Souleymane Sow: Einsatz in Berlins berüchtigtem Drogenpark | Afrika | DW | 30.08.2019
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Gewaltprävention

Souleymane Sow: Einsatz in Berlins berüchtigtem Drogenpark

Der Görlitzer Park ist für seine Drogendealer bekannt - viele kommen aus Afrika. Die Polizei konnte das Problem nicht lösen, nun sollen Parkläufer für Frieden sorgen. Unter ihnen: Souleymane Sow aus Guinea.

Souleymane Sow beim Einsatz im Görlitzer Park (DW/D. Pelz)

Seit drei Jahren ist Souleymane Sow im Görlitzer Park im Einsatz

Schreie gellen aus einer Ecke des Parks, dann ein dumpfer Knall. Souleymane Sow und seine beiden Kollegen rennen los. Am Parkeingang gibt es Streit: Steine fliegen, ein Mann schwingt eine Holzlatte. Die drei Parkläufer gehen dazwischen. Zwei junge Männer wollen sich nicht beruhigen lassen, die Parkläufer schieben sie schließlich Richtung Ausgang.

Zwei Nordafrikaner hätten einen Mann bestohlen, der bei afrikanischen Dealern Drogen gekauft habe, erzählt Sow, als sich die Lage beruhigt hat. "Man muss schon Mut haben. Man darf keine Angst zeigen, sonst kann man diesen Job nicht machen. Man muss gelassen sein und deeskalieren können." Und dem hochgewachsenen Mann mit der ruhigen Ausstrahlung glaubt man auch sofort, dass er das kann. 

Zuhause der Gestrandeten

Auf dem grünen Parkläufer-T-Shirt steht nur sein Spitzname: Solo. So kennt man ihn hier, seit drei Jahren ist der Görlitzer Park sein Revier. 14 Hektar Grün mitten im Kreuzberger Häusermeer. Ein Kinderbauernhof, ein Jugendzentrum, viel Rasen - und Deutschlands bekanntester Drogenumschlagplatz. Rund 200 Dealer sollen hier ihren Geschäften nachgehen. Die meisten stammen aus Afrika, viele von ihnen haben keine gültigen Papiere. 

Menschen auf einer Liegewiese im Görlitzer Park (Imago Images/A. Friedrichs)

Der Görlitzer Park ist eine grüne Oase in Kreuzberg

Viel ist an diesem Nachmittag nicht los. Kleine Gruppen junger Afrikaner hängen in der schmalen Gasse neben der zerfallenen Parkmauer ab. Fast alle sind Männer, fast alle zwischen 20 und 30. Im Hintergrund Musik aus einer Stereoanlage. Die Dealer gruppieren sich nach Nationalitäten - Gambia, Nigeria, Ghana, Guinea. "Wir bleiben oft zusammen, damit wir etwas zu Essen haben. Wer Geld hat, kauft für die ganze Gruppe etwas", erzählt ein Mann mit langen Rastalocken und verspiegelter Sonnenbrille. Viele Menschen würden auch hier im Park schlafen, sagt er. Nach eigenen Angaben kommt er aus Ghana, seit 2014 lebt er hier.

"Es ist gut, dass es die Parkläufer gibt", sagt er. "Immer, wenn es Ärger gibt, laufe ich los und sage ihnen Bescheid. Ich wüsste nicht, was ich machen sollte, wenn sie nicht da wären. Jemand wie ich kann doch nicht die Polizei rufen".

Mit väterlicher Autorität und Sprachtalent

Souleymane schüttelt Hände, lacht, scherzt. Auf die freundliche Art versucht er, zumindest grundlegende Regeln durchzusetzen: Keine Belästigung anderer Parkbesucher, kein Drogenverkauf an Kinder. Keine Schlägereien, keine Diebstähle. Die Parkläufer sollen dafür sorgen, dass sich jeder im Park wohlfühlt.

Zwei Parkläufer mit Fahrrädern bei einer Runde im Görlitzer Park (Imago Images/J. Hoff)

Die Parkläufer sollen für ein friedliches Miteinander sorgen

Hilfreich dabei: eine gute Dosis väterlicher Autorität, seine eigene Geschichte und sein Sprachtalent. Sow zählt auf: die westafrikanischen Sprachen Mandinka, Susu, Fulfulde, Bambara und Malinke, dazu noch Französisch, Englisch, Deutsch und Polnisch. Vor fast 30 Jahren ist der heute 46-Jährige mit einem großen Traum nach Berlin gekommen. 

"Ich habe gedacht, ich komme hierher und werde ab dem ersten Moment ein besseres Leben haben", sagt er. Doch der Traum platzte: Aus dem erhofften Studium wurde nichts. Zunächst schuftete er schwarz, um irgendwie über die Runden zu kommen. Auf dem Bau, als Möbelpacker, auch als Sicherheitsmann hat er sich durchgeschlagen.

Zurück zur harten Hand?

Seine Geschichte kennen auch die Dealer. Er erzählt sie ganz bewusst. "Was ich hier zu vermitteln versuche, ist, dass die Jungs nicht den Kopf hängen lassen sollten, sondern Mut haben. Ich habe es geschafft, sie werden es irgendwann mal schaffen", sagt er, als er nach seiner Runde ganz oben auf den Beton-Terrassen an der Nordspitze des Parks sitzt. 

Polizeibeamte durchsuchen mutmaßliche Dealer bei einer Razzia (picture alliance/dpa/B. v. Jutrczenka)

Durch Polizei-Razzien konnte der Drogenhandel nicht gestoppt werden

Der ist von hier oben ein kleines Idyll. Kinder radeln über den Kiesweg in der Mitte, junge Kreuzberger sonnen sich mit nackten Oberkörpern und genießen ein frühes Feierabendbier. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Die Zahl der schweren Körperverletzungen von Januar bis April dieses Jahres ist laut dem ARD-Magazin "Kontraste" um 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen, die Zahl der Raubüberfälle um 31 Prozent. Nachts trauen sich viele nicht mehr in den Park.

Manche Politiker und Medien fordern daher eine andere Strategie: Mehr Polizeieinsätze, mehr Verhaftungen, mehr Abschiebungen. Drei Jahre lang haben die Behörden das schon einmal ausprobiert. 2017 stellten sie die sogenannte Nulltoleranz-Strategie wieder ein. Kritiker halten sie für gescheitert - der Drogenhandel verlagerte sich in andere Ecken, für jeden festgenommenen Dealer rückte schnell ein anderer nach. Und jetzt die Neuauflage?

Video ansehen 12:03

Berlin: Ein Parkwächter und die Dealer

Souleymane Sow bringen solche Vorschläge in Rage. "Für mich ist das keine Lösung", sagt er - und zum ersten Mal an diesem Nachmittag schwingt ein wütender Unterton in seiner Stimme mit. "Eine Lösung wäre es, wenn man den Leuten hilft, sich hier zu integrieren, Arbeit zu finden, Ausbildungsplätze zu finden, die Sprache zu lernen. Man muss ihnen Chancen geben."

Doch die bekommen nur die wenigsten. Die, die sich in Deutschland aufhalten dürften. Zwei Dealern mit den entsprechenden Papieren hat er legale Jobs besorgt. Andere konnte er in Sprachkurse vermitteln. Doch die meisten sind illegal in Deutschland. Sie müssten in den EU-Ländern leben, die sie auf ihrer Flucht als erstes betreten haben. So wollen es die EU-Regeln - Änderung nicht in Sicht. Ganz falsch, meint Sow: "Diese Menschen sind nun mal hier, wir müssen ihnen helfen, den richtigen Weg zu finden."

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