Steinmeier zu Angehörigen von Hanau-Opfern: ″Wir vergessen nicht″ | Deutschland | DW | 23.09.2020
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Rechtsterrorismus

Steinmeier zu Angehörigen von Hanau-Opfern: "Wir vergessen nicht"

Sieben Monate nach dem rassistischen Terroranschlag von Hanau trifft der Bundespräsident die Angehörigen der Opfer. Er sichert ihnen dauerhaften Beistand zu. Sie fordern, dass auf Worte Taten folgen.

Deutschland Angehörige des Hanau-Anschlags im Schloss Bellevue

Zu Besuch beim Bundespräsidenten: Çetin Gültekin und seine Mutter

Çetin Gültekin ist mit seiner Mutter ins Schloss Bellevue gekommen. "Wir sind hier, um zu sagen: Herr Präsident, helfen Sie uns. Was sollen wir machen? Der hat uns fertig gemacht."

Er, der 43-jährige Täter, der vor sieben Monaten in Hanau Gültekins Bruder erschoss. Am 19. Februar dieses Jahres brachte er Gökhan Gültekin und acht weitere Menschen um, zuletzt tötete er seine Mutter und sich selbst. Der Generalbundesanwalt spricht von einer "zutiefst rassistischen Gesinnung" des Täters.

Deutschland Angehörige des Hanau-Anschlags im Schloss Bellevue

Die Angehörigen des Hanau-Anschlags vor Schloss Bellevue

Die Angehörigen der Opfer sind an diesem sonnigen Mittwoch bei Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seiner Frau Elke Büdenbender im Schloss Bellevue zu Gast. Auch Innenminister Horst Seehofer (CSU) ist unter den Anwesenden. Ein großer Saal, vereinzelt sitzen Familien, die meisten sind in schwarz gekleidet. Das Treffen sollte schon viel früher stattfinden, die Pandemie verhinderte es.

Solidarität vom Bundespräsidenten

"Wir vergessen nicht. Wir dürfen nicht vergessen und wir werden nicht vergessen", betont der Bundespräsident in seiner Rede. "Wir stehen an Ihrer Seite. Dieses Land - Ihr Land - steht an Ihrer Seite. Die Herzen unseres Landes sind Ihnen zugewandt."

Deutschland Bundespräsident trifft Angehörige des Hanau-Anschlags

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sichert den Angehörigen Beistand zu

"Mehr Solidarität geht nicht", sagt Çetin Gültekin. Er freut sich und ist dankbar für diese Einladung des Bundespräsidenten. Für ihn ist es aber wichtig, dass den Worten jetzt auch Taten folgen. Sein Bruder habe immer das Geld nach Hause gebracht, seine Eltern finanziell unterstützt. "Ich bin traumatisiert, ich werde psychologisch betreut. Ich kann im Moment nicht arbeiten. Mein Sohn auch nicht", sagt er. Auch sein Vater ist dieses Jahr gestorben, nur 38 Tage nach dem Tod seines Sohnes. "Er hat das einfach nicht verkraftet".

"In der Pandemie allein gelassen"

In dem Einzelgespräch mit dem Bundespräsidenten, seiner Frau und dem Opfer-Beauftragten der Bundesregierung, das auf die Reden folgt, habe er genau das angesprochen, was viele der Familien beschäftigt: Sie sind auf finanzielle Unterstützung vom Staat angewiesen. Nicht nur, weil sie wegen des Traumas nicht arbeiten können, sondern auch, weil sie verzweifelt eine neue Wohnung suchten. In der alten Wohnung erinnere seine Mutter alles an den verstorbenen Sohn und Mann. Seit ihrem Tod schlafe sie auf dem Sofa.

Deutschland Hanau Demonstration

Behcet Gültekin (im Rollstuhl): Im Februar trauerte er noch um seinen Sohn, dann starb er selbst

Seit sieben Monaten versuche er deshalb, für seine Familie eine neue Wohnung in Hanau zu finden, erzählt Gültekin. Die Corona-Pandemie habe die Lage noch verzweifelter gemacht, er habe seine Mutter nicht in einem Hotel unterbringen können, die waren während des Lockdowns alle geschlossen: "Wir waren mit dieser Trauer, mit Schmerz, Zorn, Wut, komplett in diesen vier Wänden alleine gelassen."

Lückenlose Aufklärung gefordert

Neben den Angehörigen ist auch Claus Kaminsky nach Bellevue gekommen. Er ist der Oberbürgermeister der Stadt Hanau und fordert genau wie die Angehörigen eine lückenlose Aufklärung. Vor der Veranstaltung sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland: "Die Familien müssen wissen: Wurden Fehler gemacht, hätte der Anschlag verhindert werden können?" Darüber müssten die Ermittlungsbehörden informieren. "Wenn es Fehler gab, müssen sie eingestanden werden, nur so ist Trauerarbeit möglich."

Deutschland Bundespräsident trifft Angehörige des Hanau-Anschlags

Saida Hashemi, Schwester eines Opfers, hat Vertrauen in den Rechtsstaat

Saida Hashemi hält stellvertretend für die Angehörigen eine Ansprache. Ihr Bruder Said Nesar Hashemi wurde ebenfalls vom Attentäter getötet. Sie schlägt einen versöhnlichen Ton an, unterstreicht, dass sie daran glaubt, dass die Tat aufgeklärt werden kann. "Wir haben das große Glück, in einem demokratischen Rechtsstaat zu leben. Und ich glaube an diesen Staat und an die Werte, die er vertritt."

"Jeder Einzelne ist gefordert"

Nicht nur der Staat, betont Steinmeier in seiner Rede, sondern jeder Einzelne sei gefordert "im Kampf gegen Hass und Gewalt." Denn die Morde von Hanau seien ein Angriff auf die Demokratie: Wer Menschen irgendwelcher Merkmale wegen abwerte und sie auf Herkunft, Glauben, Geschlecht reduziere, wer ihnen ihre Einzigartigkeit nehme, "der stellt sich gegen das Lebensprinzip unserer Demokratie." Dabei sei Hanau "nicht aus heiterem Himmel" geschehen: "Die Wurzeln des Rechtsextremismus reichen tief in unsere Gesellschaft hinein. Das ist ein ernstes, ein drängendes Problem. Wir dürfen es auch in Zeiten von Corona nie aus den Augen verlieren."

Der Bundespräsident scheint das Thema Rechtsextremismus derzeit ganz oben auf seiner Agenda zu haben. Denn dem Treffen mit Çetin Gültekin und den anderen Angehörigen der Opfer von Hanau sollen in den kommenden Wochen weitere folgen - mit Opfern und Angehörigen der rechtsextremistischen Anschläge von München und Halle.

Video ansehen 02:34

Saida Hashemi: In diesem Moment hat ganz Hanau geweint

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