″Sommermärchen″-Alptraum: Ein komplizierter Prozess | Sport | DW | 11.03.2020
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Justiz

"Sommermärchen"-Alptraum: Ein komplizierter Prozess

Was war das doch für ein Jubel, als 2006 die Fußball-WM in Deutschland stattfand. Und danach? Juristische Ermittlungen, eine Anklage und nun ein Prozess gegen die einst mächtigen Männer im DFB. Doch worum geht es genau?

Fußball DFB-Funktionäre Horst R. Schmidt Theo Zwanziger Wolfgang Niersbach (Getty Images/Bongarts/U. Roth)

Das waren noch Zeiten: Horst R. Schmidt, Theo Zwanziger und Wolfgang Niersbach (von links), 2012 noch im Jackett mit DFB-Logo

Die Ausgangslage

Wer es seinerzeit als Reporter oder Fan miterlebt hat, kann sich noch gut erinnern an die große Euphorie, die Deutschland seinerzeit erfasst hatte. Die Fußball-Weltmeisterschaft zum zweiten Mal nach 1974 im eigenen Land! Blendendes Wetter, volle Stadien und der Siegeszug von "Public Viewing" auf Plätzen, in Straßen, in Kneipen. Dass die deutsche Fußball-Nationalmannschaft am Ende "nur" den dritten Platz belegte, konnte die Stimmung kaum trüben. Der Juni und Juli 2006 galt fortan als "Sommermärchen". Es war fast zu schön, um wahr zu sein. Und es blieb ja auch nicht dabei.

WM 2006 - Feier am Brandenburger Tor (picture-alliance/dpa)

Das waren noch Zeiten, wirklich: Trainer und Manager werden zum Ende der WM am Brandenburger Tor gefeiert - Andreas Köpke, Jürgen Klinsmann, Joachim Löw und Oliver Bierhoff (von links)

Der Fall

Dass die WM nach Deutschland kam, war keine Selbstverständlichkeit. Franz Beckenbauer, der als Spieler den Libero quasi erfand und später auch als Trainer selbst Weltmeister wurde, kam als Chef des Organisationskomitees eine zentrale Rolle zu. Beckenbauer nutzte seine Kontakte in der Funktionärsszene und flog um die Welt, um vor den entscheidenden Abstimmungen über den Austragungsort Stimmung für Deutschland zu machen. Und das ging nicht nur mit guten Worten. Bald wurde ein dubioser Geldfluss von 6,7 Millionen Euro aus den Jahren 2002 und 2005 bekannt. Und schon hier wurde die Sache verworren: Beckenbauer hatte 2002 vom - inzwischen verstorbenen - Unternehmer Robert Louis-Dreyfus einen Kredit in dieser Höhe erhalten. Das Geld floss im Anschluss auf Konten des damaligen FIFA-Funktionärs Mohammed bin Hammam nach Katar. Die Rückzahlung an Louis-Dreyfus drei Jahre später wurde von einem DFB-Konto über die FIFA abgewickelt. Und genau darum dreht sich nun der Prozess in der Schweiz. Warum diese Zahlungen? Bestechung? Wurde die WM "gekauft"?

Die Angeklagten

Franz Beckenbauer, der in Deutschland lange den Ehrentitel "Lichtgestalt" trug (weil ihm scheinbar alles gelang), hat es vermocht, hier zur Zeit nicht im Zentrum des Interesses der anklagenden Juristen zu stehen. Auf der Anklagebank sitzen dafür die Männer, die damals - oder danach - im Verband selbst die starken Gestalten waren: die ehemaligen DFB-Präsidenten Theo Zwanziger und Wolfgang Niersbach sowie der Ex-DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt. Den drei Männern und auch dem früheren Schweizer FIFA-Generalsekretär Urs Linsi wird etwas vorgeworfen, was man im deutschen Recht so nicht kennt: "ungetreue Geschäftsbesorgung" heißt der Tatbestand. Alle haben die Vorwürfe stets zurückgewiesen.

Wie der Verteidiger Zwanzigers zuvor mitteilte, fehlte der frühere Verbandspräsident aus gesundheitlichen Gründen schon beim Prozessbeginn am Montag. "Nach einer schwerwiegenden Augenoperation halten seine behandelnden Ärzte seine Reisefähigkeit über immerhin 700 Kilometer und seine Verhandlungsfähigkeit für ausgeschlossen'", hieß es in der Erklärung des Anwalts. Als Einziger der vier Angeklagten war Linsi zum Auftakt vor Gericht zugegen, bei dem die Richterin die ärztlichen Atteste, mit denen die drei deutschen Angeklagten ihre Abwesenheit in der Schweiz entschuldigen wollten, nicht akzeptierte. Am Mittwoch erschien dann Niersbach überraschend doch vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona.

Die Zeugen

Manche Beobachter des Geschehens sagen, dass die eigentlichen Verantwortlichen ganz andere sind: Ex-FIFA-Boss Joseph Blatter zum Beispiel oder jener bereits erwähnte Beckenbauer. Der damalige WM-Organisationschef ist inzwischen 74 Jahre alt, auch seine Verteidiger haben in der Schweiz Atteste vorgelegt, denen zufolge sich auch der Gesundheitszustand von Beckenbauer massiv verschlechtert habe. So seien dessen Urteilsvermögen und dessen Gedächtnis mittlerweile sehr stark getrübt, eine Besserung sei nicht zu erwarten. Mit dieser Diagnose wurde gegenüber den Schweizer Ermittlern eine Vernehmungsunfähigkeit von Beckenbauer begründet. Die Folge: Das Verfahren gegen ihn wurde dann von der Justiz abgetrennt. Auf der Liste der Zeugen bei dem Prozess in Bellinzona steht Beckenbauer aber dennoch. Übrigens auch Günter Netzer, der nicht nur als Fußballer und TV-Kommentator, sondern auch im Handel mit Fußballrechten höchst einträglich gearbeitet hat.

Fußball Bundesliga 1899 Hoffenheim - Borussia Mönchengladbach Beckenbauer (picture-alliance/dpa/U. Anspach)

Ein inzwischen sehr seltenes Bild: Franz Beckenbauer in der Öffentlichkeit, hier im September 2019 bei einem Spiel in Sinsheim

Die Schweiz

Das Verfahren findet in der Schweiz statt, in dem Land, in dem der Weltverband FIFA seinen Sitz hat und in dem bei Geldströmen ja vieles möglich gemacht wird. Das Bundesstrafgericht in Bellinzona ist Schauplatz des Prozesses. Die Schweizer sehen sich als zuständig an, weil für die Zahlungen auch Bankkonten der Eidgenossen verwendet wurden. Es besteht aber die Gefahr, dass das Ganze zum Schauprozess gerät. Denn: Zuletzt wurden dem Chefankläger ein schwerwiegendes Fehlverhalten vorgeworfen, wie unter anderem die Süddeutsche Zeitung berichtete. Dem Staatsanwalt Michael Lauber wird vorgehalten, sich im Geheimen mit dem heutigen FIFA-Chef Gianni Infantino getroffen zu haben. Sollte der Prozess platzen, ist die Sache für die Beschuldigten aber noch nicht ausgestanden. In Deutschland steht ein mögliches Verfahren wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung im Raum - in Frankfurt am Main, dem Sitz des DFB. Denn die damaligen Funktionäre hatten die Überweisung 2005 als Beitrag zu einem Kulturprogramm für die WM 2006 deklariert - das aber so nie stattgefunden hat.

Die Folgen

Nicht nur der Blick auf das "Sommermärchen" hat sich seit Bekanntwerden der Affäre getrübt. Wolfgang Niersbach, der als gelernter Journalist einst als eine Art Reformer im verkrusteten Funktionärswesen galt, musste seinen Hut nehmen. Von Beckenbauer würde heute niemand mehr als "Lichtgestalt" sprechen, was mit Blick auf frühere Verdienste auch nicht gerecht erscheint. Der Münchener tritt mittlerweile nur noch ganz selten in der Öffentlichkeit auf. Doch nicht nur auf persönlicher Ebene hatte die mutmaßliche "ungetreue Geschäftsbesorgung" Folgen. Nach Zwanziger und Niersbach wurde Reinhard Grindel zum DFB-Präsidenten gewählt, in dessen Schatulle sich 2017 eine recht teure Uhr des ukrainischen Oligarchen Grigori Surkis wiederfand. Ein Geschenk zum Geburtstag, hieß es. Sachen gibt's: der Verband holte sich einen weiteren Kratzer im Lack. Erst unter dem noch recht neuen Chef Fritz Keller, der sich seinen Wohlstand als Gastronom und Winzer von hoher Reputation und mitnichten als Berufsfunktionär erarbeitet hat, besteht Hoffnung auf bessere Zeiten. Der DFB tritt in dem Prozess als Nebenkläger auf. "Scheinbar sind da Sachen gelaufen, die man nur kriminell nennen kann", erklärte Keller im ZDF. Er äußerte die "größte Bitte, endlich mit der Wahrheit auf den Tisch zu kommen, damit wir uns nicht mehr mit so etwas beschäftigen müssen."

Generalversammlung der DFL Fritz Keller (picture-alliance/dpa/A. Gora)

Hat aufzuräumen: Fritz Keller, heute DFB-Präsident

Ein Urteil?

Ob Kellers Bitte erfüllt wird? Das Gericht steht unter Zeitdruck: Spätestens am 27. April muss ein erstinstanzliches Urteil gefällt werden, weil sonst die Verjährung eintritt. Die Rechtsvertreter der Angeklagten argumentierten zuletzt nicht nur mit der angegriffenen Gesundheit ihrer Mandanten gegen den Prozessbeginn, sondern auch mit dem umherfliegenden Coronavirus. Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" hat schon berichtet, man habe den deutschen Funktionären eine Art "freies Geleit" zurück nach Deutschland zugesichert. Geplant waren zunächst zwölf Prozesstage.