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Iran-Proteste bei Länderspiel in Österreich

Ololade Adewuyi aus Mödling
28. September 2022

Das Länderspiel zwischen dem Iran und dem Senegal wird zur politischen Bühne. Die Nationalmannschaft und ehemalige Fußballstars unterstützen den Kampf für Frauenrechte.

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Drei iranische Frauen zeigen Protestplakate
Proteste iranischer Frauen am Rande des Länderspiels zwischen dem Iran und dem Senegal in WienBild: Lolade Adewuyi

"Sagt ihren Namen! Sagt ihren Namen!", riefen iranische Demonstranten vor dem Stadion in Mödling, rund 20 Kilometer südlich von Wien. Die iranische Fußballnationalmannschaft bereitete sich dort am Dienstagabend mit einem Freundschaftsspiel gegen den Senegal auf die WM in Katar vor. Der Grund der Demonstration: der Tod Jina Mahsa Aminis. Die 22 Jahre alte Frau war am 13. September in Teheran gestorben, nachdem sie von der Sittenpolizei festgenommen worden war. Sie hatte nicht den Hijab getragen, die von den iranischen Religionsbehörden vorgeschriebene Kopfbedeckung.

Der Tod Aminis hatte im Iran landesweite Proteste ausgelöst, die weiter andauern. Der Polizei wird vorgeworfen, die junge Frau totgeprügelt zu haben. Bei den Demonstrationen sollen inzwischen mehr als 70 Menschen getötet worden sein.

Das WM-Testspiel des iranischen Teams in Österreich stand im Zeichen der Unruhen im Iran. "Wir sind hier, um die Spieler zu bitten, uns zu unterstützen", sagte Mehran Mostaed, einer der Demonstranten, der DW. Der 39-Jährige, der in Wien lebt, richtete einen Appell an die Nationalspieler: "Ihr unterstützt die Diktatoren, indem ihr für sie spielt. Bitte unterstützt lieber uns, denn diese Diktatoren töten unsere jungen Leute auf den Straßen!"

Fußballer schließen sich den Protesten an

Die Spieler zeigten ihre Unterstützung auf eigene Weise. Beim Abspielen der Nationalhymnen trugen sie schwarze Jacken und verdeckten so ihre Nationaltrikots. Als Sardar Azmoun, Profi des Bundesligisten Bayer 04 Leverkusen, den Ausgleichstreffer für Iran zum 1:1-Endstand erzielte, verzichtete er auf Torjubel. Das gesamte Team ging wortlos zum Mittelkreis, um das Spiel fortzusetzen.

Azmoun hatte auf Instagram mit deutlichen Worten seine Sympathie für die Demonstrationen im Iran ausgedrückt - ohne Rücksicht auf mögliche Folgen für ihn selbst. "Die ultimative [Strafe] ist der Rauswurf aus der Nationalmannschaft, was ein geringer Preis für jede Haarsträhne einer iranischen Frau wäre. Schämt euch dafür, dass ihr das Volk und die Frauen des Iran einfach tötet! Lang leben die iranischen Frauen!", schrieb Azmoun. Später wurde die Instagram-Story gelöscht. 

Im Laufe der Woche hatten bereits mehrere Mitglieder der iranischen Mannschaft in den sozialen Medien geschwärzte Bilder gepostet. Laufen sie wegen dieser indirekt geäußerten Kritik an der Führung in Teheran nun Gefahr, aus dem WM-Kader gestrichen zu werden?

Sardar Azmoun  (3.v.r.) bekommt von einem Mitspieler den Kopf gestreichelt
Leverkusens Sardar Azmoun (3.v.r.) protestiert auf den Sozialen Medien gegen das iranische RegimeBild: ISNA

Unterstützung iranischer Ex-Fußballstars

Auch ehemalige iranische Fußballer haben sich in den vergangenen Tagen offen gegen die Machthaber in Teheran positioniert. Ex-Bayern-München-Profi Ali Karimi und die iranische Fußball-Legende Ali Daei meldeten sich ebenfalls in den sozialen Medien zu Wort.

Karimi richtete einen Appell an die iranische Armee: "Das Heimatland wartet auf euch. Lasst nicht zu, dass Blut von Unschuldigen vergossen wird!" Anhänger des Regimes forderten daraufhin in den sozialen Netzwerken, Karimi zu verhaften.

Daei, der in seiner glanzvollen Karriere 149 Mal für den Iran gespielt und dabei 109 Tore erzielt hatte, sandte diese Botschaft an das Regime: "Anstatt das iranische Volk zu unterdrücken, Gewalt anzuwenden und Menschen zu verhaften, solltet ihr deren Probleme lösen."

Starkes Zeichen Richtung Iran

Im Iran werden Frauen Freiheiten verwehrt. Darunter zählt in der Regel auch der Zugang zu Fußballspielen von Männern. Insofern war der Einsatz der österreichischen Schiedsrichter-Assistentin Sara Telek bei der Partie in Mödling ein deutliches Zeichen Richtung Iran, wo der Einsatz eines weiblichen Referees bei einem Männerspiel undenkbar wäre. Millionen Menschen im Iran konnten nun bei der Liveübertragung des Spiels im Fernsehen verfolgen, wie Telek ihren Job routiniert und professionell erledigte, ohne Hijab, mit kurzer Sporthose.

Die österreichische Linienrichterin Sara Telek steht mit gesenkter Fahne an der Seitenlinie
Für iranische TV-Zuschauer ein ungewohntes Bild: Sara Telek, Linienrichterin ohne Hijab und mit kurzer HoseBild: Lolade Adewuyi

Die Entscheidung, Telek einzusetzen, habe die UEFA getroffen, sagte ein Mitglied des Organisationsteams der DW. Die iranische Delegation haben keinen Einspruch erhoben. "Das ist Österreich, wir haben das Spiel nach den österreichischen Gesetzen organisiert", so der Funktionär.

Ein iranischer Journalist, der seinen Namen nicht öffentlich nennen wollte, begrüßte, dass eine Frau als Schiedsrichter-Assistentin eingesetzt und dies im iranischen Fernsehen auch gezeigt wurde. "Die Gesetze im Iran müssen sich ändern", sagte der Mitarbeiter des unabhängigen, in London ansässigen Senders "Iran International" der DW: "Frauen müssen die gleichen Rechte haben wie Männer."

Bei der WM in Katar wird das iranische Team auf die USA, Wales und England treffen. Angesichts der anhaltenden Proteste auf dem Spielfeld und abseits davon ist nicht mit einer ruhigen Vorbereitung zu rechnen.

Aus dem Englischen adaptiert von Jörg Strohschein.