Sich mit Worten wehren: Der Dichter Reiner Kunze wird 85 | Bücher | DW | 16.08.2018
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Geburtstag

Sich mit Worten wehren: Der Dichter Reiner Kunze wird 85

Er war einer der entscheidenden Wegbereiter des Regimeverfalls der DDR. Mit seinen Gedichten und seiner Prosa war er den ostdeutschen Behörden ein Dorn im Auge. Später stieß Kunze auch in der BRD auf Kritik.

Blickt man heute zurück auf die Zeit, als es in der Schriftstellerszene in der DDR so heftig brodelte, so scheinen die Ereignisse wie aus einer anderen Epoche. Über 40 Jahre später fällt es vielen jungen Leuten schwer, sich vorzustellen, dass in einem Teil Deutschlands damals die Zensoren an der Macht waren und Intellektuellen das Wort verboten. Kino und Fernsehen halten die Erinnerungen mit ihren vielen Stasi-Filmen und Sittenbildern aus der DDR wach. Doch wer liest noch wirklich die Bücher aus der DDR von damals, von Autoren wie Reiner Kunze, Wolf Biermann oder Christa Wolf?

Im Auftreten ruhig, aber beharrlich

Etwas ganz anderes ist es, wenn man einem der damaligen Akteure gegenübersitzt. Reiner Kunze feiert am 16. August seinen 85. Geburtstag. Um Kunze, den einstmals berühmtesten Lyriker der DDR, ist es still geworden. Das mag auch mit seiner Art und seinem Auftreten zusammenhängen - damals und heute. Kunze ist ein zurückhaltender und bescheiden auftretender Mensch. Das hinderte ihn vor ein paar Jahrzehnten aber nicht daran, sich aufzulehnen gegen das Unrecht in der DDR.

Schriftsteller Reiner Kunze mit seiner Frau Elisabeth (Foto: dpa)

Reiner Kunze mit seiner Frau Elisabeth 2008

Reiner Kunze war mit seinen Gedichtbänden und dann vor allem mit seinen Prosaskizzen, die unter dem Titel "Die wunderbaren Jahre" 1976 nur im Westen Deutschlands erscheinen konnten, zu einer der wichtigsten Oppositionsstimmen der DDR geworden. Ein Jahr später trieb man ihn aus dem Land. Kunze ging mit seiner Frau, der aus der CSSR stammenden Ärztin Elisabeth Littnerová, in die Bundesrepublik.

Reiner Kunze: "Nicht als mutig empfunden"

War er damals mutig? "Wir haben das so nicht empfunden", sagt Kunze heute. "Das spielte überhaupt keine Rolle in unserem Denken, dass wir mutig sind." Die Wirklichkeit habe es verlangt, dass man reagiere. Die Einfälle, die einem gekommen seien und aus denen nichts anderes werden konnten als ein Gedicht, die mussten formuliert werden. Kunze erzählt heute über diese politisch bewegte Zeit ganz aus der Perspektive des Dichters. "Diese Einfälle kamen aus der Wirklichkeit und aus dem, was in uns vorging aufgrund dieser Wirklichkeit." Das habe man nicht einfach beiseiteschieben können. Die Gedanken "haben gearbeitet und man musste schreiben und dafür musste man den Kopf hinhalten".

Schreiben, um zu überleben - so könnte man es auch auf einen Nenner bringen. Kunze würde diese Formulierung vermutlich nicht in den Mund nehmen. Das wäre ihm zu dramatisch. Kunze ist ein Mann der leisen Töne. Er spricht mit gedämpfter Stimme. Doch die Worte haben es in sich. "Ich habe relativ wenig geschrieben", sagt der Dichter heute rückblickend. Aber er habe noch nie darunter gelitten, dass ihm nichts eingefallen wäre.

Zwei unterschiedliche Charaktere

Mit wenigen Worten nur - Kunzes Gedichte sind meist sehr kurz und auch "Die wunderbaren Jahre" wirken wie dahingetupfte Gedanken - hat er Stasi und Parteibonzen bis aufs Blut verärgert. Wolf Biermann, sein großer Mitstreiter, war aus anderem Holz geschnitzt. Nicht weniger mutig, aber lautstark und offen provokant, mit Gitarre ausgerüstet und scharfzüngig. Kunze trat anders auf: beharrlich und konsequent, kompromisslos und tiefgründig. Und vor allem unabhängig. Als er 1977 in die Bundesrepublik kam, zog es ihn nach Bayern, damals Franz-Josef-Strauß-Land. Das haben ihm im Westen manche übel genommen.

Audio anhören 09:42

Reiner Kunze 2013 im DW-Interview

Auch sein Interview, das er kurz nach seiner Übersiedlung im West-Fernsehen gab, stieß auf Kritik - in Ost wie West. Womit hat er damals auch viele Sympathisanten vor den Kopf gestoßen? Kunze erinnert sich im Gespräch mit der Deutschen Welle: "Ich habe damals gesagt: 'Von daher, wo wir herkommen, und ich meine damit nicht die Himmelsrichtung, sondern das Regime, da kommt kein neuer Anfang für die Menschheit'." Das irritierte damals viele - auch westdeutsche Linke.

Kunze: "Ich bin ein Schriftsteller deutscher Sprache"

Auch Freunde und Sympathisanten hätten sich distanziert, erinnert sich der Schriftsteller. Im Westen Deutschlands träumten noch viele Intellektuelle von einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Einer, der die Dinge beim Namen nannte, fernab jeder Romantisierung, musste provozieren. "Ich habe mich nie als irgendein Teil-Schriftsteller gefühlt. Ich bin ein Schriftsteller deutscher Sprache", sagt Kunze: Seine Heimat sei natürlich Deutschland, aber in erster Linie da, wo seine Frau sei - und eben in der deutschen Sprache.

Norbert Lammert beim Festakt für Reiner Kunze zu seinem 80. Geburtstag (Foto: Konrad Adenauer Stiftung)

Tief beeindruckt von Mensch und Werk: Norbert Lammert

Diese aufrechte Haltung hat auf der anderen Seite auch vielen imponiert, auch Politikern. Kunze wird heute als einer der ganz großen, mutigen Männer der DDR-Literatur wahrgenommen, die unabhängig aller Ideologien für die Freiheit des Wortes gekämpft haben.

Vor fünf Jahren ließ es sich der damalige Bundestagspräsident Norbert Lammert nicht nehmen, bei einer Festveranstaltung zu Ehren des Dichters aufzutreten: "Reiner Kunze ist jemand, der mich zu einem frühen Zeitpunkt erreicht und beeindruckt hat, und bei dem die Art und Weise, wie er mit hohem persönlichem Engagement und gleichzeitig erkennbarer Distanz auf gesellschaftliche Realitäten reagiert, mir sehr imponiert hat", so Lammert im DW-Gespräch.

Es folgten glückliche Jahre im Westen

Für Kunze war das Jahr 1977, nachdem er sich im Süden Deutschlands in der Nähe von Passau niedergelassen hatte, Auftakt für eine fruchtbare Zeit: "Es begannen die schöpferischsten, die glücklichsten Jahre unseres Lebens." Dann, nach einer kleinen Pause, fügt er hinzu: "Was nicht heißt, es seien unkomplizierte Jahre gewesen. Sie waren, sie sind noch immer kompliziert."

Festakt für Reiner Kunze zu seinem 80. Geburtstag. Kunze inmitten von Gästen und Rednern (Foto Adenauer Stiftung)

Festakt in der Konrad Adenauer-Stiftung 2013 in Berlin zum 80. Geburtstag: Kunze (2. von r.) mit Rednern und Gästen

"Ich habe selten einen Menschen getroffen, bei denen die Vorstellungen, die ich aufgrund der Texte von dem Menschen hatte, sich so fast komplett bestätigt haben wie in diesem Fall", sagt Norbert Lammert.

Es ist diese innere Überzeugungskraft, diese Ruhe und Beharrlichkeit, die man im Gespräch mit Kunze bewundert. Wenn man diesem Mann der deutschen Zeitgeschichte gegenübersitzt und seinen Erzählungen aus einer scheinbar lange zurückliegenden Zeit lauscht, dann meint man den Atem der Geschichte zu spüren.

Die Gespräche mit Reiner Kunze und Norbert Lammert führte Jochen Kürten vor 2013 anlässlich einer Buchpräsentation in Berlin. Zuletzt erschien von Reiner Kunze: "die stunde mit dir selbst. Gedichte", S. Fischer, Frankfurt am Main 2018, ISBN 978-3-10-397376-1.

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