Spahn sorgt sich um Gesundheitswesen | Nachrichten & Analysen: der globale Blick auf Schlagzeilen | DW | 21.09.2020
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Corona-Pandemie

Spahn sorgt sich um Gesundheitswesen

Überall in Europa steigen die Corona-Infektionszahlen wieder, besonders in Spanien und Frankreich. In Deutschland weniger stark, aber die Nervosität der Verantwortlichen nimmt spürbar zu.

Noch versucht Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), die Gemüter zu beruhigen. Es gebe immer mehr neue Infektionen mit dem Coronavirus auch in Deutschland, ja, aber: "Stand heute kann das Gesundheitswesen mit dem erhöhten Infektionsgeschehen sehr gut umgehen, die Dynamik im europäischen Ausland ist aber besorgniserregend", sagte Spahn am Montag in Berlin. Höhere Infektionszahlen und eine zeitgleich im Herbst und Winter zu erwartende Grippewelle: Beides zusammen könnte dann auch in Deutschland dazu führen, dass das Gesundheitswesen unter Stress gerate.

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Neue Coronainfektionen: Deutsche Krankenhäuser sind vorbereitet

Deshalb will Spahn jetzt lokale Fieber-Ambulanzen aufbauen, an die sich Bürger mit Grippe- oder Corona-Symptomen wenden können. Außerdem plädiert der Minister dafür, dass Antigen-Schnelltests bereitgestellt werden: "Das wäre ein qualitativer Schritt nach vorne." Diese Tests können sehr viel schneller durchgeführt werden als die herkömmlichen Corona-Tests, sind aber auch nicht so genau. Spahn will diese Tests vor allem für Bürger anbieten, die etwa Angehörige in Pflegeheimen besuchen wollen.

Merkels Sprecher: "Kein Anlass zu Selbstgefälligkeit!"

Die grundlegende Sorge des Ministers über die Entwicklung in den nächsten Wochen scheint die Bundeskanzlerin zu teilen. Der Sprecher von Angela Merkel, Steffen Seibert, sagte in Berlin: "Wir haben keinen Anlass, selbstgefällig zu denken, dass es bei uns nicht zu ähnlichen Entwicklungen wie im Ausland kommen könnte."

Masken auf öffentlichen Plätzen in München

Aktuell liegt die Zahl der bekannten Infektionen in Deutschland bei 272.337. Von Sonntag bis Montag kamen 922 neue Ansteckungen hinzu. Weitaus weniger als vergleichsweise im europäischen Ausland, aber vor allem in Bayern wird die Lage kritischer. In der Landeshauptstadt München registrierten die Behörden seit einigen Tagen nun über 50 neue Infektionen je 100.000 Einwohnern innerhalb einer Woche. Dieser Wert gilt als kritische Grenze. Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) teilte deshalb am Montag mit, dass die Menschen von Donnerstag dieser Woche an auch auf öffentlichen Plätzen eine Maske tragen müssen. Nur noch maximal fünf Personen oder die Mitglieder zweier Haushalte dürften sich dann in der Öffentlichkeit treffen. "Wir müssen alles tun, um Menschenansammlungen zu vermeiden, und das gilt insbesondere im Bereich des Feierns", betont Reiter. Das erinnert dann doch schon stark an die bundesweiten Bestimmungen zu Beginn der Corona-Krise Anfang April.

Söder kritisiert "Leichtsinn und Unvernunft"

Ministerpräsident Markus Söder (CSU) zeigte sich im Bayrischen Rundfunk ebenfalls sehr besorgt und sparte nicht mit Kritik an den Bürgern: Organisierte Treffen seien eigentlich kein Problem, dort gebe es schließlich zumeist ausgefeilte Hygiene-Konzepte. Aber problematisch seien "Leichtsinn und Unvernunft" bei privaten Feiern. "Man kann nicht für die Lebensfreude Einzelner das Leben anderer gefährden." Die "Wirtshaus-Wiesn", die seit dem Wochenende in Gaststätten und Biergärten anstelle des abgesagten Oktoberfests gefeiert wird, hält Söder aber nicht für kritisch. Unter strengen Hygiene-Maßnahmen, mit Maske und Abstand spielen dabei auch Musikgruppen auf, damit wenigstens ein klein wenig Oktoberfest-Stimmung aufkommt.

Hohe Infektionszahlen auch in Berlin...

Auf der Ebene der Bundesländer hat derweil Berlin Bayern den Rang abgelaufen bei den Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern innerhalb von sieben Tagen.

Deutschland Berlin | Coronavirus | Illegale Party Hasenheide (DW/T. Kondratenko)

Illegale Feiern im Park wie hier in Berlin treiben die Infektionszahlen auch nach oben

Die Reaktion der zuständigen Berliner Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) fällt ähnlich aus wie die von Spahn: Der Schutz der älteren Menschen funktioniere noch. Allerdings müsse man damit rechnen, dass die derzeit bei jüngeren Menschen verbreiteten Infektionen auch verstärkt die höheren Altersgruppen erreichten und dann die Zahl der Krankenhaus- und Todesfälle steigen könnte. Der Vergleich mit anderen Bundesländern ist aber schwierig, da Berlin als Bundesland ein reiner Stadtstaat ist. Und in Ballungszentren sind die Infektionen immer höher als auf dem Land.

...und trotzdem Chancen für die Weihnachtsmärkte

Trotz der wieder gestiegenen Corona-Gefahr setzten sich zu Wochenbeginn gleich mehrere Ministerpräsidenten dafür ein, die bei den Deutschen so beliebten Weihnachtsmärkte irgendwie stattfinden zu lassen, wenn auch wohl in stark reduzierter Form. "Es gibt ein seelisches Bedürfnis nach dieser Normalität", sagte etwa Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) der Zeitung "Welt". Andere Regierungschefs brachten unter anderem einen reduzierten Alkoholkonsum ins Gespräch. Auch dazu äußerte sich der Sprecher der Kanzlerin, Steffen Seibert: "Es ist jetzt nicht die Zeit für weitere Öffnungs-Schritte", stellte Seibert unmissverständlich fest. In der nächsten Woche ist ein erneutes Treffen Merkels mit allen Ministerpräsidenten zum Thema Corona geplant. Da wird es dann wohl auch um die Weihnachtsmärkte gehen.

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