz schlägt immer häufiger in Fremdenfeindlichkeit um. Besonders syrische Flüchtlinge leiden unter rassistischen Übergriffen. Das schadet auch der Wirtschaft.

Radiostationen spielen bei jeder Gelegenheit patriotische Lieder, die rot-weiß-schwarze Landesflagge mit dem goldenen Adler in der Mitte flattert an unzähligen Balkonen: Seit dem Sturz der islamistischen Regierung hat Ägypten eine regelrechte Patriotismus-Welle erfasst. Die dunkle Seite dieses neu aufgeflammten Nationalstolzes ist eine zunehmende Fremdenfeindlichkeit. Davon sind auch aus dem Westen stammende Ausländer nicht ausgenommen: So kam im September ein französischer Staatsbürger unter noch ungeklärten Umständen in einem Kairoer Gefängnis ums Leben. Im vergangenen Monat erhängte sich ein Amerikaner in seiner Zelle. Beide waren festgenommen worden, weil sie während der vom Militär verhängten Ausgangssperre unterwegs gewesen sein sollen. Andere Ausländer saßen teilweise wochenlang ohne Anklage hinter Gittern.

Der ohnehin schon am Boden liegenden Tourismusbranche des Landes kommen diese Nachrichten ungelegen. Umso stärker sind ihre Vertreter bemüht, die Übergriffe kleinzureden. "Es sind sehr wenige Vorfälle. Wir sprechen hier von drei, vier oder fünf Ausländern, die umgekommen sind", beschwichtigt Omar, ein Touristenführer aus Kairo. "Die Situation ist möglicherweise etwas angespannt, seit es Gerede gibt, dass das Ausland politische Gruppen in Ägypten bezahlt hat." Omar spricht damit die in Ägypten weitverbreitete Verschwörungstheorie an, wonach USA und EU die islamistische Muslimbruderschaft mitfinanziert haben sollen.

Ägyptische Demonstranten halten Anti-Obama-Plakate hoch.(Foto: EPA/KHALED ELFIQI)

Obama als Feindbild

Anti-Amerikanismus auf dem Vormarsch

Die meisten Anfeindungen bekommen einmal mehr die Amerikaner ab. Spätestens seit die US-Regierung im vergangenen Monat die Hilfsgelder für die ägyptische Armee kürzte, sind große Teile der Bevölkerung von den schlechten Absichten der Amerikaner überzeugt. Plakate mit dem rot durchgestrichenen Konterfei Obamas oder der amerikanischen Botschafterin waren zuletzt fast genauso häufig zu sehen wie solche mit Abbildern von Ex-Präsident Mursi.

Aus wirtschaftlicher Sicht dürfte der verstärkt zur Schau getragene Antiamerikanismus vergleichsweise wenige Konsequenzen haben. Nur etwa drei Prozent aller Touristen, die Ägypten jährlich besuchen, haben einen amerikanischen Pass. In Kairoer Hotels bekommt man zu hören, dass man auf die Gäste aus den USA nicht angewiesen sei. Stattdessen wird viel auf ausländische Medien geschimpft. Diese würden die politische Situation in Ägypten dramatisieren: "Sie sagen, es ist nicht sicher hier, es gibt eine Ausgangssperre in Kairo, geht dort nicht hin", beklagt Madeleine Fathi, Managerin des Grand Royal Hotels. "Meiner Meinung nach ist die Situation jetzt besser, es gibt mehr Sicherheit als vorher."

Angst vor sexueller Gewalt

Proteste auf dem Tehir-Platz in Kairo.(Foto:Thomas Hartwell/AP/dapd)

Gefährlicher Ort für Ausländerinnen: Proteste auf dem Tahir-Platz in Kairo

Die Medien spiegeln mit ihrer Einschätzung, dass Fremdenfeindlichkeit in Ägypten auf dem Vormarsch ist, allerdings auch die Erfahrungen von Ausländern vor Ort wieder. Das zumindest legt eine aktuelle Studie der britischen Bank HSBC nahe. Dort rangiert Ägypten auf dem letzten Rang, was die Attraktivität des Landes für westliche Auswanderer betrifft. Als Grund für das schlechte Abschneiden wurde unter anderem die steigende Ausländerfeindlichkeit genannt. Für die Studie wurden 7000 Arbeitsmigranten in 37 Ländern befragt.

Als schädlich für Ägyptens Image hat sich zuletzt auch die steigende Zahl sexueller Übergriffe erwiesen. Allein während der einwöchigen Proteste im Sommer dieses Jahres, in deren Folge die Armee den islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi entmachtete, wurden im Zentrum von Kairo mehr als 100 Fälle registriert, darunter mehrere Gruppenvergewaltigungen. Unter den Opfern waren auch ausländische Reporterinnen - zahlreiche weibliche Journalisten meiden seither Massendemonstrationen.

Syrer müssen Betriebe schließen

Syrische Flüchtlingsfamilie in Ägypten. (Foto: AFP PHOTO / KHALED DESOUKI)

Nicht erwünscht: Syrische Flüchtlingsfamilie in Ägypten

Während viele Ausländer aus dem Westen über eine generell feindseligere Stimmung klagen, sind Übergriffe aber noch immer eine große Ausnahme. Anders hingegen ist es bei den geschätzt bis zu 300.000 syrischen Flüchtlingen, die sich in Ägypten aufhalten. Da sich einige von ihnen an islamistischen Protesten beteiligt haben sollen, werden sie nun pauschal als 'fünfte Kolonne der Muslimbrüder' abgestempelt. Seit August haben ägyptische Behörden mehr als 800 Syrer festgenommen, darunter auch Kinder.

Wie auch bei den Anfeindungen gegen Westler schaden die Übergriffe auf Syrer dem eigenen Land. Die meisten Ägypter sind zwar überzeugt, dass ihnen die Syrer Jobs wegnehmen. Tatsächlich aber hat die brachliegende ägyptische Wirtschaft von den Flüchtlingen, die zumeist aus der Mittelschicht stammen und eine gute Ausbildung und Berufserfahrung mitbringen, auch profitiert. Mohammed Abu Salim, Mitarbeiter des ägyptischen Hilfswerks Tadamon, nimmt die Syrer gegen Vorwürfe in Schutz, sie unterstützten die Islamisten: "Ich glaube, sie machen das ohne Absicht. Sie kommen aus einer katastrophalen Situation und denken nicht darüber nach. Aber sie zahlen Steuern und das ist gut." Nach Schätzungen der Vereinten Nationen haben Flüchtlinge aus Syrien bereits mehr als zwei Milliarden US-Dollar in die ägyptische Wirtschaft investiert. Hunderte syrische Betriebe sahen sich angesichts der Anfeindungen in den vergangenen Monaten aber gezwungen zu schließen.

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