Sexuelle Appetenzstörung: Kein Sex ist (k)eine Katastrophe | Wissen & Umwelt | DW | 02.08.2019
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Sexuelle Appetenzstörung: Kein Sex ist (k)eine Katastrophe

Franziska könnte gut auf Sex verzichten. Sie leidet unter sexueller Appetenzstörung – sexuelles Verlangen kennt sie kaum. Ihre Ehe leidet mit. Denn eine Beziehung ohne Sex kann ja nicht funktionieren. Oder?

Wenn Franziska merkt, dass ihr Mann mit ihr schlafen möchte, verkrampft sich ihr Körper. Mach ich's oder mach ich's nicht, fragt sie sich dann. Ein paarmal ist eine solche Situation in einer Panikattacke eskaliert.

"Sex ist das absolut schlimmste Problem unserer Beziehung", sagt Franziska. Die 37-jährige Psychologin ist seit 20 Jahren mit ihrem Mann zusammen. Das Paar hat zwei Kinder und ein großes Problem: Er hat gerne viel Sex. Ihr Verlangen hingegen geht gegen null.

Für die Beziehung ist das eine extreme Belastung. "Ich stehe dauerhaft unter Druck", sagt Franziska. Wenn ihr Mann mit ihr schlafen möchte, tut sie ihm den Gefallen und verletzt permanent ihre eigenen Grenzen. Manchmal sagt sie auch nein. "Das ist keine intuitive, sondern eine rationale Entscheidung. Je nachdem, wie lange das letzte Mal her ist." Ist es zu lange her, empfindet sie den Sex als ihre Pflicht. Sex - das bedeutet für Franziska und ihren Mann vor allem Kummer und Streit. 

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Sex? Nein, danke!

Das, worunter Franziska und ihre Beziehung leiden, nennt sich sexuelle Appetenzstörung, auch bekannt als Hypoactive Sexual Desire Disorder (HSDD). Betroffene haben keine oder wenig sexuelle Phantasien. Auf erotische Stimulationen reagieren sie nur selten oder gar nicht mit sexuellem Verlangen.

Als Psychologin hat Franziska beobachtet, dass ihre fehlende Lust und ihre Reaktion auf bestimmte Berührungen auf traumatische Erlebnisse in der Vergangenheit hindeuten könnten. Erinnern kann sie sich allerdings an nichts. Die Therapien, denen sie sich deshalb unterzogen hat, haben auch kein Licht ins Dunkel bringen können.

Franziska fühlt sich unzulänglich, als sei sie keine richtige Frau. Sie kann dem Mann, den sie liebt, nicht geben, was er sich wünscht. Und das, obwohl sie alles Mögliche versucht haben: von Sexspielzeugen und Pornos bis hin zu Medikamenten. Franziska hat ihren Hormonhaushalt überprüfen lassen. Alles bestens. 

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Wer ist hier gestört?

Wäre Franziska Single, wäre tatsächlich alles bestens. Sie könnte sehr gut ohne Sex leben. Zum Problem, zur Störung, wird die fehlende Lust meist erst innerhalb einer Liebesbeziehung. Viele Paare setzen auf Sexualtherapeuten wie Gertrud Wolf.

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Wolf ist kein großer Fan von dem Begriff der sexuellen Störung. Die Fokussierung auf die sexuelle Funktionsstörung führe dazu, dass am eigentlichen Problem vorbeioperiert wird: dem angeknacksten Selbstwertgefühl.

Sie lässt die Paare eine typische Situation beschreiben: Abends im Bett, er fasst sie an. Sie dreht sich weg, signalisiert, dass sie nicht will. "Wie fühlt sich das an?", will Wolf dann wissen. "Unzulänglich", "unter Druck gesetzt" und "ungeliebt" gehören zu den häufigsten Antworten, sagt die Therapeutin. "Diese Paare haben meist gar kein sexuelles Problem. 'Ich weiß nicht, wohin mit meinem Sperma' sagt ja keiner. Das, was ihnen zu schaffen macht, ist das Gefühl ungeliebt zu sein und abgelehnt zu werden."

Wolf hat noch aus einem anderen Grund ein Problem mit dem Wort "Störung". Ein bestimmtes Verhalten werde so pathologisiert, sexuelle Lust zur Norm und Unlust zur gestörten Abweichung erklärt. "Ich würde das so wenig wie möglich als Störung sehen", sagt sie. "Das ist doch verrückt. Das wäre ja so, als würde man seinem Nachbar vorwerfen, er sei zu leise und habe deshalb eine Störung." 

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Keine Lust? Kein Problem!

Deshalb rät Wolf Menschen wie Franziska dringend, Druck rauszunehmen. "Die wichtige Botschaft ist: 'Das ist nicht schlimm! Wir müssen keinen Sex haben, um uns vollständig zu fühlen'." Stattdessen sollte der Fokus einer Therapie darauf liegen, das Selbstwertgefühl des Patienten zu stärken.

Einige Paare, sagt Wolf, fänden einen sehr kreativen Umgang mit ihrer unterschiedlich großen Lust. Sie erzählt von einem Ehepaar, das kaum noch Sex hat, weil sie kein Verlangen spürt. Sie erlaubt ihm deshalb, mit anderen Frauen zu schlafen. Auf diese Weise zollen beide ihren Bedürfnissen und ihrer Liebe zueinander Tribut.

Bei Franziska und ihrem Mann hat eine handfeste Ehekrise für einen neuen Umgang mit dem Thema Sex gesorgt. Sex ist seitdem nicht mehr das größte Problem. Die körperlichen Annäherungen sind vorsichtiger und Franziska erlaubt sich häufiger ein "nein". Ihr Partner hilft ihr dabei. "Mein Mann achtet sehr viel mehr auf meine Körpersignale."

Trotzdem sagt Franziska, dass, sollte irgendjemand auf die Idee kommen, Sex komplett abzuschaffen, sie sich nicht beschweren würde. 

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