SGS-Essen-Trainer Markus Högner: ″Wir wollen Wolfsburg ärgern″ | Sport | DW | 03.07.2020
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Frauenfußball

SGS-Essen-Trainer Markus Högner: "Wir wollen Wolfsburg ärgern"

Im DFB-Pokalfinale der Frauen an diesem Samstag ist Meister VfL Wolfsburg haushoher Favorit. Markus Högner, Trainer des Gegners SGS Essen, erklärt im DW-Interview, wie sein Team im Konzert der Großen besteht.

DW: Herr Högner, der VfL Wolfsburg war in den letzten fünf Spielzeiten Pokalsieger und ist wieder überlegen deutscher Meister geworden. Da muss man nicht über die Favoritenrolle im DFB-Pokalfinale reden, oder?

Markus Högner: Nein, ganz klar. Wolfsburg ist eins der Topteams weltweit. Es kommt nicht von ungefähr, dass der Verein den deutschen Fußball seit einigen Jahren komplett dominiert. Aber nichtsdestotrotz haben wir uns im DFB-Pokal gut aus der Affäre gezogen, dort überwiegend Auswärtssiege feiern können. Wir haben auf alle Fälle eine kleine Chance, und die wollen wir natürlich nutzen.

Ich zitiere Ralf Kellermann, den Sportdirektor der "Wölfinnen", im DW-Interview: "Mittlerweile spielen viele Teams gegen uns fast wie im Handball: hinten mit einer Fünferkette, davor eine Viererkette und eine Stürmerin." Werden auch Sie eine solche Defensivtaktik wählen?

Mannschaften, die vermeintlich schwächer sind, suchen natürlich ihr Heil in der Defensive mit zwei oder sogar drei kompakten Reihen. Aber wir wollen auch unsere Stärken ausnutzen. Wir haben schnelle Außenbahn- und Offensivspielerinnen. Es wird also wohl eher einen Mix geben.

Sie waren von Mitte 2018 bis Anfang 2019 Co-Trainer in Wolfsburg. Hilft Ihnen das für Samstag?

Die Taktik von Wolfsburg ist ja kein großes Geheimnis. Die "Wölfinnen" haben eine klare Strategie und ziehen sie in jedem Spiel durch, egal ob sie in der Champions League oder der Bundesliga spielen. Sie haben auf jeder Position eine Wahnsinnsqualität und richten sich deshalb weniger nach dem Gegner.

DFB Frauen Pokal Halbfinale, Bayer 04 Leverkusen - SGS Essen, Leverkusen (picture-alliance/dpa/M. Junge)

Die Bundesliga-Saison beendete die SGS Essen auf Platz sechs - und hofft jetzt auf den Pokalcoup

Fühlen Sie sich in der Außenseiterrolle wohl?

Auf jeden Fall. Ich stand ja in meiner ersten Zeit als Essener Trainer von 2010 bis 2016 schon einmal im DFB-Pokalfinale. 2014 war es ähnlich: Der FFC Frankfurt war ein absolutes europäisches Spitzenteam mit internationalen Topspielerinnen, wir waren die Underdogs. Im Vergleich zu damals [Essen verlor 0:3 - Anm. d. Red.] ist unsere Mannschaft jetzt reifer und auch stärker. Allerdings hat sich der Frauenfußball weiterentwickelt, und ich würde sagen, dass Wolfsburg einen Tick stärker ist als Frankfurt damals.

Nach der Saison werden mit Toptalent Lena Oberdorf (18), Mittelfeldspielerin Marina Hegering (30) und Stürmerin Lea Schüller (22) gleich drei Nationalspielerinnen den Verein verlassen. Markiert das Pokalfinale so etwas wie einen Umbruch der SGS Essen?

Ja, aber das war uns auch schon vor der Saison bewusst. Die Spielerinnen können in Essen den ersten und zweiten Schritt machen, im dritten wechseln sie dann zu einem absoluten Topverein. Es ist unsere Philosophie, gute junge deutsche Spielerinnen auszubilden und auf ein hohes Niveau zu bringen. Aber uns ist natürlich klar, dass wir rein finanziell nicht konkurrenzfähig sind zu den Topteams.

Oberdorf geht nach Wolfsburg, Schüller und Hegering zum FC Bayern. Steht ein eher traditioneller Frauenfußballverein wie die SGS Essen gegen die Macht des Geldes auf verlorenem Posten?

DFB Frauen Pokal Halbfinale | Bayer 04 Leverkusen - SGS Essen (picture-alliance/dpa/foto2press)

Lena Oberdorf trägt bald das Trikot des VfL Wolfsburg

Auf keinen Fall. Wir werden auch weiterhin fester Bestandteil der Bundesliga sein, weil wir ein gutes Nachwuchskonzept haben. Ich bin davon überzeugt, dass auch weiterhin gute Nachwuchsspielerinnen zu uns kommen werden, um sich hier weiterzuentwickeln. Wir sind uns allerdings bewusst, dass es schwieriger wird, weil immer mehr Männer-Profiklubs in den Frauenfußball einsteigen.

Haben Sie das Gefühl, dass sich die sportliche Schere zwischen den finanziell starken und schwächeren Klubs weiter öffnet?

Das ist ja allgemein die Entwicklung im Fußball. Auch bei den Männern ging der Meistertitel in den vergangenen acht Jahren immer an Bayern München. Bei uns hat diese Rolle der VfL Wolfsburg, wobei ich glaube, dass die Bayern und auch Frankfurt in den nächsten Jahren große Konkurrenten der "Wölfinnen" werden. Aber auch in der Männer-Bundesliga gibt es einen kleinen Verein wie den SC Freiburg, der gute Leute und ein klares Konzept hat und sich von Niederlagen nicht umwerfen lässt.

Fühlen Sie sich denn auch ein wenig wie der Freiburger Trainer Christian Streich, der ganz gerne die Großen ärgert?

Auf alle Fälle. Das ist uns in den vergangenen zehn Jahren ganz gut gelungen. Wir waren nie schlechter als Tabellensechster. Viele haben uns prophezeit, dass es für so einen kleinen Verein schwierig wird. Aber wir haben uns gehalten und haben oft die Großen ärgern können. Ich hoffe, dass wir daran anknüpfen. Nicht nur am Samstag, sondern auch in den nächsten Jahren.

Markus Högner ist Trainer und sportlicher Leiter des Frauenfußball-Bundesligisten SGS Essen. Als Profi spielte der heute 53-Jährige in den 1990er-Jahren unter anderen für den damaligen Zweitligisten Alemannia Aachen und auch zwei Jahre lang in Costa Rica. Später wurde er Spielertrainer der deutschen Beachsoccer-Nationalmannschaft und machte seinen Fußball-Trainerschein. Von 2010 bis 2016 war er Cheftrainer der SGS Essen, dann Co-Trainer des deutschen Frauen-Nationalteams und anschließend des VfL Wolfsburg. 2019 kehrte er nach Essen zurück.

Das Interview führte Stefan Nestler.

Die Redaktion empfiehlt