Serbien: Mafia-Morde erschüttern Belgrad | Europa | DW | 31.07.2018
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Balkan

Serbien: Mafia-Morde erschüttern Belgrad

Der Mord an einem bekannten Anwalt war schon die 19. Mafia-artige Abrechnung in Serbien - allein in diesem Jahr. Kritiker vermuten, dass die enge Verstrickung von Drogenclans und Politik außer Kontrolle gerät.

Ein "klassischer Hinterhalt" sei das gewesen, schrieb die Belgrader Presse nach dem Mord an dem angesehenen Anwalt Dragoslav Ognjanović (57) am Samstagabend. Die Leser sind mittlerweile mit dem Mafiajargon bestens vertraut - es war bereits das 19. Opfer allein in diesem Jahr, das dem Bandenkrieg in Serbien zum Opfer fiel. Den Juristen trafen die Schüsse am Samstag vor seiner Wohnung, sein 26-jähriger Sohn erlitt dabei Verletzungen am Arm. Zu Verhaftungen kam es bislang nicht.

Ognjanović war kein Unbekannter. Anfang der 2000er Jahre gehörte er zum juristischen Beraterteam des früheren serbischen Präsidenten Slobodan Milošević, der sich bis zu seinem Tod wegen Kriegsverbrechen verantworten musste. In den letzten Jahren zählten einige der prominentesten Figuren der serbischen Unterwelt zu Ognjanovićs Mandanten. Die Ermordung löste einen einwöchigen Streik seiner Kollegen aus - landesweit.   

"Wer wird es jetzt wagen, die Mandanten anwaltlich zu betreuen, die mit Mafiagruppen und Ermordungen zu tun haben?", empört sich Božo Prelević, ein bekannter Anwalt und ehemaliger Co-Innenminister. Die Mörder hätten eine deutliche Botschaft an die Anwälte gesendet, sagt Prelević im DW-Gespräch. 

Serbien Dragoslav Ognjanovic (Getty Images/AFP/D. Dilkoff)

Dragoslav Ognjanović vertrat zuletzt einen der wichtigsten serbischen Mafiosi

Die Spuren führen nach Montenegro

Kenner der Belgrader Unterwelt behaupten, dass sich auch der jüngste Mord in die Reihe blutiger Abrechnungen zweier verfeindeter Drogenringe eingliedert. Ognjanović vertrat zuletzt Luka Bojović, einen der bekanntesten serbischen Mafiabosse. Obwohl er in einem spanischen Gefängnis sitzt, führt Bojović angeblich seine Balkangeschäfte weiter. In den vergangenen Jahren wurden in Belgrad mehrere Personen, die ihm nahe standen, ermordet, auch sein Bruder.

Die beiden auf dem Drogenmarkt konkurrierenden Clans stammen aus Škaljari und Kavač, zwei benachbarten Ortschaften in der Bucht von Kotor in Montenegro. Vornehmlich bekriegen sie sich aber auf den Straßen von Belgrad, das nach wie vor als Hochburg der organisierten Kriminalität gilt.

Nicht wenige vermuten dahinter enge Verstrickungen mit Politik, Polizei und Justiz. Von 124 Mafia-Morden, die der Belgrader Recherchebund KRIK seit 2012 registriert hat, wurden bis heute nur neun Fälle restlos aufgeklärt. In 87 Fällen gibt es nicht einmal Verdächtige. "Nicht zu vergessen ist, dass eine der Parteien in diesem Mafiakrieg die offene Unterstützung des Staates hat", twitterte der KRIK-Chefredakteur Stevan Dojčinović.

Präsident Aleksandar Vučić regiert seit sechs Jahren das Balkanland mit eiserner Faust. Die größten Medien sind an seiner kurzen Leine, die Opposition fast nicht existent. Die fehlende Unabhängigkeit der Justiz, die mangelnde Pressefreiheit sind immer wieder Anlass für Kritik in den EU-Fortschrittsberichten des Balkanlandes.

Während der Weltmeisterschaft in Russland wurde auf einem Foto der 20-jährige Präsidentensohn Danilo Vučić jubelnd auf der Tribüne gezeigt. Er war umkreist von einigen bekannten Gesichtern aus dem kriminellen Milieu und trug dasselbe T-Shirt mit einer "patriotischen" Aufschrift. 

Deswegen glaubten nur ganz wenige dem Präsidenten, als er behauptete, sein Sohn sei nur zufällig neben diesen Personen gewesen. Zumal dieselben Tribünen-Genossen im Mai vergangenen Jahres als Sicherheitskräfte fungierten, als Vučić medienwirksam vereidigt wurde. Dabei bekamen mehrere Demonstranten und Journalisten Prügel ab. 

Aleksandar Stanković Überwachungskamera (Partizan Belgrad)

Der 2016 ermordete Aleksandar Stanković: Das Bild wurde von einer Sicherheitskamera am Station von Partizan Belgrad aufgenommen

Außer Kontrolle 

Die Kriminellen unter Vučićs Vertrauten wurden bis Oktober 2016 vom berüchtigten Aleksandar Stanković angeführt, der enge Beziehungen zum Clan aus Kavač pflegte. Damals wurde Stanković in Belgrad erschossen, auch das ein "klassischer Hinterhalt". Davor durfte er jahrelang auf freiem Fuß bleiben, obwohl ein rechtskräftiges Urteil über fast sechs Jahre Haft wegen Drogenverkaufs und versuchtem Mord gegen ihn verhängt wurde. 

Stanković besorgte zwölf Mal verschiedene ärztliche Atteste, um den Haftantritt zu verhindern, besuchte währenddessen aber Fußballspiele von Partizan Belgrad - und das regelmäßig. Eine solche Schonfrist genießt normalerweise nur jemand mit höchsten Verbindungen zur Politik.

"Serbien versinkt in Drogen. Und man sieht, dass dieselben Kriminellen rund um die Regierungspartei kreisen", sagt Anwalt Prelević. Der übermächtigen Fortschrittspartei des Staatschefs werden auch die Verteilung öffentlicher Aufträge und lukrativer Jobs an treue Anhänger vorgeworfen. "Dieser Knotenpunkt von Kriminalität, Geld und Politik zerstört das Land und das Rechtssystem."

Doch auch die schärfsten Kritiker des Präsidenten gehen nicht so weit zu behaupten, dass Vučić die zahlreichen Mafia-Morde in seinem Land billigt. Der starke Mann Serbiens versucht vielmehr, sich als zupackenden Kämpfer gegen das Verbrechen darzustellen. Aber die Gesetzlosigkeit sei, einmal in Gang gesetzt, wie eine zu spät entdeckte Krebserkrankung, schrieb der Belgrader Richter Miodrag Majić auf Twitter: Man kann sie nicht kontrollieren.

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