So nah und doch so fremd | Spurensuche | DW | 25.05.2018
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Spurensuche

So nah und doch so fremd

In Nazareth leben Christen, Muslime und Juden. Jan Schäfer beschreibt die Grenze in den Köpfen der Menschen.

Schon wieder Israel

Israel hat mich gepackt. Nur drei Jahre nach der letzten Reise ins Heilige Land bin ich wieder da. Nach einigen Tagen in Tel Aviv wird Nazareth meine Basis.

Die Anreise erscheint einfach. Von Tel Aviv aus fahre ich mit dem Zug nach Haifa. Das dauert kaum mehr als eine Stunde. Die Doppelstockwagen sind nagelneu. Sie stammen aus Deutschland. In der Stadt merkt man deutlich die europäischen Wurzeln vieler Einwohner. Vom Bahnhof geht es quer durch die Stadt nach Norden zum zentralen Busbahnhof. Der wird gerade neu gebaut. Also fahren die Busse von einem staubigen Parkplatz am Rande der Baustelle ab.   

Nazareth – welches Nazareth?

Ich frage mich durch und stehe nach einigen Minuten an einer Haltestelle. Mein Hebräisch reicht aus, um das Schild am Bus zu entziffern: Nazareth Iliit. Auf meine Nachfrage erklärt der Fahrer: this bus goes to Nazareth Iliit, next Bus to Old Nazareth. Ich verstehe und steige wieder aus: Nazareth Iliit ist der jüdische Teil der Stadt - und nicht das alte historische Nazareth, in das ich will.

Aus next Bus werden geschlagene 2 Stunden. Während in den neuen, jüdischen Teil Nazareths Bus auf Bus fährt, fahren ins alte – arabische Stadtzentrum nur wenige Busse. Dabei liegen beide Städte direkt nebeneinander. Von einem Zentrum zum anderen sind es zu Fuß nicht mehr als 20 Minuten. Doch keiner der Busfahrer, die nach Nazareth Iliit fahren, weist mich auf diese Möglichkeit hin.

Hin und weg

Bildgalerie Heilige Stätten Verkündigungskirche in Nazareth Flash-Galerie (picture-alliance/ dpa)

Als endlich der Bus nach Old Nazareth kommt, steigen nur wenige Passagiere ein. Nach einer guten Stunde sehe ich schon weit vor dem Ziel die Verkündigungskirche. Nur langsam schiebt sich der Bus durch den dichten Verkehr. Menschenmassen strömen Richtung Basilika, ein Wirrwarr an Sprachen ist zu hören. Ich bahne mir meinen Weg in die engen Gassen der Altstadt. Nach wenigen hundert Metern hört der Trubel auf. Immer weniger Menschen sind zu sehen. Die Souvenirshops im Basar weichen Läden des alltäglichen Bedarfs. Aber es fällt mir auf, dass viele Läden geschlossen sind oder leer stehen.

Meine Unterkunft ist ein altes Haus, das früher einem christlichen Kaufmann gehörte. Einige Zeit stand es leer, bis ihm eine der Enkelinnen mit einem Bed and Breakfast neues Leben einhauchte. Immer mehr Christen verlassen Nazareth und wandern aus, erklärt sie mir. Sie spricht von Konflikten zwischen den Religionsgruppen und von Angst. Mittlerweile seien in der Altstadt die Muslime die Mehrheit. Nun wird mir vieles klarer, deshalb die vielen verwaisten Läden.

 

So nah und doch so fern

Am späten Nachmittag breche ich zu einer Stadterkundung auf. Die Tourbusse mit den Tagestouristen sind weg. Durch die Gassen zu schlendern ist nun eine Wohltat, eine fast andächtige Stille hat sich über die Orte gelegt. Zum Sonnenuntergang beschließe ich den kurzen Weg nach Nazareth Iliit hinaufzugehen. Oben auf dem Berg bietet sich ein wundervoller Blick auf die Altstadt und das Meer der Häuser und Kirchen. Mein Blick schweift über die friedliche Landschaft Galiläas. Und doch spüre ich, dass hier in Nazareth Iliit alles anders ist. Die arabischen Schriftzüge sind hebräischen gewichen. Es fehlt das quirlige Leben des alten Nazareth. Viele Gebäude sind neu. Mir kommt es vor, als hätte ich eine unsichtbare Grenze in eine andere Welt überschritten. Eine Grenze, die Menschen in beiden Stadtteilen kennen und soweit eben möglich im Alltag nicht überschreiten. 

Eine Kopfsache

Beim kurzen Rückweg in die Altstadt kommt mir wieder das Gespräch mit meiner Gastgeberin in den Sinn. Ich denke auch an die Busfahrer, die mir nicht sagen wollten, dass der Weg vom jüdischen Teil Nazareths ins alte arabische Zentrum ein Katzensprung ist. Und in den darauffolgenden Tagen immer wieder auch die unsichtbaren Grenzen inmitten des Gassengewirres der Altstadt zwischen Christen und Muslimen. Mauern und Grenzen zu überwinden ist auch eine Kopfsache. Warum sollte das nicht auch den Menschen die dort leben möglich sein?

 

Zum Autor:

Jan Schäfer, geboren 1965 in Siegen und aufgewachsen in Koblenz. Nach dem Studium in Mainz, Marburg und Bonn arbeitete er seit 1996 als Pfarrer im Taunus, in den USA und in Frankfurt/Main. Seit 2009 ist er als Pfarrer im Schuldienst an einer Berufsschule in Frankfurt/Main tätig.