Sprache muss sich anpassen | Deutschlehrer-Info | DW | 14.11.2019
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Deutschlehrer-Info

Sprache muss sich anpassen

Wortverstümmlungen bei WhatsApp und Twitter, fehlerhafte Grammatik und Rechtschreibung, Anglizismen überall: Seit Jahren wird der Untergang der deutschen Sprache beschworen. Haben die Kritiker recht?

„Deutsche Sprache, schwere Sprache“ – das wusste schon der US-amerikanische Schriftsteller Mark Twain, der überzeugt war, ein begabter Mensch könne Englisch in 30 Stunden, Französisch in 30 Tagen, Deutsch aber kaum in 30 Jahren lernen: „Es ist ganz offenkundig, dass die deutsche Sprache zurechtgestutzt und renoviert werden muss. Wenn sie so bleibt, wie sie ist, sollte man sie sanft zu den toten Sprachen legen, denn nur die Toten haben genügend Zeit, sie zu lernen,“ schrieb Twain in seinem Buch „Bummel durch Europa“ (Original: „A Tramp Abroad“). Dem Thema Sprache und Bildung widmet sich aktuell auch der deutsche öffentlich-rechtliche Rundfunk. Die ARD-Themenwoche „Bildung Zukunft“  beschäftigt sich vom 9. bis zum 16. November mit Bildungsalltag, Diversität, Digitalisierung, Sprache und Bildung im Vergleich.

„Recycling-Sprache der neuen Medien“

Twain forderte 1897 eine radikale Vereinfachung der deutschen Sprache – und die ist nach Ansicht und zum Leidwesen vieler längst eingetreten. Denn bereits 2008 waren zwei Drittel der Deutschen der Meinung, mit ihrer Sprache gehe es rasant bergab. Als Gründe wurden Internet-Kommunikation, Leseabstinenz, Anglizismen und Jugend-Jargon genannt. Der Sprachverfall betreffe vor allem die junge Generation, bemängelte 2012 der damalige Vorsitzende des Rechtschreibrats, Hans Zehetmair. Das Vokabular der Jugendlichen bei SMS und Twitter sei generell sehr simpel: „Das Deutsche verarmt in den neuen Medien zu einer  ’Recycling-Sprache‘, wird immer mehr verkürzt und vereinfacht und ohne Kreativität wiedergekäut.“

Sprachwandlung ist nötig

Alles halb so schlimm, relativiert Andrea-Eva Ewels, Geschäftsführerin der Gesellschaft für deutsche Sprache(GfdS), die Untergangsszenarien gegenüber der DW: „Nein, unsere Sprache geht nicht unter, sie verändert sich nur stetig – schon deshalb, weil sich die Welt in einem früher nicht gekannten Ausmaß und Tempo verändert“, sagt sie. „Wir sprechen ja auch nicht mehr so wie im 6. Jahrhundert oder im Mittelalter.“ Sprache, so Ewels weiter, müsse sich immer wieder neuen Lebensverhältnissen anpassen, damit sie den Menschen als Mittel der Reflexion und Kommunikation dienen könne.

Und so verstümmeln WhatsApp- oder Twitter-Nachrichten ihrer Meinung nach die deutsche Sprache auch nicht, wie so oft behauptet wird. Reduzierte Grammatik und wenig Platz, um Inhalte ausführlich darzustellen: Das alles sei nicht neu, so Ewels. Heute greife man zum Smartphone, früher habe man sich Telegramme geschickt und sich dabei ebenfalls kurz gefasst.

Ein Telegramm mit dem Text Ich liebe dich. (picture-alliance/dpa)

Jugendsprache als Abgrenzung

Auch die Kritik an der Jugendsprache kann sie nicht teilen: „Aus sprachwissenschaftlicher Sicht gibt es für die Vermutung, dass jugendlicher Sprachgebrauch zu den Verursachern des Sprachverfalls gehört, keine Beweise“, so die Geschäftstführerin des GfdS. „Die Jugend hat schon immer eine eigene Sprache besessen, die sie vor allem unter sich nutzt. Sie verfügt über eine große Kreativität, Spontaneität, Direktheit und Flexibilität. Jugendliche selbst sehen ihren Sprechstil als Abgrenzung zu den Erwachsenen an, als Freiraum für sprachliche Innovation und lockeren Sprachgebrauch.“

Dass Schulen und Universitäten Alarm schlagen und mangelnde Rechtschreibung und Grammatikkenntnisse bei  jungen Leuten anmerken, ist für Ewels nichts Neues. Die GfdS bekommt seit Jahrzehnten Beschwerden von Lehrern vorgelegt.  Doch gerade in puncto vernachlässigten Dativs oder Konjunktivs sieht sie eine natürliche Entwicklung: „Sprachwandel führt immer zur Vereinfachung der Sprachstruktur. Grammatische Funktionen, die überflüssig sind, weil sie mit anderen bereits vorhandenen Funktionen verschmelzen, verschwinden langsam aus dem Sprachgebrauch.“

Ähnlich sieht das der Sprachwissenschaftler Aria Adli von der Universitär Köln: „Wenn sich die Elterngeneration heute beschwert, dass die Jungen die Sprache nicht mehr richtig beherrschen, dann könnte man den Spieß auch umdrehen und sagen: Die Elterngeneration hat nicht dazugelernt, um so zu sprechen, wie man eigentlich heutzutage spricht.“

„Methodisch betriebene Verhunzung“

Klagen über den Sprachverfall haben eine lange Tradition: So schrieb Prinzessin Lieselotte von der Pfalz schon 1721 an eine gute Freundin: „Ist es möglich, liebe Louise, dass unsere gutte, ehrliche Teüutschen so alber geworden, ihre sprache gantz zu verderbe, dass man sie nicht mehr verstehen kan?“ Und 1852 beschwerte sich der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer über eine „methodisch betriebene Verhunzung“: „Die Sudler sollten ihre Dummheit an etwas anderm auslassen, als an der deutschen Sprache.“

Auch gegen Fremdwörter ging man schon in früheren Jahrhunderten auf die Barrikaden. So gründeten einige Adelige 1617, als es in den besseren Kreisen Europas üblich war, Französisch zu reden, im thüringischen Weimar die „Fruchtbringende Gesellschaft“. „Deren Zweck ist darauf gerichtet, dass man die hochdeutsche Sprache in ihrem rechten Wesen und Stande ohne Einmischung fremder ausländischer Worte aufs möglichste und tunlichst erhalte und sich sowohl der besten Aussprache im Reden als der reinsten Art im Schreiben und Reime dichten befleißige,“ so stand es in den Statuten der Gesellschaft.

Sprachpuristen versus Anglizismen

Genau das ist vier Jahrhunderte später auch der Anspruch des Vereins Deutsche Sprache (VDS). Die Sprachpuristen wehren sich vehement gegen Anglizismen und fordern Loyalität zur deutschen Sprache. Unverdrossen fordert der VDS die Verankerung der deutschen Sprache im Grundgesetz.

Bei der GfdS schüttelt man darüber nur den Kopf. Von Sprachgesetzen hält man dort nichts. „Wir nehmen die Beschwerden der Bevölkerung ernst, betrachten aber Fremdwörter, die keine deckungsgleiche Entsprechung im Deutschen haben, als Bereicherung für unseren Wortschatz“, sagt Andrea-Eva Ewels.

Englisch als weltweites Verständigungsmittel habe zwar auch in Deutschland eine immer größere Bedeutung, aber die von Kritikern postulierten vermeintlichen Bedrohung durch den Sprachkontakt zum Englischen sei etwa vergleichbar mit der Diskrepanz zwischen wissenschaftlich messbarer Lufttemperatur und der sogenannten „gefühlten Temperatur“ in der Meteorologie.

Denn rein statistisch betrachtet sei jedes dritte bis fünfte Wort aus einer Fremdsprache entlehnt – und meist lateinisch-griechischen Ursprungs. Nur ein bis zwei Prozent des Allgemeinwortschatzes basieren auf englischen Lehnwörtern. Der meistgenutzte Anglizismus ist übrigens „okay“ – und dieses Wort benutzen einer Studie des Meinungsforschungsinstituts YouGov von 2016 zufolge auch 90 Prozent derjenigen sehr oft, die Anglizismen eigentlich ablehnen.

 

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