Spanier stehen immer mehr auf Grün | Wirtschaft | DW | 19.01.2018
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Umweltschutz

Spanier stehen immer mehr auf Grün

Bisher war Spanien vor allem das Land, in dem Wasser und Energie verschwendet wurden, aber das Land vollzieht eine Kehrtwende. Deutschland ist das Vorbild, auch für Parteien und Lobbyisten.

Bisher hatten die Spanier mit Themen wie Waldsterben, Ozonloch oder Luftverschmutzung wenig zu tun. Auch über Müll haben sie sich wenig Gedanken gemacht. Es gibt zwar immer noch kein Pfandsystem, noch nicht einmal für Glasflaschen, aber es vollzieht sich dennoch ein enormer Bewusstseinswandel in Spanien. War Mülltrennung am Anfang lästig für die eher auf Bequemlichkeit ausgerichtete spanische Gesellschaft, macht diese jetzt gemäß eines Berichts der spanischen EAE Business School für die meisten Sinn. Haben vor 20 Jahren gerade mal knapp fünf Prozent der spanischen Bevölkerung recycelt, sind es heute fast 75 Prozent.

Die spanische Regierung springt auf den grünen Zug auf. Vize-Präsidentin Soraya Sáenz de Santamaría hat angekündigt, dass 2018 "ein groβer Impuls" in Sachen Umweltpolitik erfolgen soll. Neun Gesetze kündigte sie an und noch mehr Unterstützung für erneuerbare Energien, die inzwischen in Spanien ohne Festtarife gehandelt werden. Die Tatsache, dass die Regierung im vergangenen Jahr in zwei Auktionen 4000 MW grünen Strom auf den Markt brachte, hat viele Investoren ins Land gelockt. Diese freut zudem, dass Staatssekretär Daniel Nava Ende des Jahres ankündigte, dass auch über eine Streichung der Steuer bei der Privatproduktion von Strom nachgedacht wird, was den Markt für Solardächer im sonnigen Spanien enorm beleben würde. Firmen wie Tesla stehen in den Startlöchern.  

Europa forciert Spanier zu "grünerem" Bewußtsein

Die spanische Regierung bekommt ganz klar Druck aus Brüssel,  aber "grün denken" ist auch cool geworden in Spanien und hat sich ganz klar zu einem guten Geschäftszweig entwickelt. Passivhäuser sowie Stromsparen, in Deutschland fest etablierte Standards und Verhaltensweisen, sind plötzlich auch in Spanien angesagt. Camino Alonso, Mitgründerin des Architekturbüros Ábaton in Madrid, hat lange auf diese Entwicklung gewartet: "Bisher haben wir unsere umweltfreundlichen Häuser vor allem nach Nordeuropa verkauft, jetzt steigt auch hier die Nachfrage." 

Design und Umweltschutz Abaton setzt auf Passivhäuser (Abaton/Batavia/J. Baraja)

Design und Umweltschutz - Abaton setzt auf Passivhäuser und grüne Architektur

Weitere Impulse werden vom neuen spanischen Klimagesetz erwartet, dass die Regierung noch in diesen Halbjahr auf den Weg bringen will. Es soll festhalten, welche Veränderungen auf dem Energiemarkt weiter notwendig sind, um die europäischen Vorgaben einzuhalten: Unter anderem müssen bis Ende 2020 alle Klima schädlichen Gase um 20 Prozent im Vergleich zu 1990 reduziert werden und erneuerbare Energien 20 Prozent der Stromerzeugung ausmachen. "Da liegt noch ein weiter Weg vor uns in den kommenden zwei Jahren. Deutschland ist dabei das groβe Vorbild für die spanische Politik und Umweltlobby", sagt Jaime Del Barrio Pison, CEO der spanischen Firma Ades, die gerade eine wesentlich günstigere Methode der Salzwasseraufbereitung auf den Markt gebracht und eine Öko-Häusersiedlung entworfen hat. 

Lokale Politik krempelt das Denken um

Das neue Bewußtsein der Spanier erklärt auch die enorme Popularität von alternativen lokalen und regionalen Regierungen wie in Valencia und Madrid, wo Nachhaltigkeit und Lebensqualität inzwischen Vorrang vor wirtschaftlichen Aspekten haben. Mehrere Demos im vergangenen Jahr gegen Massentourismus haben deutlich gemacht, dass Umweltschutz vor allem auf lokaler Ebene für die Spanier immer wichtiger wird. Dieses Bewußtsein verändert auch die Landwirtschaft.

Während das Land bisher Bio-Produkte vor allem für Deutschland herstellte, rangiert Spanien inzwischen unter der Top Ten der Länder mit den meisten Konsumenten von ökologisch erzeugten Produkten. "Es kommt halt alles verzögert, aber wir sind selber überrascht, wie unsere in Spanien getrockneten Bio-Früchte ankommen", sagt Martin Schenk, Gründer der Firma Natursnacks, die ihren Sitz in Valladolid hat.

Immer mehr Spanier schauen genau, was auf den Teller kommt

Lange hatte Gemüse und Obst aus Spanien keinen so guten Ruf, gemäß des Berichts des Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL "Die Welt der Öko-Landwirtschaft 2017" wächst in Spanien der Öko-Markt jedoch derzeit am schnellsten. In den vergangenen drei Jahren hat er um ganze 25 Prozent zugelegt.

"Bisher wurden Zweitdrittel der spanischen Bio-Produktion exportiert, aber die Spanier  verstehen immer mehr die Zusammenhänge zwischen Krebserkrankungen und chemisch verseuchten Lebensmitteln und kaufen deswegen vermehrt 'saubere' Produkte", sagt Rafael Álvarez, der einen Sensor für Pflanzen entwickelt hat, um deren Stress zu messen und damit ihre Bewässerung zu optimieren: "Wasser ist ein knappes Gut in Spanien. Phasen der Trockenheit wie dieses Jahr und auch die katastrophalen Waldbrände im Sommer lassen die Bauern umdenken." Dank dieses Wandels ist die Zahl der Öko-Fabrikanten in der spanischen Landwirtschaft gemäβ FiBL seit 2014 ebenfalls um 7,5 Prozent gewachsen. Auch Aldi und Lidl beziehen einen Groβteil ihrer Bio-Produkte inzwischen aus Spanien und zählen dort bereits zu "ökologisch orientierten Supermärkten".

Spanien E-Mobilität und Carsharing in Madrid (car2go)

E-Mobilität in Madrid boomt - Carsharing auch

Auch die Mobilität verändert sich

Aber nicht nur die Landwirtschaft wird gerade komplett umgekrempelt, auch die Mobilität. Junge Spanier in den Städten verzichten immer mehr auf ein eigenes Auto. Car2go, E-Cooltra oder emove - sie alle haben enormen Erfolg, vor allem in Metropolen wie Barcelona oder Madrid. "Wir sind sehr überrascht über die enorme Sharing-Kultur der Spanier. Ein Auto oder Motorrad zu teilen, ist für sie cool", sagt Timo Buetefisch, Chef der spanischen Miet-Roller-Firma Cooltra. Die unter hoher Luftverschmutzung leidende Hauptstadt ist für den Elektroauto-Dienst car2go mit 190.000 Kunden bereits weltweit die drittwichtigste Stadt.

Der 32jährige Spanier Alejandro Artacho vom Start-up Spotahome ist stolz auf sein immer "grüner" werdendes Land: "Wir sind immer spät dran mit allem, aber beweisen dann immer wieder groβe Anpassungsfähigkeit." Der Gründer des in Madrid angesiedelten Web-Wohnungsmaklers besitzt selber weder Auto noch Motorrad: "Abgesehen davon, dass es umweltfreundlicher ist, Fahrzeuge zu teilen, ist es auch einfacher. Besitz stresst nur."