Stiftungsboom in Berlin | Deutschland | DW | 31.08.2018
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Stiftungen

Stiftungsboom in Berlin

Die deutsche Hauptstadt kann sich auf Nachwuchs freuen. Mehrere bedeutende Stiftungen kommen nach Berlin. Manche, weil sie von woanders fliehen. Andere, weil die Politik schon lange die Zusammenarbeit sucht.

Die Liste der in Berlin ansässigen Stiftungen ist lang. Der Berliner Senatlistet 939 Stiftungen auf. Doch im Vergleich mit anderen Städten in Deutschland sind das noch eher wenige. Berlin liegt auf Platz 51, sagt der Bundesverband Deutscher Stiftungen. Die allermeisten Stiftungen sind im Westen Deutschlands angesiedelt, zum Beispiel in Hamburg, München oder Frankfurt am Main. Also dort, wo das Geld sitzt und Unternehmen ihren Sitz haben. Denn ohne Geld keine Stiftungen.

Per Definition haben Stiftungen - kurzgefasst - den Zweck, ein privates Vermögen für gemeinnützige Dinge wie Sozialarbeit, Kultur oder Bildung zur Verfügung stellen. Doch Berlin holt auf - auf ganz eigenem Weg.

Boom-Boom-Boom

Berlin hat den Ruf, die internationalste Stadt Deutschlands zu sein. Im Stadtzentrum hört man manchmal mehr Englisch als Deutsch, weil einfach Menschen aus verschiedenen Ländern aufeinandertreffen, die sonst nicht miteinander reden könnten. Das sind nicht nur Touristen, sondern auch viele Neu-Berliner. Inzwischen wächst der Zuzug von Ausländern nach Berlin stärker als der aus anderen Regionen Deutschlands. Der international viel zitierte Berlin-Hype hält an.

Der Boom begann nach dem Mauerfall. Es folgten die wilden 90er Jahre, die inzwischen sogarim Museum zu bewundern sind. "Arm, aber sexy" hieß das offizielle Image der Stadt, die zur Party-Metropole wurde. Seit ein paar Jahren sind es nun eher die neue Digitalwirtschaft und Start-Ups, die Berlin verändern. Dazu kommen die Bundesregierung, Lobbyorganisationen und Vereine. Gegen das "Arm-Image" sprechen inzwischen im Bundesländervergleich überdurchschnittliche Wachstumsraten sowie Steuerüberschüsse.

Flucht von Budapest nach Berlin

Zur internationalen Ausrichtung Berlins passt, dass bedeutende internationale Stiftungen ihren Weg nach Berlin gefunden haben. Die größte Zweigstelle plant die von George Soros gegründete "Open Society Foundation" (OSF). In einem "Global Hub" sollen bald 150 Personen arbeiten. Das wäre dann personell gesehen die größte Stiftung in Berlin. Viele Mitarbeiter werden dafür aus Budapest nach Berlin umziehen. Dort hat ein neues Stiftungsgesetz des ungarischen Staates die weitere Arbeit unmöglich gemacht. Das Büro Budapest schließt Ende August.

Berlin Eröffnung Europäische Roma Institut für Kunst und Kultur (Getty Images/S. Gallup)

Die Stiftung des ungarnstämmigen US-Milliardärs Soros schließt ihr Büro in Budapest und zieht nach Berlin um

In Berlin - direkt am berühmten Potsdamer Platz - arbeiten schon erste Mitarbeiter. "Wir wollen uns mit der lokalen Szene vernetzen, mit anderen Stiftungen, NGOs, Aktivisten und think tanks", sagte der OSF-Regionaldirektor Jordi Vaquer in einem Zeitungsinterview.

Für den berühmten US-Milliardär Soros ist das nicht der erste Schritt nach Berlin. Schon seit vergangenem Jahr engagiert er sich beim Aufbau eines weltweit einzigartigen Roma-Insituts in der deutschen Hauptstadt.

Langzeitfolgen der Politik

Und Berlin kann sich auf noch mehr internationale Prominenz freuen. Im Herbst öffnet die größte Privatstiftung der Welt ein zweites europäisches Standbein in Berlin - das andere ist London. Die "Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung" kämpft gegen Krankheiten wie Malaria und gegen weltweite Armut. Berlin ist dafür kein unbekannter Partner. Schließlich arbeitet die Stiftung des Microsoft-Gründers seit Jahren zum Beispiel mit dem Entwicklungshilfe-Ministerium zusammen. Der Standort sei "ideal", sagte die Europa-Direktorin, Anja Langenbucher, in einem Interview. Denn Deutschland sei "zweitgrößter Geber für Entwicklungshilfe und Vorkämpfer für globale Gesundheit".

Bill Gates bei Merkel 11.11.2014 (picture-alliance/dpa/W. Kumm)

Bill Gates im Kanzleramt in Berlin mit Angela Merkel (November 2014)

Auch die zweitreichste Stiftung der Welt mit einem Vermögen von 13,4 Milliarden Pfund will noch im Jahr 2018 eine Niederlassung in Berlin eröffnen. Der "Wellcome-Trust" fördert vor allem medizinische Forschung. Eine Handvoll Mitarbeiter, mehr sind erst einmal nicht angekündigt, soll "strategische Partnerschaften in Deutschland weiterentwickeln", wie Presseberichten zu entnehmen ist. Auf der Stiftungswebseite wird die Büro-Eröffnung unter anderem damit begründet, dass die Bundesregierung während ihrer G7- und G20-Präsidentschaften "signifikante Fortschritte" im Kampf gegen globale Epidemien angestoßen habe.

Der Anfang ist gemacht

Es scheint, dass der Trend inzwischen selbst vor klassischen deutschen Stiftungen nicht Halt macht. So will die Bertelsmann-Stiftung im Laufe des Jahres 2019 einen neuen Standort eröffnen. 40 Mitarbeiter sollen in bester Lage zwischen neuem Berliner Schloss und Auswärtigem Amt arbeiten. Nur einen Steinwurf entfernt hat die Bertelsmann SE & Co. KG aA, deren Mehrheitseignerin die Bertelsmann-Stiftung ist, bereits eine Hauptstadt-Repräsentanz, die bislang auch ein Stiftungsbüro beherbergte. Die Zentrale der Bertelsmann-Stiftung soll aber auf jeden Fall in Gütersloh im Westen bleiben, sah sich die Stiftung anscheinend gezwungen mitzuteilen.

Experten rechnen damit, dass andere Stiftungen nachziehen werden. Berlin profitiert auch von Deutschlands Image generell. Die politischen Verwerfungen andernorts - nicht nur in Ungarn - lassen das weltoffene und liberale Deutschland attraktiv erscheinen. "Das Misstrauen gegenüber philanthropischer Arbeit nimmt international zu", zitiert der Berliner "Tagesspiegel" den Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen, Felix Oldenburg. Generell schwinde das Vertrauen in Institutionen, wozu auch Stiftungen gehören, warnt Oldenburg - siehe Soros-Stiftung.

Ob Deutschland und Berlin so attraktiv für das nationale und internationale Stiftungswesen bleiben, hängt auch von der weiteren politischen Entwicklung ab. Schließlich gibt es auch in Deutschland eine rechtspopulistische Strömung.

Und natürlich fänden es wohl auch die neuen Stiftungsmitarbeiter toll, wenn der neue Hauptstadt-Flughafen endlich öffnen würde. Die Bauarbeiten begannen vor zwölf Jahren. Aber Berlin ist in so manch anderer Hinsicht dann doch noch Provinz und nicht die wirklich große, weite Welt.

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