Sierens China: Ehre Deinen Nachbarn | Asien | DW | 27.09.2018
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Kolumne

Sierens China: Ehre Deinen Nachbarn

Donald Trumps Handelsstreit bringt die beiden Rivalen Japan und China an einen Tisch. Das ist nicht einfach. Aber Japan kann sich nicht mehr blind auf die USA verlassen, meint Frank Sieren.

Russland Eastern Economic Forum Shinzo Abe und Xi Jinping (Getty Images/AFP/Jiji Press )

Japans Premier Shinzo Abe (li.) und Chinas Präsident Xi Jinping bei ihrem jüngsten Treffen vor zwei Wochen

Vor genau sechs Jahren, im September 2012 entlud sich der Hass auf Pekings Straßen. Tausende zogen von der Partei orchestriert mit Transparenten vor die japanische Botschaft. Vereinzelt wurden japanische Flaggen verbrannt. Flaschen und Steine flogen. Inhaber anliegender Sushi-Restaurants hissten die weiße Fahne, indem sie Banner mit pro-chinesischen Parolen in die Fenster hängten. Auslöser der Unruhen war die Ankündigung Japans, Teile einer unbewohnten Inselgruppe im Ostchinesischen Meer zu kaufen, die in Japan Senkaku und in China Diaoyu heißt, und die beide Staaten für sich beanspruchen. Mehrere japanische Unternehmen mussten ihre Niederlassungen in der Volksrepublik zeitweise schließen, um Brandanschatzung und Plünderungen zuvorzukommen. Die Regierung in Peking, sonst kein Freund von öffentlichen Meinungsbekundungen, bewertete die Proteste als "Ausdruck des Patriotismus".

Lange dauerten diese weitgehend inszenierten Proteste jedoch nicht. Die Menschen in China hatten besseres zu tun, als gegen Japan zu demonstrieren. Heute mehr denn je. Nicht nur die Pekinger Polizei fährt japanische Autos. Chinesen reisen gern zum Shoppen nach Tokio. Japanische Produkte sind in China, das immer wieder von Lebensmittelskandalen erschüttert wird, wegen ihrer hygienischen Standards hoch angesehen, die japanischen Restaurants in China voll.

Entspanntere Tonlage

Während man den Konflikt im Alltag kaum noch bemerkt, wird nun selbst auf politisch diplomatischer Ebene die Tonlage entspannter, auch wenn es noch immer Streitpunkte gibt: Der Inselstreit ist nur eines von vielen Themen, das die traditionell problematische Beziehung der Nachbarländer bis heute belastet. Der größte Vorwurf aus Peking: Japans Regierung habe die an der chinesischen Bevölkerung verübten Gräueltaten während des Zweiten Weltkriegs bisher nur ansatzweise öffentlich aufgearbeitet. Doch mittlerweile ist es schon fast Routine, wenn der staatlich mediale Volkszorn hochkocht, nachdem mal wieder ein hochrangiger japanischer Politiker dem Yasukuni-Schrein im Herzen Tokios einen Besuch abstattet, wo unter den zwei Millionen gefallenen japanischen Soldaten auch 14 vom Internationalen Militärgerichtshof verurteilten Kriegsverbrechern gedacht wird. Ebenso routiniert und so überhaupt nicht auf Eskalation aus waren die Reaktionen vergangene Woche nach einem U-Boot-Manöver der Japaner. Der Einsatz südwestlich des von China kontrollierten Scarborough-Riffs im Südchinesischen Meer habe dazu gedient, "strategische Techniken zu verbessern", meldete das Verteidigungsministerium in Tokio. Peking konterte, Japan solle "vorsichtig sein und alles vermeiden, was dem regionalen Frieden und der Stabilität schaden" könnte. Damit war das Thema erledigt. Misstrauen hin, Verletztheit her.

Japan Tokio Yasukuni Schrein Gedenken Kriegsende Uniformierte (picture-alliance/dpa/K. Mayama)

Der Yasukini-Schrein zu Ehren der japanischen Kriegstoten in der Nähe des Kaiserpalastes in Tokio.

Seit Donald Trump die halbe Welt in einen Handelsstreit hineinzieht und das asiatisch-amerikanische Handelsabkommen TPP aufgekündigt hat, das als Gegengewicht zu China dienen sollte, gehen die Japaner auf Nummer sicher und reizen China nicht unnötig. Peking, ebenfalls auf Entspannung bedacht, ist sich für große Gesten nicht zu schade. Im Mai besuchte Chinas Premier Li Keqiang Tokio - der erste Japan-Besuch eines hochrangigen chinesischen Politikers seit acht Jahren. Der Gegenbesuch wird bald folgen: Am 23. Oktober, dem 40. Jahrestag des japanisch-chinesischen Friedensvertrages, wird Japans Premier Shinzo Abe zum "Innovationsdialog" in Peking erwartet. Auf der Agenda des dreitägigen Treffens mit Premier Li Keqiang und Staats- und Parteichef Xi Jinping stehen neben gemeinsamen Agrar- und Infrastrukturprojekten auch eine engere Zusammenarbeit bei Zukunftstechnologien wie künstlicher Intelligenz und selbstfahrenden Autos. Der Handel zwischen den beiden Ländern wächst stark. 2017 legte das japanische Exportgeschäft nach China um über 20 Prozent zu. 35,2 Prozent der Waren, die Japan in den ersten sieben Monaten dieses Jahres in Asien verkaufte, gingen nach China - ein Anstieg von über zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die wirtschaftlichen Realitäten verdrängen die politischen Animositäten also Stück für Stück. Die Zeiten, in denen Japan fraglos Seite an Seite mit den USA alles versucht hat, den Einfluss Chinas in Asien zu begrenzen, gehen zu Ende.

Frank Sieren *PROVISORISCH* (picture-alliance/dpa/M. Tirl)

DW-Kolumnist Frank Sieren

Japan sucht neue Absatzmärkte

Das hohe Handelsdefizit mit den USA zwingt Tokio nun nach wirtschaftlichen Alternativen zu suchen. 2017 waren es knapp 70 Milliarden Dollar. Für Trump Beweis genug, dass auch Japan die USA wirtschaftlich ausnutzt. Er wünsche sich "eine wechselseitigere Beziehung" schrieb der US-Präsident Anfang der Woche auf Twitter. Dass das nichts Gutes bedeutet, ist Tokio klar. Trump möchte neue bilaterale Freihandelsverträge mit Japan schließen, als Ersatz für das Pazifik-Handelsabkommen TPP, das er schon in der ersten Woche im Präsidentenamt aufkündigte. Der vergangene Woche als Parteichef wiedergewählte Abe setzt dagegen auf multilaterale Abkommen. Angeblich erwägt Trump nun 25-prozentige Strafzölle auf japanische Waren, allen voran Autos. Das würde die japanische Industrie hart treffen. 47 Prozent ihrer Autos und Trucks werden auf dem amerikanischen Markt verkauft.

Peking möchte seinerseits die Einbußen durch amerikanische Strafzölle durch eine noch engere Zusammenarbeit mit Japan ausgleichen - zum Beispiel, in dem es künftig mehr landwirtschaftliche Produkte in das Nachbarland verkauft. Für Japan wird China immer wichtiger. 2017 machten Exporte nach China bereits ein Drittel des japanischen Wirtschaftswachstums aus.

China will von Japans Kontakten profitieren

Peking möchte Japan auch gerne stärker in sein Jahrhundertprojekt der "Neuen Seidestraße" einbinden, zum Beispiel mit einem neuen Wirtschaftskorridor nach Thailand, wo im Osten des Landes gerade eine gigantische, staatliche geförderte Wirtschaftszone mit neuen Tiefseehäfen, Autobahnen, Hochgeschwindigkeitsbahnstrecken und Flughäfen entsteht. Durch jahrelange Investitionen in Thailand verfügt Tokio über mehr Erfahrungen und ein größeres Netzwerk in Thailand als Peking. Das ist hilfreich. Tokio könnte damit ein Zeichen in Richtung Washington setzen, dass es auch anders geht.

Falls Donald Trump sein beim Koreagipfel in Singapur geäußertes Vorhaben wirklich umsetzen und amerikanische Truppen aus Südkorea abziehen sollte, wird auch die Diskussion um den Verbleib der amerikanischen Truppen in Japan neu aufflammen. Anfang September gab es zum wiederholten Mal eine Welle von Artikeln in japanischen Medien, die in genau diese Richtung argumentieren. Viele Japaner haben Trump übelgenommen, dass sie bei dem Gipfeltreffen zwischen Trump und Kim im Juni keine Rolle gespielt haben. Auch das bedeutet neuen Spielraum, die Spannungen zwischen China und Japan zu entschärfen. Dass die Asiaten ihre Konflikte nun selbst regeln ohne die Hilfe des Westens, ist immerhin eine positive Folge der Trump'schen Politik. Wenn auch eine unbeabsichtigte. 

Unser Kolumnist Frank Sieren lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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