"Solidarität mit Flüchtlingen"
24. Dezember 2013
"Machen wir unser Herz nicht eng mit der Feststellung, dass wir nicht jeden, der kommt, in unserem Land aufnehmen können", fordert Bundespräsident Joachim Gauck in seiner vorab verbreiteten Weihnachtsansprache, die am Mittwoch im Fernsehen ausgestrahlt wird. Auch die Vorfahren der heutigen Bürger in Deutschland hätten Flucht und Vertreibung erfahren. "Im 19. Jahrhundert sind sie zu Millionen in die Neue Welt ausgewandert, und nach dem Zweiten Weltkrieg mussten Flüchtlinge und Vertriebene sich eine neue Heimat suchen", erinnerte Gauck.
Auch heute seien Menschen an vielen Orten der Welt auf der Flucht. "Wir denken an das schreckliche Schicksal der Familien aus Syrien (Artikelbild), wir denken an die Verzweifelten, die den gefährlichen Weg nach Europa über das Wasser wagen. Wir denken auch an die Menschen, die kommen, weil sie bei uns die Freiheit, das Recht und die Sicherheit finden, die ihnen in ihren Ländern verwehrt werden", sagte der Bundespräsident.
Wunsch nach besserem Leben
Seit Menschengedenken seien alle Flüchtlinge erfüllt von der Sehnsucht nach dem besseren Leben. "Die Flüchtlinge, die zu uns kommen, kommen nicht mit der Erwartung, hier in ein gemachtes Bett zu fallen. Sie wollen Verfolgung und Armut entfliehen und sie wollen Sinn in einem erfüllten Leben finden."
Der Vorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, warf der EU eine Abschottungspolitik gegenüber Migranten vor. "Wir bauen Europa zur Festung aus", kritisierte Schneider im Westdeutschen Rundfunk. Durch die Sicherheitsmaßnahmen an den EU-Außengrenzen würden in vielen Fällen Grundrechte verletzt.
Erinnerung an Lampedusa
Der evangelische Bischof von Berlin, Markus Dröge, erinnerte daran, dass in den vergangenen 20 Jahren schätzungsweise 17.000 Menschen bei dem Versuch, Europa per Schiff zu erreichen, im Mittelmeer ertrunken sind. "Die Bilder der schiffbrüchigen Menschen von Lampedusa haben sich in den letzten Monaten tief in das Gedächtnis eingeprägt", sagte Dröge in der Christvesper im Berliner Dom. "Überladene Boote, verantwortungslose Schlepper und eine Politik der Abschottung haben über Jahre Menschenleben gekostet."
Angriffe auf Asylbewerberunterkünfte
Die Berechtigung dieser Appelle zeigt sich in folgender Zahl: Die Angriffe auf Flüchtlingsheime in Deutschland haben sich nach Darstellung der Linken im Bundestag im zu Ende gehenden Jahr fast verdoppelt. Unter Berufung auf eine entsprechende Kleine Anfrage ihrer Fraktion berichtete die Linken-Abgeordnete Ulla Jelpke, die Zahl rechtsextrem motivierter Delikte, bei denen eine Asylunterkunft Tatort oder Angriffsziel war, sei von 24 im Jahr 2012 auf 43 bis Ende November 2013 gestiegen.
Zudem habe es 18 Aufmärsche vor Flüchtlingsunterkünften gegeben. Im Vorjahr seien es nur drei Kundgebungen gewesen. Jelpke sieht rechtsextreme Gruppierungen wie die NPD, Pro NRW oder Kameradschaften als Anstifter der Angriffe. Deren Ziel sei es, die Flüchtlinge einzuschüchtern und die Bevölkerung rassistisch aufzuhetzen.
wl/pg (dpa,afp,epd)