Sierens China: Trump erhöht das Risiko | Asien | DW | 08.05.2019
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Kolumne

Sierens China: Trump erhöht das Risiko

Washington setzt im Handelskrieg alles auf eine Karte und zeigt auch militärisch Muskeln. Das beweist vor allem, wie sehr sich die USA vom Aufstieg Chinas in die Enge gedrängt fühlen, meint Frank Sieren.

Das ist eine überraschende Zuspitzung: Die USA und China wollten in diesen Tagen eigentlich ihren Handelsstreit beilegen. Man sei schon gut vorangekommen, hieß es. Doch dann drohte Trump Anfang der Woche, schon ab Freitag die Sonderzölle auf Waren aus China von zehn auf 25 Prozent zu erhöhen. Die Verhandlungen gingen ihm zu langsam, twitterte der US-Präsident. Die Chinesen würden nachverhandeln wollen, doch da spiele er nicht mit.

Nach einer kurzen Denkpause erklärte das chinesische Außenministerium, trotzdem weiter an den Plänen festhalten und diese Woche eine weitere Verhandlungsrunde in Washington eröffnen zu wollen. Das ist gelassen. Peking hätte die Gespräche angesichts einer solchen Erpressung auch einfach abbrechen können. "Wir versuchen, uns ein Bild von der Lage zu machen", sagt Geng Shuang, der Sprecher des chinesischen Außenministeriums. "Die Position der chinesischen Seite ist konstant und klar, die USA kennen unsere Haltung."

Die USA fühlen sich in die Ecke gedrängt

Dass Trump sich nicht scheut, in einem so entscheidenden Moment die seit Monaten anhaltenden Verhandlungen aufs Spiel zu setzen, ist zum einen seinem brachialen Verhandlungsstil zu verdanken. Zum anderen ist es aber vor allem das Symptom einer Machtverschiebung auf der Weltbühne: Der Spielraum Washingtons wird immer geringer, die Verlustängste entsprechend größer. Die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion stärkste Macht der Welt verliert praktisch täglich Einfluss an China. Die USA fühlen sich in die Ecke gedrängt. Und verschärfen überall den Ton. 

US-Armee Flugzeugträger USS Ronald Reagan in Hongkong (Getty Images/AFP/A. Wallace)

Die USS Ronald Reagan vor Hongkong

Dazu passt auch, dass die Amerikaner in diesen Tagen entschieden haben, mit der USS America einen weiteren Flugzeugträger der modernen LHA-6-Klasse permanent an der japanischen Küste zu stationieren. "Die Sicherheitslage in der Region des Indischen und des Pazifischen Ozeans erfordert die Stationierung der schlagfähigsten Schiffe der US-Marine", erklärt die US-Navy. Die LHA-6-Schiffe gehören zu den modernsten der US-Marine und sind vor allem zur Unterstützung von Invasionen konzipiert. Sie können eine Staffel von 20 F-35B-Kampfflugzeugen, diverse Helikopter-Gruppen sowie etwa 1700 Marineinfanteristen und mehr als 1000 weitere Soldaten tragen. Das Angriffsschiff wird begleitet von einem Transportboot, das mit modernster Stealth-Technologie ausgestattet ist, und so von Radaren ungesehen anlanden kann. Traditionell ist in Japan außerdem ein Flugzeugträger der großen Nimitz-Klasse mit bis zu 85 Kampfjets stationiert - die USS Ronald Reagan.

Gleichzeitig ist der Flugzeugträger USS Abraham Lincoln - gleichfalls ein Schiff der Nimitz-Klasse - plötzlich in Richtung Iran unterwegs. "Die USA wollen keinen Krieg mit dem Iran, aber wir sind voll und ganz bereit, auf jede Art von Angriff zu antworten", sagte John Bolton, der nationale Sicherheitsberater des US-Präsidenten. China ist der engste Verbündete des Iran und Gegner der Iran-Sanktionen. Vor zwei Wochen haben die Amerikaner zudem angekündigt, Sanktionen gegen jedes Land verhängen zu wollen, das weiterhin Öl vom Iran kauft.

Leistungsschau der chinesischen Marine

Die Entscheidungen Washingtons wurden bekannt, nur wenige Tage nachdem Chinas Marine ihren 70. Geburtstag mit einer Leistungsschau gefeiert hat. In der Nähe des Hafens von Qingdao führte sie 32 Kriegsschiffe und 39 Kampfjets der Öffentlichkeit vor, darunter die "Liaoning", den ersten Flugzeugträger des Landes.

Flugzeugträger Liaoning (picture-alliance/dpa/Imaginechina)

Der chinesische Flugzeugträger Liaoning

Er wurde bereits vor 20 Jahren aus Sowjetbeständen von der Ukraine gekauft, umgebaut und erst 2012 in Dienst gestellt. Nicht gerade das fortschrittlichste Schiff also. Insgesamt verfügt China nun über drei Flugzeugträger, von denen sich zwei aber noch in der Testphase befinden. Damit ist China längst nicht auf Augenhöhe mit den USA. 

Bei der Parade in Qingdao zeigte sich jedoch, dass Chinas Marine ihre Kriegsschiffe vermehrt mit Überschall-Seezielflugkörpern ausstattet, die eine größere Reichweite haben als die US-Unterschallraketen, die zum Teil noch aus Zeiten des Kalten Krieges stammen. Mit der "Nanchang" führte Peking einen 10.000 Tonnen schweren Stealth-Zerstörer vor, der mit modernster Technik getarnte Objekte aufspüren kann. Gerade solche High-Tech-Kriegsmaschinen machen Washington nervös. Neben dem zweiten Trägerschiff an der Küste Japans hat das US-Militär seine Präsenz in den vergangenen Monaten auch in der der Nähe der von China beanspruchten Spratley-Inseln und in der Taiwan-Straße erhöht.

Gerüstet sein für einen Seekrieg

Washington weiß: Wenn es einen konventionellen militärischen Konflikt zwischen China und den USA geben sollte, also keinen Cyber- oder Atomkrieg - letzteren werden beide Seiten wohl nicht riskieren - dürfte es sehr wahrscheinlich ein Seekrieg sein. Die Chinesen versuchen derzeit alles, um im Falle des Falles in der Lage zu sein, eine solch gut geschützte, flugzeugtragende Gruppe zu knacken. Die Amerikaner können das nämlich. Dazu braucht man U-Boote, Kriegsschiffe, Flugzeuge und eine entsprechende Satellitengruppierung, um den Angriff zu steuern.

China Qingdao - Chinesische Marine feiert 70. Geburtstag (DW)

Zum 70. Gründungstag der chinesischen Marine wurden auch internationale Gäste willkommen geheißen

Peking rüstet seine Marine derzeit zwar auf wie kein anderes Land, einen solchen Angriff erwägt China aber mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht. Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass die Chinesen im Wirtschaftsbereich derzeit - und auch bis auf Weiteres - noch sehr viel günstigere und effizientere Methoden haben, um ihre geopolitische Macht auszuweiten. Für seine "Maritime Seidenstraße" zieht China entlang der Küsten des Indischen Ozeans eine "Perlenkette" von Häfen bis nach Afrika. Sie dienen wirtschaftlichen Erwägungen. Aber im Ernstfall können sie auch von der Marine genutzt werden, um zu tanken und Munition und Vorräte aufzunehmen.

Das aggressive Vorgehen Pekings im südchinesischen Meer lässt sich allerdings nicht mehr mit wirtschaftlichen Erwägungen erklären. Hier geht es ganz klar darum, einen möglichst großen Puffer um China herum zu schaffen, der mögliche Angriffe von See erschwert. Das betrachten die USA zu Recht als Angriff auf ihre bisher einzigartige Machtposition im Indo-Pazifik. Da sie allerdings kaum noch von den Nachbarn Chinas um Hilfe gebeten werden, ist es immer schwieriger für die Amerikaner, ihre Präsenz in asiatischen Gewässern zu begründen.

China Marineparade zum 70. Jahrestag der Volksarmee (picture-alliance/AP Photo/M. Schiefelbein)

Parade zum 70. Gründungstag der chinesischen Marine

Ein Stellvertreter-Krieg um den Iran?

Die Gefahr einer maritimen Auseinandersetzung zwischen der aufsteigenden und der absteigenden Weltmacht ist insgesamt gegenwärtig nicht sehr hoch, sie ist jedoch durch die Verlegung der US-Schiffe nach Asien deutlich gestiegen. Und es ist auch ein indirekter Konflikt möglich geworden - ein Stellvertreterkrieg um den Iran zum Beispiel.

Frank Sieren *PROVISORISCH* (picture-alliance/dpa/M. Tirl)

DW-Kolumnist Frank Sieren

Dabei gilt: Gefährlich sind bei tektonischen Verschiebungen auf der Weltbühne oftmals vor allem die Absteiger, weil sie kaum noch etwas hinzugewinnen können, dafür aber viel zu verlieren haben. Sie setzen eher alles auf eine Karte als die Aufsteiger. Das US-Militär plant etwa bereits Roboterschiffe in Korvettengröße und unbemannte U-Boote, die deswegen sehr viel höhere Risiken auf den Weltmeeren eingehen können. Ein Schiffeversenken ohne menschliche Opfer würde von der amerikanischen Öffentlichkeit viel eher toleriert, auch wenn es die Börsen in den Keller schicken und womöglich sogar die Versorgung der USA mit Gütern ins Stocken bringen würde.

Ganz soweit ist es zum Glück derzeit nicht. Die Drohkulisse in Asien und zuletzt auch gegenüber dem Iran zeigt jedoch, wie die USA überall auf der Welt den Druck erhöhen. Donald Trump ist offensichtlich hin- und hergerissen: Einerseits will er wohl doch nicht freiwillig aus der bisherigen US-Einflusssphäre zurückzuweichen, anderseits hat er seinem Volk versprochen, dass er ihre Soldaten nach Hause holen will. Die gleiche Zerrissenheit sieht man auch im Handelsstreit: Einerseits will Trump ihn beilegen, bevor ihn seine Wähler im Geldbeutel spüren - anderseits muss es ein Sieg werden. Gerade hat Trump den Einsatz noch einmal kräftig erhöht. Und damit auch das Risiko.

Unser Kolumnist Frank Sieren lebt seit über zwanzig Jahren in Peking.

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