Sprachrohr der Flüchtlinge: die Zeitung ″Migratory Birds Newspaper″ | Kultur | DW | 02.01.2019
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Migrationsgeschichte

Sprachrohr der Flüchtlinge: die Zeitung "Migratory Birds Newspaper"

Entstanden ist die Idee in einem griechischen Flüchtlingscamp: 15 junge Afghaninnen gründeten dort die "Migratory Birds" - als Lektüre von Flüchtlingen für Flüchtlinge. Schreiben als Schritt zur Selbstbestimmung.

Von Geburt an wurde Mahdia Hosseini gesagt, als Mädchen sei sie nichts wert. Als Tochter einer afghanischen Flüchtlingsfamilie wuchs sie im Fluchtland Iran auf, in einem "dauerhaften seelischen Krieg" und "als Mensch zweiter Klasse", wie sie es beschreibt.

Mitschüler haben sie gemobbt, die Behörden haben sie als Flüchtling diskriminiert. Und in ihrer eigenen Community litt sie unter der Unterdrückung als Frau. "Eine afghanische Frau hat viel zu sagen, aber sie hat nicht gelernt zu sprechen", schreibt sie später in einem ihrer eigenen Artikel. "Nur Männern wird erlaubt, laut zu sein und handgreiflich zu werden."

Chefredakteurin der Flüchtlings-Zeitung „Migratory Birds“ | Mahdia Hosseini (Marie-Christine Spies)

Engagierte Chefredakteurin: Mahdia Hosseini

Das sind Passagen aus der "Migratory Birds", einer multilingualen Zeitung von Flüchtlingen für die Flüchtlings-Community. Mahdia Hosseini, 28, ist Chefredakteurin dieser Zeitung, die in Griechenland entsteht. Als Beilage ist sie an den Wochenenden außerdem in der griechischen Tageszeitung Efimerida ton Syntakton zu finden, die die Produktion von "Migratory Birds" unterstützt.

"Ist es nicht an der Zeit, all die Barrieren zu durchbrechen, die mich mein Leben lang umgeben haben?", fragt sie in einem ihrer Artikel. Mit ihrer Zeitung ist ihr das offenbar gelungen: "Migratory Birds Newspaper" druckt Artikel in fünf verschiedenen Sprachen.

Frauen eine Stimme geben

Rückblick ins Jahr 2016: Der Besuch von internationalen Journalisten wurde für die Bewohner des Flüchtlingslagers Schisto bei Athen seit Beginn der großen Flüchtlingsbewegungen Richtung Europa schnell zur Gewohnheit. Gern gesehen waren die Reporter aus aller Welt nicht.

Griechenland Zeitung „Migratory Birds“ | Denisa Bajraktari (Marie-Christine Spies)

Die Journalistin Denisa Bajraktari unterstützt das junge Redaktionsteam

"Niemand wollte mit ihnen sprechen", erinnert sich Mahdia, die nach ihrer Flucht aus dem Iran nach Europa selbst in dem Camp wohnte. Dass die Interviews etwas bewirken und den Bewohnern auch helfen könnten, habe damals kaum jemand geglaubt. "Also wollten wir selbst Reporter werden und uns eine Stimme geben", erzählt Chefredakteurin Mahdia.

14 andere afghanische, vor allem minderjährige Mädchen begeisterten sich für Mahdias Idee und wollten über ihre eigene Geschichte, die Flucht und ihr Leben im Camp schreiben.

Ihre Vision: eine eigene Zeitung. Aber die Männer im Flüchtlingscamp empfanden es nicht unbedingt als Fortschritt, dass ihnen nun nicht mehr ausländische Journalisten, sondern junge Frauen aus dem Camp Fragen stellten. "Sie sagten: Frauen können keine Journalisten sein", erinnert sich Mahdia Hosseini.

Integration über Gleichstellung

Die jungen Frauen trafen sich trotzdem weiter zu ihren Redaktionssitzungen und zum Austausch untereinander. Mithilfe des "Network for Children's Right", einer griechischen Jugendhilfsorganisation, konnten sie Geldgeber wie das UNHCR oder die EU finden und ihre Vision in die Praxis umsetzen.

Im April 2017 ging die erste Ausgabe der "Migratory Birds" in Druck, mit Artikeln auf Farsi, Griechisch und Englisch. Heute werden 13.000 Exemplare in den Camps und sozialen Einrichtungen der Flüchtlingshilfe verteilt.

Inzwischen ist bereits die elfte Ausgabe erschienen. Wie die früheren auch, wurde sie der griechischen Tageszeitung Efimerida ton Sintakton beigelegt.  Die "Migratory Birds" zwitschern in fünf Sprachen, auch auf Arabisch und der pakistanischen Amtssprache Urdu.

Griechenland Zeitung „Migratory Birds“ | Mo Alrifai (Marie-Christine Spies)

Auch der syrische Flüchtling Mo Alrifai (18) schreibt für die "Migratory Birds"

Die Artikel werden in ihrer Originalsprache gedruckt, aber online auf Englisch übersetzt. "Wir schreiben über unser Leiden, darüber, wie wir wirklich behandelt werden - und wie man uns helfen kann", sagt der 18-jährige Syrer Mo Alrifai, der auch in der Redaktion mitarbeitet. Ein Junge im Team?

"Angefangen hat es als Power-Projekt junger Frauen, aber jetzt arbeiten hier Jungen und Mädchen gleichberechtigt zusammen", sagt Denisa Bajraktari (28), die das Zeitungsprojekt als ausgebildete Journalistin hauptberuflich betreut. Dass hier viel über freie Meinungsäußerung vermittelt wird, sieht sie als weiteren Integrationserfolg. "Vielen Autoren wurde in ihrer Heimat der Mund verboten. Jetzt haben sie Redefreiheit - und wissen diese zu nutzen."

Nicht nur Flüchtlinge sind dabei

Dass die Zeitung so multilingual wird, war am Anfang nicht vorgesehen. "Es hat sich natürlich entwickelt, weil so viele junge Leute mitmachen wollten", erklärt Bajraktari. "Schließlich kann sich jeder einbringen, wie er möchte."

Wer nicht schreibt, schießt Fotos, bringt seine Ideen bei einem Redaktionsmeeting ein oder wirkt beim Web-Radio mit, das aus dem Projekt entstanden ist. Auch griechische Jugendliche sind dabei. So wird das Zeitung machen zu einer Austauschplattform für Einheimische und Flüchtlinge.

Griechenland Chios Migranten (DW/J. Papadimitriou)

Alltag im Flüchtlingslager

Viele Autoren kommen und gehen, ziehen weiter nach Europa, kehren zurück. Ihren Namen hat die "Migratory Birds" von der gemeinsamen Hoffnung des Gründungsteams, dass jeder von ihnen irgendwann Richtung Glück und Frieden fliegen werde.

Für Chefredakteurin Mahdia Hosseini könnte dieser Ort Deutschland sein. "Dort leben mein Vater und meine Schwestern" erzählt sie. Und dort möchte sie die "Migratory Birds" später einmal nisten lassen.

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