Sierens China: Im Zweifel auf Nummer sicher | Asien | DW | 08.04.2020
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Kolumne

Sierens China: Im Zweifel auf Nummer sicher

Länder wie China und Japan achten trotz weitgehender Virus-Eindämmung sehr darauf, dass es keine Rückfälle gibt. Dies zeigt uns: Eine Öffnung kann nur schrittweise und flexibel erfolgen, meint Frank Sieren.

Japan Ministerpräsident Shinzo Abe (Imago Images/Kyodo)

Japans Premierminister Shinzo Abe

Nun hat auch Japan den Coronavirus-bedingten Notstand über einige Landesteile ausgerufen. Er soll für einen Monat gelten. Das klingt aber schlimmer als es ist. "Wir sind nicht in einer Situation, wo wir eine rapide landesweite Ausbreitung beobachten", sagt Premierminister Shinzo Abe. Die Infektionszahl ist in dem Land mit rund 4000 Fällen und 92 Toten noch immer vergleichsweise niedrig. Japan hat 126 Millionen Einwohner, der Ballungsraum Tokio gehört zu den dicht besiedelsten der Welt.

"Das ist kein Lockdown, wie in anderen Teilen der Welt", fügt Abe hinzu, "sondern nur eine Vorsichtsmaßnahme." Der öffentliche Nahverkehr läuft weiter. Geschäfte sind kaum geschlossen. Es sei denn, die Besitzer haben sich freiwillig dafür entschieden. Für die Regierung ist die Maßnahme vor allem ein Appell an die Selbstkontrolle. Bürger können bei Missachtung weder bestraft werden, noch werden Firmen gezwungen zu schließen.

Großes Verständnis für Einschränkungen

Wie Südkorea, Singapur, Hongkong, die Insel Taiwan und mit Abstrichen auch das chinesische Festland hatte Japan die Epidemie von Anfang an sehr ernst genommen. Ernst genug, um einen großen Ausbruch zu verhindern, jedoch nicht ernst genug, um das Virus ganz wieder los zu werden. In Tokio kam es in den vergangenen zwölf Tagen zu einer erhöhten Zahl von Neuinfektionen. Dabei tragen die Japaner Atemschutzmasken ohnehin bei jedem Anflug von Schnupfen. Und anders als im Westen votierten in einer Umfrage des Fernsehsenders TBS 80 Prozent der Japaner zuletzt für eine stärkere Einschränkung des öffentlichen Lebens. Nun sollen die Tests noch einmal hochgefahren werden und ein Konjunkturpaket von rund 919 Milliarden Euro soll die Folgen für die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt dämpfen - das größte, das es hier je gab.

Coronavirus in Japan Tokio Passanten im Ueno-Distrikt (AFP/C. Triballeau)

Ungebrochene Kauflaune am 21. März

Auch Singapur und Hongkong verzeichnen derzeit wieder eine leichte Zunahme von Infektionen. Auch sie verschärfen ihre Sicherheitsmaßnahmen. In beiden Stadtstaaten ist die Situation jedoch ebenfalls überschaubar. Singapur mit fünfeinhalb Millionen Einwohnern meldete am Dienstag rund 1375 Fälle und insgesamt sechs Todesopfer, Hongkong verzeichnet 934 Infektionen mit vier Toten. Fast alle neuen Infektionen wurden von Rückkehrern aus Europa oder den USA eingeschleppt. Was derzeit in Südostasien passiert, ist also keine zweite Welle, wie manche im Westen befürchten, sondern eher ein Nachbeben. Und die neuen Maßnahmen folgen dem Mottto: "Better Safe than Sorry".

Viele Vorsichtsmaßnahmen

Das lässt sich derzeit auch in China beobachten. Am Dienstag meldete das Land, in dem die Pandemie ihren Ursprung nahm, zum ersten Mal seit Januar keinen neuen Todesfall mehr, dafür aber ebenfalls 32 importierte Infektionen aus dem Ausland. Auch die Chinesen sind trotz einer überall spürbaren Rückkehr zur Normalität noch immer vorsichtig. Die Grenzen sind noch immer weitgehend zu. Selbst Ausländer, die fest in China leben, dürfen nicht mehr ins Land. Alle chinesischen Heimkehrer müssen einen Corona-Test machen und in Quarantäne, egal ob sie Symptome haben oder nicht. Dazu bescheinigen Apps, ob man ein Virus-Risikokandidat ist oder nicht. Ohne einen einwandfreien digitalen "Gesundheitscode" kommt man in China derzeit so gut wie nirgendwo mehr rein oder raus.

China Wuhan Reisende am Bahnhof (Reuters)

Die wiedergewonnene Reisefreiheit im Inland bedeutet am Bahnhof in Wuhan, sich in Geduld zu üben

Währenddessen tariert jede chinesische Provinz für sich aus, wie schnell sie sich öffnen kann oder eben noch nicht. Mitunter wird zurückgerudert. So durften von den 70.000 Kinos des Landes einige Mitte des Monats wieder öffnen, nur um eine Woche später wieder dicht gemacht zu werden. Ähnliches erlebten Konzerthäuser, Karaoke-Bars oder Touristenattraktionen wie der berühmte Schanghaier Pearl Tower. Die Furcht vor asymptomatischen Übertragungen ist einfach zu groß. Die Unsicherheit, ab wann man denn nun wirklich über den Berg ist, hat natürlich auch Auswirkungen auf die Wirtschaft. 90 Prozent der Shopping-Malls und Supermärkte sowie gut 80 Prozent der Restaurants haben wieder geöffnet.

Pleitewelle nicht wahrscheinlich

Trotzdem läuft das Geschäft vielerorts nur schleppend an. Die Umsätze großer Shoppingmalls liegen bislang nur zwischen 30 und 70 Prozent des Vorjahresniveaus. Man ist noch vorsichtig. Die Arbeitslosigkeit stieg zwar von Januar auf Februar von 5,3 auf 6,2 Prozent. Eine große Pleitewelle ist dennoch unwahrscheinlich. 85 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen in China haben Ersparnisse für weitere drei Monate. Auch die Privathaushalte haben viel mehr Rücklagen als wir das aus dem Westen kennen.

Frank Sieren *PROVISORISCH* (picture-alliance/dpa/M. Tirl)

DW-Kolumnist Frank Sieren

Im Schnitt legen die Chinesen 34 Prozent ihres verfügbaren Einkommens auf die hohe Kante. In den USA sind es nur 7,9 Prozent. Peking hat zudem Kredit- und Steuererleichterungen erlassen und Lokalregierungen verteilen mittlerweile Gutscheine, um den Konsum und den Tourismus wieder anzukurbeln. Das wirkt, aber natürlich nicht von heute auf morgen. Sichtbarstes Signal der Hoffnung war diese Woche die Öffnung der zweieinhalb Monate lang abgeriegelten Metropole Wuhan, die als Epizentrum in China zeitweise synonym für die gesamte Virus-Krise stand.

Immerhin: Die Verbraucherstimmung in China ist derzeit positiver als in den meisten anderen, schwer vom Virus getroffenen Ländern. Laut einer Umfrage der Unternehmensberatung McKinsey glauben 49 Prozent der Chinesen, die Wirtschaft werde sich im Laufe der nächsten zwei bis drei Monate erholen und mindestens ebenso stark wachsen wie zuvor. In den USA waren es 39 Prozent, in Italien gerademal 13 Prozent. Nur sechs Prozent der Chinesen befürchten langfristige negative Folgen für die Wirtschaft durch das Virus. In den USA waren 16 Prozent dieser Meinung, in Spanien sogar 36 Prozent.

Eines ist klar: Optimistisch kann nur sein, wer sich wirklich sicher fühlt. Länder wie China oder Japan sind bislang gut durch die Krise gekommen, weil sie vorsichtig waren und es weiterhin bleiben. Das sendet eine wichtige Botschaft auch an Deutschland und Europa: Sich lieber ein paar Tage länger zusammenreißen, als es später bereuen zu müssen. 

Unser Kolumnist Frank Sieren lebt seit über 25 Jahren in Peking.