Sierens China: Trügerische Zahlen | Asien | DW | 18.07.2019
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Kolumne

Sierens China: Trügerische Zahlen

Wenn wir uns darauf konzentrieren, dass Chinas Wirtschaft so langsam wächst wie seit fast 30 Jahren nicht mehr, unterschätzen wir die eigentliche Herausforderung, meint Frank Sieren.

Eine Schlagzeile, die aufhorchen lässt: Chinas Wirtschaft wächst so langsam wie seit fast 30 Jahren nicht mehr. Im zweiten Quartal des Jahres betrug das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes nur noch 6,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das Wachstum von Chinas Außenhandel hat seit Jahresanfang um zwei Prozent, im Juni um vier Prozent nachgelassen. Vor allem Chinas Importe aus den Vereinigten Staaten verbuchten dank des Handelsstreits ein kräftiges Minus von rund 13 Prozent. Donald Trump kann die Schadenfreude darüber nicht verbergen: Nicht nur verließen viele Unternehmen China, sondern das Land verlöre auch "Milliarden von Dollar durch Strafzölle". China wünschte nun, es hätte "die ursprüngliche Vereinbarung mit den USA nicht gebrochen", schrieb er am Montag auf Twitter und zeigte damit wieder einmal, dass es ihm nicht liegt, weiter als ein paar Wochen vorauszuschauen.

Tatsächlich ist der Rückgang allenfalls ein kurzfristiger Etappensieg für Trump. Chinas Wachstum liegt immer noch innerhalb der staatlichen Zielvorgabe von 6,0 bis 6,5 Prozent für das Jahr 2019. Zum Vergleich: In den USA beträgt das Wachstum derzeit 3,1 Prozent, ein überdurchschnittlich hoher Wert für Trump, der mit dem Chinas dennoch nicht mithalten kann und auch noch mit Geld finanziert ist, das sich die USA bei den Chinesen geliehen haben. China ist zusammen mit Japan der größte Gläubiger der USA. Mit einem Pro-Kopf-Einkommen, das sich etwa auf dem Niveau von Bulgarien, einem der ärmsten EU-Länder bewegt, hat China zudem noch viel Luft nach oben. Wie viel Wachstum das riesige Land mindestens braucht, um nicht in Schwierigkeiten zu geraten, ist nicht klar, zumal sich die Frage nach neuen Jobs mehr und mehr im Servicebereich stellt und immer weniger in der Produktion.

Frank Sieren *PROVISORISCH* (picture-alliance/dpa/M. Tirl)

DW-Kolumnist Frank Sieren

Hinzu kommt: Peking hat einen Langzeitplan - und noch einige Hebel in der Hand, um das Wirtschaftswachstum bis dahin stabil zu halten. Bereits Anfang des Jahres hat die Regierung einen Maßnahmenkatalog auf den Weg gebracht, darunter Steuersenkungen von rund 400 Milliarden US-Dollar. Kreditvergaben wurden gelockert, so dass vor allem kleine und mittelständische Privatunternehmen leichter an Geld kommen. Mit Spezialanleihen wurden die Lokalregierungen ermutigt, wieder mehr Geld in die Infrastruktur zu investieren. Die Zahlen im Einzelhandel und der Industrieproduktion fielen auch deshalb zuletzt stärker aus als erwartet. Die Einzelhandelsumsätze stiegen im Juni um 9,8 Prozent - eine deutliche Verbesserung gegenüber dem Wert von 7,2 Prozent im April. Die Industrieproduktion stieg im Juni im Vorjahresvergleich um 6,3 Prozent. Experten waren von einem Anstieg von nur 5,2 Prozent ausgegangen. Auch die Investitionen in Immobilien, Maschinen und Infrastruktur legten im ersten Halbjahr zu. Sogar der zuletzt schwächelnde Automobilmarkt erholte sich wieder, was jedoch vor allem daran lag, dass Autohändler alte Bestände reduziert verkauften, bevor am ersten Juli neue Emissions-Standards in Kraft traten.

Gute Nachrichten für Peking

Insgesamt zeigt sich jedoch, dass Pekings langfristiger Plan, das Wachstum auf einen starken Binnenmarkt zu stellen und sich immer weniger abhängig vom Ausland zu machen, Früchte trägt. Die wachsende Kaufkraft der chinesischen Mittelschicht lässt sich auch durch den Handelsstreit nicht ausbremsen. Das sind gute Nachrichten für Peking. Die Märkte in Asien reagierten positiv auf die neuesten Wirtschaftszahlen aus China. Der Hang Seng legte zum Wochenstart ein wenig zu, ebenso wie der Shanghai Composite und der Shenzhen CSI 300. Alles unter einem Prozent, aber eben kein Einbruch. Vor allem Gleichmut prägt die Stimmung angesichts der neuen Zahlen. Im westlichen Blickwinkel dominiert hingegen die Sorge um eine ausgewachsene Wirtschaftskrise.

Ein Risiko für China bleibt: die Verschuldung. Sie ist nach einer Schätzung des amerikanischen Finanzdienstleisters Bloomberg mittlerweile auf 271 Prozent der Wirtschaftsleistung gestiegen. Allerdings ist die entscheidende Auslandsverschuldung noch immer verschwindend gering. Und die chinesische Regierung ist inzwischen viel sensibler als noch vor zehn Jahren gegenüber den Risiken steigender Verschuldung. "Flutähnliche Anreize" wie nach der Krise von 2008/09 werde es nicht geben, versichert Chinas Premier Li Keqiang.

China brokerage house in Peking (Reuters/K. Kyung-Hoon)

Gleichmut an der Börse in China (Symbolbild)

Eins ist klar: Dass eine in absoluten Zahlen immer größer werdende Wirtschaft immer langsamer wächst, ist eine natürliche Entwicklung, die fast alle Industrieländer durchgemacht haben, auch die USA. Chinas Wirtschaftswachstum würde auch dann noch schwächeln, wenn es zu einem Deal mit Washington käme.

Die unterschätzte Herausforderung

Wenn wir China aufgrund eines leicht rückläufigen Wachstums bewerten, unterschätzen wir die eigentliche Herausforderung, nämlich dass China im internationalen Vergleich immer einflussreicher wird. Eine neue Studie des McKinsey Global Institute zeigt: Die Abhängigkeit der Welt von China wird größer, während Chinas Abhängigkeit von wichtigen Absatzmärkten um Ausland zurückgeht. Ein Beispiel: 2017 gingen nur noch neun Prozent der chinesischen Industrieproduktion in den Export – 2007 waren es noch 17 Prozent. Damit liegt Chinas Exportorientierung deutlich unter der von Deutschland (34 Prozent), Südkorea (28 Prozent) oder Japan (14 Prozent). Das ist keine überraschende Entwicklung angesichts des riesigen Binnenmarktes, über den China verfügt. Und es ist auch der Grund, warum der Aufstieg Japans Ende der Achtzigerjahre an seine Grenzen stieß, während im Falle Chinas noch viel Luft nach oben ist.  

China ist in vielen Zukunftstechnologien heute konkurrenzfähiger denn je und wird auch seine Neue Seidenstraße weiter entwickeln. Die langfristige Strategie ist nicht, in die beteiligten Länder zu exportieren, sondern in den jeweiligen Ländern für die dortigen Märkte zu produzieren. Das findet zum Beispiel in Afrika bereits statt. Der Westen ist dort weit und breit nicht zu sehen. Dass es länger dauert, bis sich diese Auslandsinvestitionen auf das chinesische Wirtschaftswachstum auswirken, ist klar. Dass jedoch vor allem China an der neuen afrikanischen Mittelschicht verdienen wird, ist schon jetzt abzusehen. Diese Entwicklung nüchtern zu betrachten, ist viel wichtiger als mit dem niedrigsten Wachstum in 30 Jahren die Hoffnung zu schüren, Chinas Aufschwung werde nachhaltig gebremst, und der Westen bleibe weiterhin bestimmend.

Unser Kolumnist Frank Sieren lebt seit über zwanzig Jahren in Peking.