Sexueller Missbrauch im haitianischen Fußballverband: Jean-Bart unter Verdacht | Sport | DW | 04.06.2020
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Missbrauchsvorwürfe

Sexueller Missbrauch im haitianischen Fußballverband: Jean-Bart unter Verdacht

Der Chef des nationalen Fußballverbands ist einer der mächtigsten Männer in Haiti. Nun wird ihm sexueller Missbrauch vorgeworfen. Er räumt ein, mit einer Ex-Spielerin ein Kind zu haben. Fehlverhalten aber sieht er nicht.

Die Angst ist deutlich zu spüren. Angst bei Opfern und Zeugen, sich zu dem schweren Skandal zu äußern, der derzeit den Haitianischen Fußballverband (Fédération Haitienne de Football, FHF) erschüttert. Yves Jean-Bart, der bisherige Präsident, soll mehrere minderjährige Spielerinnen sexuell missbraucht haben.

Ein Trainer aus Haiti, der den Verband von innen kennt, hatte die Vorwürfe in einem ersten Gespräch mit der DW zunächst bestätigt und erzählt, dass auch Spielerinnen aus seiner eigenen Mannschaft direkt betroffen seien: "Man hat Dinge mit ihnen gemacht, die sie nicht wollten." Später zog er diese Aussage wieder zurück. Alles ein großes Missverständnis, sagt er inzwischen, seine Mädchen seien immer gut behandelt worden. Und er selbst wisse eigentlich auch von nichts.

Pascale Solages, eine führende Frauenrechtsaktivistin in Haiti, kennt das. "Oft schweigen die Opfer aus Scham," sagt sie. Besonders schwierig sei es, wenn die Täter Autoritätspersonen seien, wie im Falle des FHF-Präsidenten: "Jean-Bart hat Macht, deshalb kann er Opfer einschüchtern, er kann Familien einschüchtern, er kann Institutionen einschüchtern."

Ein Fußballverein außerhalb Haitis, bei dem bis vor kurzem auch eine haitianische Spielerin unter Vertrag stand, erklärte: "Wir sind sehr besorgt über die Situation. Wir finden diese Vorwürfe sehr verstörend." Der ehemaligen Spielerin würden sie Unterstützung anbieten.

Schwere Vorwürfe

Ende März machte die britische Zeitung "The Guardian" die Anschuldigungen erstmals öffentlich. Die DW führte zahlreiche Gespräche mit verschiedenen Quellen, um die Vorwürfe eigenständig zu überprüfen. Auch Jean-Bart wurde um ein Interview gebeten, ließ die Anfrage jedoch unbeantwortet.

Der "Guardian" beschreibt detailliert, wie Jean-Bart junge Spielerinnen am nationalen Trainingscenter dazu gezwungen haben soll, mit ihm Sex zu haben. Mindestens zwei Mädchen hätten ein Kind von ihm abgetrieben. In einem weiteren Artikel heißt es außerdem, dass Spielerinnen und ihre Familien nach den ersten Berichten über den Missbrauch Todesdrohungen erhalten hätten.

Die Polizei in Haiti ist nach eigenen Angaben dabei, die Vorwürfe zu untersuchen. In einer Stellungnahme wies Jean-Bart die Vorwürfe zurück. Sie seien ein Komplott, um ihn aus dem Haitianischen Fußballverband zu vertreiben. Die FHF stellte sich bislang hinter Jean-Bart.

Der Weltfußballverband FIFA suspendierte Jean-Bart indes für 90 Tage. In dieser Zeit soll die Ethik-Kommission den Fall untersuchen und mithilfe einer eigenen Arbeitsgruppe auch vor Ort Beweise sammeln. Entsprechend der FHF-Regeln ist für die Zeit der Suspendierung der längste amtierende Vizepräsident des Haitianischen Verbandes, Joseph Varieno Saint-Fleur, zum Interimspräsidenten gewählt worden.

Große Macht

Zwanzig Jahre lang hat Jean-Bart den Fußball in Haiti angeführt. Informanten zeichnen das Bild eines mächtigen Mannes mit Verbindungen in Politik und Medien, weit über den Fußball hinaus. Der ehemalige Journalist besitzt unter anderem einen eigenen kommerziellen Radiosender.

Ein Weg, über den Jean-Bart seine Macht ausüben konnte, ist die Vergabe von Visa - ein wertvolles Gut in einem der ärmsten Länder der Welt. Diese Visa, so erfuhr die DW in mehreren Gesprächen, sollen von Jean-Bart als Belohnung für loyales Verhalten eingesetzt worden sein, sowohl bei Spielerinnen als auch bei Journalisten. "Man hat wirklich eine große Macht, wenn man Menschen die Möglichkeit geben kann, zu reisen und das Land zu verlassen," so eine Quelle.

Ein weiterer Informant sagte der DW, dass es schlichtweg unmöglich gewesen sei, den Präsidenten zu kritisieren, weil man im Gegenzug mit Repressalien und dem Verlust von Privilegien rechnen musste. Aus diesem Grund wüssten die Opfer nicht, wem sie trauen könnten, und wären zu verängstigt, um auszusagen, wenn man sie auf die Vorwürfe anspricht.

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