Somaliland: Unermüdlicher Kampf gegen Genitalverstümmelung | Afrika | DW | 25.08.2016
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Afrika

Somaliland: Unermüdlicher Kampf gegen Genitalverstümmelung

Fast jede Frau in Somaliland wurde als Kind beschnitten - meist ohne Betäubung und mit einem Rasiermesser. Engagierte Frauen setzen sich für ein Ende der brutalen Praxis ein. Ihr Schicksal soll anderen erspart bleiben.

Halima Hassan kann sich noch gut an den Tag ihrer Beschneidung erinnern. Die heute 53-Jährige beschreibt ihn in allen Einzelheiten: Wie sie von ihrer Großmutter festgehalten wurde, die Schmerzen, wie sie danach tagelang nicht laufen konnte. Und auch, welche Folgeschäden sie davon getragen hat: Jeden Tag, sagt sie, habe sie mit den Schmerzen zu kämpfen. In ihrer Hochzeitsnacht musste sie "geöffnet" werden, danach wurde sie wieder zugenäht.

In Somaliland, einer autonome Region der Republik Somalia am Horn von Afrika, sind mehr als 90 Prozent der Frauen beschnitten. Besonders weit verbreitet ist der sogenannte Typ III, die Infibulation oder auch pharaonische Beschneidung. Dabei werden die Klitoris entfernt und die inneren und äußeren Schamlippen aufgetrennt und zusammengenäht, um nur eine ganz kleine Öffnung zu hinterlassen. Das alles geschieht, wenn die Mädchen zwischen fünf und zehn Jahren alt sind.

Mit Rasierklinge und Dornen

Heute setzt sich Halima Hassan gegen jegliche Form der Genitalbeschneidung ein. Dafür arbeitet sie mit der NAGAAD zusammen, einem Zusammenschluss zahlreicher Frauenrechtsgruppen in Somaliland. Was sie erlebte, soll kein anderes junges Mädchen erleiden müssen.

Halima Hassan Foto: Arndt Peltner

Aktivistin Halima Hassan

In der kleinen Ortschaft Gabilye, eine Autostunde westlich der somiländischen Hauptstadt Hargeisa, trifft sich Halima Hassan mit Kamila Noura. Die etwa 50 Jahre alte Frau ist in Gabilye dafür bekannt, dass sie die Beschneidungen durchführt. Das tut sie ganz legal - anders als im Nachbarland Dschibuti ist die Prozedur in Somaliland nicht verboten.

Eine Ausbildung hat Kamila Noura nicht, die Technik habe sie beim Zuschauen gelernt, erzählt sie. Für den Eingriff verwende sie eine Rasierklinge und Dornen, mit denen sie die Mädchen wieder zunähe. Während der Prozedur würden diese von den Frauen der Familie festgehalten. Zwischen fünf und zwanzig Dollar erhält Kamila Noura für ihre Arbeit.

Immer wieder versucht Halima Hassan die Beschneiderin davon zu überzeugen, sich eine andere Arbeit zu suchen. Sie hat ihr sogar schon Geld angeboten, damit sie mit ihrem blutigen Handwerk aufhört. "Das stimmt", sagt Kamlia Noura. "Aber mein Mann ist gestorben und das ist der einzige Verdienst, den ich habe, um meine Familie zu ernähren."

Hebammen leisten Ausklärungsarbeit

Edna Adan hat schon viele Geschichten wie diese gehört. Sie ist die wohl bekannteste Aktivistin in Somaliland im Kampf gegen die Genitalverstümmelung, auch FGM ("female genital mutilation") genannt. Edna Adan ist die Witwe des früheren somalischen und somaliländischen Präsidenten Mohamed Haji Ibrahim Egal und war selbst Außenministerin der de facto seit 1991 eigenständigen, aber völkerrechtlich nicht anerkannten Republik Somaliland.

Straßenszene in Hargeisa Foto: Arndt Peltner

In Städten wie Hargeisa findet allmählich ein Bewusstseinswandel statt

Seit mehr als 40 Jahren engagiert sich Edna Adan gegen FGM. 2002 wurde ein Hospital eröffnet, das ihren Namen trägt. Mit Spendengeldern, ihrer Pension, den Honoraren, die sie als Rednerin erhält und den Mieteinnahmen kleiner Geschäfte auf dem Krankenhausareal wird der Betrieb des Hospitals aufrecht erhalten. Edna Adan schult hier auch Hebammen, ihre "Soldaten am Boden" im Kampf gegen FGM. Die jungen Frauen gehen nach ihrer Ausbildung in die Dörfer im ganzen Land, um dort zu helfen und über die Gefahren von FGM aufzuklären.

Kampf gegen die Verharmlosung

Gerade in Europa werde FGM oft als kulturelle Praxis in afrikanischen Ländern verharmlost, erbost sich Enda Adan. "Wenn man ein gesundes Kind bluten lässt, hat das nichts mit Kultur zu tun. Das ist schlichtweg ein Verbrechen gegen das Kind." Sie verweist auf die Gefahr der Entzündungen, der schwerwiegenden Verletzungen durch zu tiefes Schneiden, die Langzeitfolgen auch im hohen Alter.

Edna Adan Foto: Arndt Peltner

Aktivistin Edna Adan

Edna Adan weiß, wovon sie spricht. Als Kind wurde sie gegen den Willen ihres Vaters beschnitten, ihre Großmutter hatte es wie in den meisten Fällen eigenhändig entschieden. Als sie mit ihrem Kampf gegen die jahrtausendalte Tradition anfing, nahm sie kaum jemand ernst - weder im eigenen Land, noch im Ausland. Doch Edna Adan gab nicht auf. Heute hat sie in Somaliland viele Mitstreiterinnen und auch Mitstreiter gefunden. In den USA gibt es sogar eine "Edna Adan Hospital Foundation", die ihre Arbeit unterstützt.

Erste Erfolge

Der unermüdliche Einsatz von Organisationen wie NAGAAD und Frauen wie Edna Adan zahlt sich allmählich aus: In Somaliland gibt es mittlerweile eine offenere Diskussion über FGM. Doch die Richtung, die dabei eingeschlagen wird ist nicht die, die sich die FGM-Gegnerinnen wünschen. Sie fordern eine "Null-Toleranz"-Politik, die jegliche Form der Genitalverstümmelung ablehnt. Stattdessen findet in Somaliland eine gewisse Abkehr vom Typ III statt, hin zu einer weniger drastischen Beschneidungsform, bei der die Schamlippen nach der Prozedur nicht zusammen genäht werden.

Gerade in der Hauptstadt Hargeisa leben viele somalische Rückkehrer aus der Diaspora, die den Eingriff strikt ablehnen und vor Ort die Projekte der FGM-Gegnerinnen unterstützen. Problematisch bleibt die Situation aber nach wie vor auf dem Land, bei der nomadischen Bevölkerung. Für Edna Adan und auch die vielen anderen engagierten Frauen ist deshalb klar, dass ihr Kampf gegen die Genitalverstümmelung noch lange nicht vorbei ist.

Die Reise wurde mit einem Reisestipendium der Stiftung Weltbevölkerung unterstützt.

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