Sierens China: Stabile Lieferketten vor und nach der Coronakrise | Asien | DW | 19.03.2020
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Kolumne

Sierens China: Stabile Lieferketten vor und nach der Coronakrise

Dass Firmen ihre Lieferketten nach der Pandemie diversifizieren, um Abhängigkeiten zu verringern, ist wahrscheinlich. Ganz von China abwenden wird sich aber niemand. Dafür bleibt das Land zu wichtig, meint Frank Sieren.

Die Corona-Pandemie hat eine "unverantwortliche und unvernünftige" Abhängigkeit von China offenbart, erklärte Frankreichs Wirtschaftsminister Bruno Le Maire kürzlich. So deutlich hat das in Deutschland noch niemand gesagt, was daran liegen mag, dass 47 Prozent der deutschen Wirtschaftskraft auf Exporten basieren, während es in Frankreich nur 18 Prozent sind.

Immerhin findet aber auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, dass Deutschland mehr für sich selbst sorgen müsse, zumindest was Medikamente betrifft. 40 Prozent der Medikamente oder ihrer Zutaten kommen derzeit aus China. Das ist aber ein Spezialfall, hier ist die Verfügbarkeit im Zweifel wichtiger als der Preis.

Überall wird der Nachschub knapp

Tatsächlich hat die Corona-Pandemie auf der ganzen Welt Lieferketten unterbrochen. Über 80 Prozent der produzierenden Unternehmen haben mit Verknappung zu kämpfen. Die Logistiker stehen vor einem Problem: Bauteile können nicht produziert oder geliefert werden, Containerschiffe können nicht anlegen. Um ihre Lieferketten so gut wie möglich zu schließen, sind viele Firmen gezwungen, auf den teuren Luftweg auszuweichen. Wenn sie es sich denn leisten können.

Frank Sieren *PROVISORISCH* (picture-alliance/dpa/M. Tirl)

DW-Kolumnist Frank Sieren

Das Problem: China ist heute viel wichtiger für die Weltwirtschaft als noch zu Zeiten der SARS-Pandemie 2002 und 2003. Und nun geht die Angst um, dass so etwas immer wieder passieren könnte. Das Coronavirus sei Chinas "Schwanengesang" als Werkbank der Welt, schreibt Forbes. Für diese 30-jährige Ära falle mit dem Virus endgültig der Vorhang, so das Wirtschaftsmagazin. Niemand werde sich nach dieser Krise noch auf China verlassen wollen.

Da unterschätzt man bei Forbes jedoch die Beharrungskräfte solch tiefer Verflechtungen. Man kann sie nicht so einfach kappen - aber sie verändern sich stetig. Einfache Produkte wie Schuhe oder T-Shirts werden längst in asiatischen Nachbarländern von China hergestellt. Die Hightechprodukte, die in viel komplexe Lieferketten verwoben sind, spielen nun in China eine stärkere Rolle. Auch die Löhne und Umweltauflagen sind in China in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. Zudem haben eine stärkere Automatisierung und Digitalisierung dazu geführt, dass die Unterschiede der Produktionsstandorte nicht mehr so stark ins Gewicht fallen.

Das bedeutet: Man kann eher schon mal dort produzieren, wo die Produkte am Ende auch verkauft werden. Deswegen baut Tesla eine Fabrik in Deutschland und Huawei eine in Frankreich. Die Lieferketten werden dadurch nicht weniger komplex.

Nach der Krise geht es wieder allein um den Preis

Wird das Virus diese Entwicklung beschleunigen? Zumindest macht es für die Unternehmen keinen Sinn, ihre gesamte Produktion in einer Region zu konzentrieren. Wichtiger noch: Die Lagerbestände, die die Hersteller anlegen müssen, werden steigen, wenn auch nicht maßlos. Denn das macht die Produkte teurer. Die Kunden jedoch werden das Virus bald vergessen haben und sind dann nicht gewillt, mehr für Produkte zu zahlen. Die Kosten spielen auch eine zentrale Rolle. Und da kommt wieder China ins Spiel.

Chinas Bedeutung als Produktionsstandort und Absatzmarkt wird in den nächsten Jahren eher noch wachsen. Womöglich wird nicht mehr soviel in China für Europa produziert, aber dafür umso mehr für China und Asien - auch von deutschen Firmen. In Branchen wie der Elektronik, der Automobilindustrie, dem Maschinenbau oder der Chemie ist China den meisten anderen Ländern voraus, denn die Produktionsanlagen und ihre Lieferketten sind relativ neu und damit sehr effizient. Dass hier auch andere Länder in Asien nachziehen, ist sehr wahrscheinlich. Insofern kann man die Abhängigkeit von China reduzieren.

Das Virus lässt sich nicht instrumentalisieren

Aber gleichzeitig entwickelt sich auch China weiter. Bei der neuen intelligenten Produktion auf der Basis von 5G und künstlicher Intelligenz werden die Chinesen weltweit führend sein, wenn sie es nicht schon sind. Trotz Engpässen und korrigierten Umsatzzahlen erklärt selbst Apple-Chef Tim Cook, dass man im Verhältnis zu China allenfalls ein "paar Stellschrauben, aber keine fundamentalen Dinge verändern" werde.

BG Alltag in der abgeriegelten Stadt Wuhan (Getty Images/AFP/H. Retamal)

China als Produktionsstandort und Absatzmarkt bleibt weiter wichtig

Versuche, das Virus zu instrumentalisieren, um die Wirtschaft zu "deglobalisieren", wie es manche Hardliner in den USA versuchen, werden nicht aufgehen.  Im Gegenteil: Die Welt wird sich wirtschaftlich eher enger verflechten. Aber die Verflechtung kann vernünftiger werden. Würde man es schaffen, Zulieferteile nicht um die halbe Welt zu schicken, irgendwo zusammenzubauen und dann wieder um die halbe Welt zurückzuschicken, wäre schon viel gewonnen. Aber das geht nur, wenn man die Kosten des Klimawandels in die Transportkosten einpreist. Eine Herkulesaufgabe.

Unser Kolumnist Frank Sieren lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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