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"She Said": Das Buch über #MeToo

Courtney Tenz so, tön
26. September 2019

2017 enthüllten Jodi Kantor und Megan Twohey die Missbrauchsvorwürfe gegen Hollywood-Produzent Harvey Weinstein: ein Startschuss der #MeToo-Bewegung. Im Buch "She Said" erzählen die Reporterinnen die ganze Geschichte.

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USA Journalistinnen Jodi Kantor und Megan Twohey in New York
Bild: Getty Images for Hearst Magazines/T. Wargo

Als Jodi Kantor, Reporterin im Ermittlungsteam der "New York Times", Anfang 2017 erstmals die Schauspielerin Rose McGowan kontaktierte, ahnte sie nicht, was sie erwarten würde. McGowan hatte sich öffentlich zu einem sexuellen Übergriff eines Hollywood-Produzenten geäußert; es hieß, sie arbeite an einem Bericht darüber.

Währenddessen kursierten bereits seit längerem Gerüchte über Harvey Weinsteins zweifelhaften Umgang mit Schauspielerinnen. Bei Preisverleihungen machten Komiker auf der Bühne sogar Witze darüber. In einem Interview warnte Rocksängerin Courtney Love angehende Schauspielerinnen davor, sich mit Weinstein in einem Hotelzimmer zu treffen. Und im Jahr 2015 hatte ein italienisches Modell bei der New Yorker Polizei Anklage erhoben.

Journalisten hatten lange Zeit versucht, Betroffene zu finden, die mit ihnen sprechen wollten, doch ohne Erfolg. Jodi Kantor, die bereits ein Buch über das Leben der Obamas veröffentlicht hatte, fing 2013 an, Recherchen über die Erfahrungen von Frauen am Arbeitsplatz anzustellen. "Zu dokumentieren, was sie erlebt hatten, zeigte mir, wie Macht funktioniert", schrieb sie. Und so gelang es ihr in den Dunstkreis von Frauen zu kommen, die Erfahrungen mit Weinstein gemacht haben könnten.

"Weinsteins Vermächtnis"

Was sie im Verlauf ihrer Recherchen zusammen mit ihrer Kollegin Megan Twohey aufdeckte, waren nicht nur sexuelle Übergriffe, die Weinstein vorgeworfen wurden, sondern auch alle möglichen Versuche, diese Verbrechen zu vertuschen. Ihre Berichterstattung, die zunächst auf den Aussagen der Schauspielerin Ashley Judd beruhte und sich dann auf weitere ehemalige Weinstein-Mitarbeiterinnen ausweitete, entwickelte sich zu einer Reihe, für die sie den Pulitzer-Preis erhielten.

Die Reporterinnen beschrieben es später so: "Weinsteins Vermächtnis: die Ausnutzung des Arbeitsplatzes, um Frauen zu manipulieren, zu unterdrücken und zu terrorisieren."

Gwyneth Paltrow US Schauspielerin
Gwyneth Paltrow spielte in mehreren Weinstein-Filmen. Ihre Aussagen waren zentral für die Recherchen von Jodi Kantor and Megan Twohey.Bild: Getty Images/F. Harrison

"She Said": Eine Fallstudie - und ein Lehrbuch 

Diese Geschichten zu recherchieren und sie zu veröffentlichen sei eine echte Herausforderung gewesen, erinnern sich Kantor und Twohey in ihrem gerade veröffentlichten Buch "She Said: Breaking the Sexual Harassment Story That Helped Ignite A Movement". In dieser Fallstudie investigativer journalistischer Arbeit erzählen die beiden Reporterinnnen, wie sie es anstellten, teilweise jahrzehntealte Vorwürfe auszugraben.

"Der Fall Weinstein bekam eine solche Tragweite, weil wir und andere Journalistinnen und Journalisten in der Lage waren, klare und nicht mehr zu leugnende Beweise für Fehlverhalten zu liefern", schreiben die Autorinnen in ihrem Vorwort. Diese Beweise werden im Buch klar dargelegt, das zugleich auch zum Lehrbuch wird, wie man als Berichterstatter mit Überlebenden sexueller Übergriffe arbeitet, ohne sie erneut zu traumatisieren - und zugleich garantiert, dass keine voyeuristischen Details veröffentlicht werden.

Das globale Echo von #MeToo

Die Autorinnen setzen sich auch damit auseinander, welche Bedeutung ihre Arbeit im gesellschaftlichen Kontext hat: Der Wandel, der passiert, wenn Frauen ihre Erfahrungen mit körperlichen Übergriffen nicht länger als isolierte Erlebnisse betrachten, sondern grundlegende Veränderungen fordern. Denn obwohl es in den USA seit Jahren mehr und mehr Gesetze gegen sexuelle Belästigung gilt, bleibt Gerechtigkeit oft aus. "Das Rechtssystem und die Unternehmenskulturen haben dazu beigetragen, Opfer zum Schweigen zu bringen. Sie hemmen noch immer den Wandel", schreiben die Autorinnen.

USA US-Richterkandidat Brett Kavanaugh - Aussage von Christine Blasey Ford
Christine Blasey Ford vor ihrer Aussage gegen Richterkandidat Brett Kavanaugh im September 2018Bild: Getty Images

Kurz nachdem ihr erster Artikel über Weinstein veröffentlicht wurde, gab es eine Flut von Hinweisen auf sexuelle Übergriffe und Belästigung am Arbeitsplatz. Frauen teilten in Soziale Medien ihre eigenen Erfahrungen mit Belästigungen - einige davon sehr detailliert. Andere schrieben in den sozialen Netzwerken einfach"#MeToo"

Blasey Ford versus Brett Kavanaugh

Eine der Frauen, die von der Bewegung ermutigt wurde, den Missbrauch, den sie erlitten hatte, öffentlich aufzudecken, war Christine Blasey Ford, eine Professorin und Forschungspsychologin an der Universität Stanford. Ford bezeugte, als Teenager von dem späteren US-Bundesrichter Brett Kavanaugh festgehalten und sexuell attackiert worden zu sein. Nach Kavanaughs Ernennung zum Obersten Gerichtshof der USA trat sie vor den Senatsausschuss für das Justizwesen. Die Anhörung stieß auf weltweites Medieninteresse.

Ihr Schicksal bildet das letzte Drittel von Kantor und Twoheys Buch. Die Autorinnen beschreiben Blasey Fords Erfahrungen, sie thematisieren ihre Zurückhaltung mit den Medien zu sprechen und auch die Morddrohungen, die sie erhielt. In der Summe ist es eine vernichtende Anklage gegen die Art und Weise, wie auch die Medien dazu beitragen, dass Frauen über die Missbräuche, denen sie ausgesetzt sind, schweigen.

In dem Buch "She Said" werden die Frauen und ihre Geschichten in den Fokus gerückt. Weinsteins verleumdende Aussagen werden nur am Rande erwähnt. Eine bewusste Abgrenzung gegen die Realität, in der Frauen oftmals verbal überfahren oder niedergemacht werden, wenn sie versuchen, über ihre Erfahrungen  zu sprechen. Politiker, darunter auch der derzeitige Präsident der Vereinigten Staaten - selbst sexueller Übergriffe beschuldigt -, bedienen sich der sozialen Medien wie auch der großen TV-Sender, um Frauen wie Blasey Ford und andere zu diskreditieren. 

Doch der Kampf geht weiter. Und auch die Diskussion um die Frage, wie man auf sexuelle Übergriffe reagiert - und sie verhindert. Und das nicht nur in den USA oder in Europa, sondern auf der ganzen Welt.