Snowdens Verbündete im Berliner Exil | Welt | DW | 09.11.2013
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Welt

Snowdens Verbündete im Berliner Exil

Sarah Harrison half Edward Snowden, Asyl in Russland zu bekommen. Nun ist die Britin in Berlin. Sie ist nicht die einzige Aktivistin, die sich aus Angst vor Verhaftung in ihrer Heimat in Deutschland aufhält.

Geheimnisverräter leben gefährlich. Wikileaks-Chef Julian Assange sitzt seit mehr als einem Jahr in der ecuadorianischen Botschaft in London fest. Verlässt er sie, muss er befürchten, von der britischen Polizei verhaftet zu werden. Die Beamten könnten ihn im Rahmen einer laufenden Ermittlung wegen eines Sexualdelikts nach Schweden ausliefern - oder sogar in die USA.

WikiLeaks Gründer Julian Assange neben Ecuadors Außenminister Ricardo Patino (R) an der Botschaft Ecuadors in London June 16, 2013. (Foto: REUTERS/Chris Helgren)

Assange neben Ecuadors Außenminister Ricardo Patino in seinem aktuellen Zuhause

Unterdessen steht NSA-Whistleblower Edward Snowden unter ständiger Kontrolle in Moskau, nachdem er temporäres Asyl in Russland bekommen hat. Bislang konnte Snowden immerhin einem Schicksal wie jenem von Chelsea Manning (vormals Bradley Manning) entgehen. Sie war im Juni zu 35 Jahren Haft wegen Spionage verurteilt worden, weil sie 250.000 geheime US-Dokumente öffentlich gemacht hatte. Seine vergleichsweise glückliche Lage hat Snowden auch der britischen Journalistin Sarah Harrison zu verdanken: einer Wikileaks-Mitarbeiterin, die ihm dabei half, dem langen Arm des US-Justizministeriums zu entkommen.

Nachdem sie einem der meistgesuchtesten Männer Amerikas zur Flucht verholfen hat, ist Harrison nun erst einmal in Berlin untergekommen. In ihre Heimat England kann sie nicht zurück, weil sie befürchten muss, dort auf Basis des britischen Terrorismus-Gesetzes festgehalten zu werden. Am Mittwoch (06.11.2013) veröffentlichte Harrison einen Brief, in dem sie fordert, Whistleblower vor gesetzlicher Verfolgung zu schützen. Die Wahrheit zu veröffentlichen, sei kein Verbrechen, heißt es darin. Und: "Wikileaks kämpft weiter für den Schutz von Quellen. Wir haben die Schlacht um Snowdens Zukunft erst einmal gewonnen, aber der allgemeine Kampf geht weiter."

"Snowden ist sicher und gut geschützt"

Nachdem er seine NSA-Dokumente dem Guardian-Reporter Glenn Greenwald und der Dokumentarfilmerin Laura Poitras zugespielt hatte, flog Snowden nach Hongkong - und Harrison machte sich auf den Weg nach China. Wikileaks hatte sie gebeten, dem Whistleblower bei seiner Weiterreise zu helfen und seine Auslieferung an die USA zu verhindern. Harrison hatte sich bereits durch den Fall von Julian Assange Fachwissen über Auslieferungsverfahren angeeignet. Mit dem Wikileaks-Chef soll sie auch eine romantische Beziehung verbunden haben.

Sarah Harrison neben Edward Snowden. (Foto: REUTERS/Human Rights Watch/Handout)

Harrison begleitete Snowden von Hongkong nach Moskau

"Wenn Julian nicht in der Botschaft in London festsäße, wäre er sicher selbst zu Snowden geflogen", sagte Jeremie Zimmermann. Er ist Sprecher und Mitbegründer von La Quadrature du Net, einer französischen Gruppe, die für die Rechte von Internetnutzern kämpft. Zimmermann arbeitete an Assanges Buch "Cyberpunks", das 2012 erschien, mit - und er kennt Harrison persönlich. "Ich bin sicher, dass Sarah nach Julian die Kompetenteste war", sagt Zimmermann gegenüber der DW.

Harrison schreibt, ihre Aufgabe, Snowden an einen sicheren Ort zu bringen, sei erfüllt. "Snowden ist sicher und gut beschützt, bis sein Asyl-Visum in neun Monaten zur Erneuerung ansteht, aber es gibt immer noch viel zu tun", ließ sie verlauten. "Der Kampf gegen den Überwachungsstaat und für Regierungstransparenz, in den Snowden eingestiegen ist - diesen Kampf tragen Wikileaks und viele andere schon länger aus und werden ihn auch weiterhin austragen."

In Berlin in guter Gesellschaft

Harrison ist der Neuzugang in einer wachsenden Gruppe von Enthüllungsaktivisten, die in Berlin im Exil sind. Laura Poitras, die für die "Washington Post" und den "Spiegel" über Snowden berichtet hat, und Hacker und Wikileaks-Unterstützer Jacob Appelbaum halten sich ebenfalls in der deutschen Hauptstadt auf. "In den paar Tagen, die ich jetzt in Deutschland bin, durfte ich schon erleben, wie die Menschen hier sich zusammenschließen und ihre Regierung auffordern, das zu tun, was getan werden muss - die NSA-Spionage zu untersuchen und Edward Snowden Asyl zu gewähren", schreibt Harrison in ihrem Brief.

Nachdem bekannt wurde, dass die NSA nicht nur Daten von Millionen Deutschen gesammelt, sondern auch die Bundeskanzlerin abgehört haben soll, hat die Empörung in Deutschland einen neuen Höhepunkt erreicht. "Berlin scheint gerade der perfekte Ort zu sein, wenn man sich die lebhafte öffentliche Debatte hier anschaut", sagt der Aktivist Zimmermann.

Terrorismus-Gesetz versperrt den Weg in die Heimat

U.S. Journalist Glenn Greenwald (L) mit seinem Partner David Miranda in Rio de Janeiros Flughafen am 19. August 2013. (Foto: REUTERS/Ricardo Moraes)

Journalist Glenn Greenwald mit seinem Freund David Miranda am Flughafen von Rio

Harrison kommt aus einer britischen Mittelklassefamilie. Ihr Vater war Führungskraft bei einer Modekette, ihre Mutter arbeitet mit lernbehinderten Kindern. Nachdem Sarah englische Literatur an der Queen Mary University in London studierte, arbeitete sie im internationalen Eventmanagement. Schließlich entschied sie sich aber für Journalismus. 2010 bekam sie einen Job in der Recherche-Abteilung des "Bureau of Investigative Journalism". Durch ihre Arbeit dort kam sie in Kontakt mit Assange und begann, für Wikileaks zu arbeiten.

Auf Rat von Rechtsexperten hin hat Harrison beschlossen, in Deutschland zu bleiben. In England fürchtet sie, auf der Grundlage der britischen Terrorismus-Gesetze verhaftet zu werden. Im August war der Partner von Guardian-Journalist Glenn Greenwald, David Miranda, unter Berufung auf die Terrorismus-Gesetze stundenlang am Londoner Flughafen festgehalten worden. Die Terrorismus-Gesetze erlauben es der Polizei, Personen festzuhalten und zu befragen, um herauszufinden, ob sie Terroristen sind. "Das Problem ist, dass Sarah jetzt Teil eines verdächtigen Netzes ist", sagt Zimmermann. "Die Beamten würden irgendwelche verrückten Anschuldigungen gegen sie vorbringen, sollte sie auch nur einen Fuß nach England setzen. So lange sich an der Situation nichts ändert, sitzt sie also im Exil fest - genauso wie Snowden, Greenwald, Poitras und Appelbaum."

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