1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

Soziologin: Debatte über Integration erforderlich

24. Mai 2017

Nach Manchester hat die britische Multikulti-Gesellschaft Risse bekommen, meint Ulrike Ackermann. Im DW-Interview fordert sie, sich mit der Integration von Muslimen in unsere offene Gesellschaft auseinanderzusetzen.

https://p.dw.com/p/2dV4h
UK Gedenkveranstaltung in Manchester
Bild: Reuters/P. Nicholls

Deutsche Welle: Es war ein Anschlag auf Besucher eines Pop-Konzerts. Wollten die Attentäter von Manchester unsere offene Gesellschaft treffen, unsere Freiheit?

Ulrike Ackermann: Auf jeden Fall. Denn in den Augen der Islamisten ist die Popmusik der Inbegriff dieses offenen, vergnüglichen westlichen Lebens und der westlichen Dekadenz. Es ist genau das gleiche Muster wie in Paris bei dem grauenhaften Anschlag im Bataclan. In Ankara gab es diesen Anschlag auf junge Leute, die sich eine neue CD einer Popgruppe anhören wollten. Das sind die Symbole, um die es den Islamisten geht. Die wollen sie kaputt machen und uns so mitten ins Herz treffen.

Die Frage ist, ob sie es schaffen. Kann der liberale, westliche Staat diese Freiheit überhaupt verteidigen - wenn er doch gleichzeitig für Sicherheit sorgen muss?

"Nicht einschüchtern lassen!"

Porträt der Sozialforscherin Ulrike Ackermann
Ulrike AckermannBild: picture-alliance/dpa/K. Schindler

Natürlich muss der Staat für die Sicherheit seiner Bürger sorgen, damit sie in Freiheit leben. Und sicherlich führt die Zunahme des islamistischen Terrorismus zu immer größeren Herausforderungen für die Sicherheitspolitik. Aber wir müssen Sicherheit und Freiheit genau austarieren. Um die offene Gesellschaft zu verteidigen, müssen wir leider Gottes auch bestimmte Sicherheitsstandards hochfahren. Wir dürfen uns aber auf gar keinen Fall einschüchtern lassen. Das Lachen auf der Straße, der Minirock, das Küssen auf der Straße - das sind Momente dieses Lebensstils, auf den es die Islamisten abgesehen haben. Deshalb müssen wir uns darauf einstellen, dass Plätze stärker überwacht werden, dass es bei großen Veranstaltungen und Konzerten Einlasskontrollen gibt. Das ist ärgerlich, aber wir dürfen uns trotzdem von diesem Lebensstil nicht abbringen lassen.

Nicht einschüchtern lassen, sagen Sie. Aber wie erhalten wir die Freiheit in unseren Köpfen?

Indem wir uns darüber verständigen: Was sind die Prinzipien dieses westlichen Lebensstils und unserer Freiheiten? Da ist an erster Stelle die Säkularität zu nennen, dass Religion Privatsache ist. Dass der öffentliche Raum nicht von religiösen Eiferern erobert wird. Dass wir sehr unterschiedlich leben, aber genau schauen, inwieweit Integration unterschiedlicher Kulturen wirklich gelingen kann.

Das ist das Problem, mit dem sich die Briten jetzt auseinandersetzen müssen - dass der Traum des Multikulturellen einige Risse gekriegt hat, dass die Integration nicht auf allen Feldern gelungen ist.

Auch in Deutschland ist die Debatte über eine Leitkultur wieder aufgeflammt. Gießt Manchester jetzt neues Öl ins Feuer?

Nach den Anschlägen von Paris erstrahlt das Brandenburger Tor in den französischen Nationalfarben Blau, Weiß und Rot. Foto: picture-alliance/Eventpress
Gedenken an die Anschläge von Paris: Das Brandenburger Tor erstrahlte in den französischen NationalfarbenBild: picture-alliance/Eventpress

Ich bin nicht sicher, ob der Begriff Leitkultur der zuträglichste ist. Aber dass er wieder in die Debatte geworfen wurde, zwingt uns zu einer offenen Auseinandersetzung darüber, wie wir hier zusammen leben wollen. Was geht, was geht nicht? Was ist vom Grundgesetz abgesichert? Darüber müssen wir eine lebendige Debatte führen.

Ist Manchester Wasser auf die Mühlen der Ausgrenzer, der Populisten - der Feinde der Freiheit?

"Integration hat nicht auf allen Ebenen geklappt"

Ja. Mit ihren Anschlägen verfolgen die Islamisten seit ungefähr 2014 eine Spaltungspolitik. Sie wollen die westlichen Gesellschaften spalten, damit Muslime unter Generalverdacht geraten, sich immer stärker in Parallelgesellschaften zurückziehen und da dann ein Nährboden entsteht für die Rekrutierung zum Dschihadismus. Das ist die Strategie der Islamisten. Die dürfen wir uns nicht aufzwingen lassen.

Nach jedem islamistischen Anschlag geraten Muslime und Islamverbände unter Druck, Bekenntnisse abzulegen - gegen Terror, für Religionsfreiheit. Ist das die Lösung?

Es reicht leider nicht, ein Bekenntnis abzuliefern. Wie erschüttert waren alle, als ein Großteil der türkischen Bevölkerung im Referendum für Erdogan stimmte? Das geht zurück auf die sehr erfolgreiche Politik konservativer Islamverbände. Und das ist für mich ein Beispiel, dass die Integration in unsere offene, pluralistische Gesellschaft nicht auf allen Ebenen geklappt hat. Damit müssen wir uns auseinandersetzen.

Frau Ackermann, wie sollte unsere Gesellschaft auf den Terror antworten?

Gelassenheit, Wachsamkeit und die Verteidigung unseres Lebensstiles und unserer freiheitlichen Werte.

Die Politikwissenschaftlerin und Soziologin Professor Ulrike Ackermann, Jahrgang 1957, leitet das Heidelberger John Stuart Mill Institut für Freiheitsforschung.

Das Gespräch führte Stefan Dege.