Stammt SARS-CoV-2 aus einem Forschungslabor? | Wissen & Umwelt | DW | 17.04.2020
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Virologie

Stammt SARS-CoV-2 aus einem Forschungslabor?

Was zunächst klang wie eine Verschwörungstheorie, könnte sich als authentisch entpuppen. Ist das neuartige Coronavirus vielleicht doch aus einem Labor entwichen, das an Fledermaus-Viren geforscht hat?

Hochsicherheitslabor des Robert Koch-Instituts in Berlin

Das Hochsicherheitslabor in Wuhan erfüllt die gleichen Standards wie dieses S4-Labor des Robert Koch-Instituts in Berlin

Lange haben Forscher und Journalisten spekuliert, wie das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 nach Wuhan kam. Im Verdacht stand ein Fischmarkt, auf dem auch Wildtiere gehandelt wurden. Nun berichten verschiedene westliche Medien, das Virus sei möglicherweise aus dem Wuhan Institute of Virology  entwichen, das sich in der unmittelbaren Nähe des Marktes befindet.

Bereits im Januar kursierten in sozialen Medien Theorien, die auf das Institut verwiesen hatten - allerdings gepaart mit Verschwörungstheorien über geheime Biowaffenforschung. Damals hatte die Washington Post die Theorie noch verworfen, es könne sich um ein menschengemachtes Virus handeln. Virologen, die von der Zeitung befragt wurden, konnten anhand der Eigenschaften des Virus eine menschlich gemachte Mutation ausschließen. Dies wurde auch durch eine Studie eines Forscherteams um Kristian G. Andersen bestätigt, die am 17. März in Nature Medicine erschienen ist. 

Hinzu kommt: die Arbeit dieses Instituts ist nicht geheim und zahlreiche Forschungsarbeiten zu Fledermaus-Viren, die dort durchgeführt wurden, sind in Fachpublikationen veröffentlicht worden. An zahlreichen Forschungsarbeiten waren auch westliche Partner beteiligt. Unter anderem hat das Galveston National Laboratory der University of Texas enge Beziehungen zum Forschungsinstitut in Wuhan. Auch haben die USA die Forschungen finanziell unterstützt, berichtet die britische Daily Mail.

Woher kamen die allerersten Infizierten?

All das schließt aber nicht aus, dass durch Forschungen des Instituts in Wuhan das Virus in Umlauf geraten konnte. Bereits Ende Januar erschien in der Fachzeitschrift Science ein Artikel, der die These infrage stellte, das Virus könne auf dem Fischmarkt auf den Menschen übergesprungen sein. 

Eine in der Fachzeitschrift The Lancet veröffentlichte Studie zeigte: von den ersten 41 an COVID-19 erkrankten Patienten hatten 13 keinerlei Bezug zu dem Fischmarkt.

Eine kleine Hufeisennase

Im Kot einer Hufeisennase ist die Forscherin Zhengli Shi fündig geworden: Coronaviren

Zudem sei es wahrscheinlich, dass die Infektion der Person-0, also des Menschen, der als Erster das Virus in sich trug, bereits im November 2019 erfolgt sei. Die frühesten Fälle der Infektion hätten gar keinen Kontakt zum Fischmarkt gehabt, betonte auch Daniel Lucey, Professor für Infektionskrankheiten am Georgetown University Medical Center schon damals in einem Interview für Science. 

Trägt die Forschung eine Mitschuld?

Das wirft die Frage auf, wie das Virus nach Wuhan kam. Eine mögliche Erklärung führt zu der Virologie Professorin Zhengli Shi, die in dem Institut in Wuhan an Fledermaus-Viren geforscht hat und zuletzt noch Anfang Februar einen Fachartikel in Nature zu Fledermaus-Viren veröffentlicht hatte.

In der South China Morning Post war am 6. Februar ein Porträt der Forscherin erschienen. Darin wird beschrieben, wie sie in 28 verschiedenen Provinzen Chinas in Höhlen nach Fledermauskot suchte und Proben nahm. In Wuhan baute sie ein umfassendes Archiv für Fledermaus-Viren auf, wie auch Spektrum/Scientific American schreibt. 

Anfang 2019 veröffentlichte Sie mit ihren Kollegen eine umfassende Studie zu von Fledermäusen übertragenen Coronaviren. Sie war in einer großen Hufeisennasen-Fledermaus fündig geworden: Coronaviren, die dem übergesprungenen Erreger sehr ähnlich sind. 

Der Arbeit ihres Teams ist es zu verdanken, dass die Sequenzierung des Virus-Genoms so schnell erfolgen konnte, dies der Weltöffentlichkeit bekannt gemacht wurde und damit die Suche nach Impfstoffen und Antikörpertests in historisch nie dagewesener Geschwindigkeit beginnen konnte. 

Zhengli Shi fand sich dafür aber in den letzten Wochen auch starken Anfeindungen in sozialen Medien, sowohl in Asien wie auch in anderen Teilen der Welt ausgesetzt. Ihr New Yorker Forscherkollege und Präsident der EcoHealth Alliance Peter Daszak, der gemeinsam mit ihr geforscht hatte, nahm sie und ihre Forschungen jüngst in Schutz. 

In einem Interview gegenüber der Sendung Democracy Now von National Public Radio, einem öffentlich-rechtlichen Sender in den USA, sagte Daszak, dass die Behauptung, das Virus sei aus dem Labor entwichen "reiner Unsinn" sei. Er habe selbst an der Sammlung der Fledermaus-Proben teilgenommen. Und in dem Labor seien keine SARS-CoV-2 Viren aufbewahrt worden. Es handele sich um eine "unglückliche Politisierung des Ursprungs der Pandemie." 

Bemerkenswert ist indes, dass Peking offensichtlich die Berichterstattung über die Frage, woher das Virus ursprünglich kommt, seit kurzem eingeschränkt hat.

Die chinesische Botschaft in London hat auf den Artikel in der Daily Mail verschnupft reagiert: Die Behauptung sei "grundlos". Die Forschungen, um dem Ursprung des COVID-19-Virus auf die Spur zu kommen, seien noch in vollem Gange, schreibt die Botschaft in einer Stellungnahme.