Sehnsucht nach Freiheit: Angela Merkel, Bruce Springsteen und die DDR | Kultur | DW | 06.11.2019
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Musikgeschichte

Sehnsucht nach Freiheit: Angela Merkel, Bruce Springsteen und die DDR

Als Bürgerin der DDR wäre Angela Merkel gern mit dem Auto durch die USA gefahren - mit Bruce Springsteens Musik. 1988 spielte "The Boss" vor Hunderttausenden in Ost-Berlin. Nicht nur ihnen vermittelte er Hoffnung.

Bruce Springsteen-Konzert in Ost-Berlin 1988 (picture-alliance/dpa)

160.000 oder doppelt so viele? Bruce Springsteen zog 1988 die Massen in Ost-Berlin an.

Mit Einblicken in ihr Privatleben und ihre intime Gedankenwelt geht Angela Merkel für gewöhnlich sparsam um. Im Interview mit dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" erzählte die Bundeskanzlerin jetzt von ihrem Fernweh damals in der DDR, als sie eine junge Frau war. "Meine erste weite Reise wollte ich nach Amerika machen. Wegen der Größe, der Vielfalt, der Kultur. Die Rocky Mountains sehen, mit dem Auto herumfahren und Bruce Springsteen hören - das war mein Traum."

Der US-amerikanische Rocksänger verkörpert bis heute den Drang nach Freiheit und Selbstentfaltung der sogenannten kleinen Leute. Jenseits der Mauer hatte diese Sehnsucht eine noch viel größere Bedeutung. Legendär ist das Konzert von Springsteen im Juli 1988 in Ost-Berlin - auf der Radrennbahn Weißensee. Wie viele Menschen Springsteen mit seiner Band damals live erlebten, ist fraglich. Die Schätzungen schwanken zwischen 160.000 und mehr als 300.000.

Seinen vierstündigen Auftritt eröffnete "The Boss" mit dem legendären Song "Badlands" von 1978, in dem es heißt: "You wake up in the night / With a fear so real / Spend your life waiting / For a moment that just don't come / Well don't waste your time waiting" ("Du wachst in der Nacht auf / Mit einer realen Angst / Verbringst dein Leben damit zu warten / Für einen Moment, der einfach nicht kommt / Verschwende deine Zeit nicht damit zu warten"). 

Bruce Springsteen Amerika London Wembley Stadion Großbritannien (picture-alliance/dpa)

Der US-amerikanische Rocksänger Bruce Springsteen kam 1988 zu einem Konzert nach Ost-Berlin

Ein wahr gewordener Traum

Für die meisten im Publikum war Springsteens Auftritt in Ost-Berlin ein Ereignis, auf das sie Jahre zuvor kaum zu hoffen gewagt hätten. In der Arte-Dokumentation "Kalter Krieg der Konzerte" erinnert sich eine Besucherin, dass der Auftritt wie ein schöner Traum gewesen sei "von dem man dachte, er würde nie in Erfüllung gehen".

Aber es gab damals auch kritische Töne: Auftritte von Künstlern und westlichen Bands wie Depeche Mode, Joe Cocker, Udo Lindenberg oder Bob Dylan hätten dem DDR-Staatsapparat  gegen Ende der 1980er-Jahre lediglich als Mittel zum Zweck gedient - der Ruhigstellung der Bevölkerung.

Bruce Springsteen, Inbegriff eines US-Amerikaners, ein Superstar des kapitalistischen Klassenfeindes. Um die sozialistische Idee der DDR-Ideologie nicht zu gefährden, erklärten die Organisatoren das Konzert kurzerhand zur Solidaritätsveranstaltung für Nicaragua. Das Parteiorgan "Neues Deutschland" bezeichnete Springsteen damals als "Sänger der Armen und Entrechteten", den Opfern des Kapitalismus.

Acht Alben hatte Springsteen vor der Maueröffnung aufgenommen. Ganz besonders warteten die Besucherinnen und Besucher des Ost-Berliner Konzertes auf den Titelsong seines 1984 veröffentlichten Albums "Born in the U.S.A.". Den Refrain überließ der Sänger damals seinem Publikum. Obwohl Springsteen in dem Song ein kritisches Porträt seines Heimatlandes zeichnet, stand er für die begeisterten Zuhörer sinnbildlich für die USA als Anführer der freien Welt.

Manifestes Verlangen nach Weite

Ob Angela Merkel das Konzert damals besucht hat oder es zumindest versucht hat, an Karten zu kommen, ist zweitrangig. Aber sie wollte mit der Musik von Springsteen durch die USA reisen, durch den mittleren Westen, nicht in einem chromblitzenden Straßenkreuzer, wie sie im "Spiegel"-Interview erzählt, aber begleitet von einem rauen und manifesten Verlangen nach Weite.

Bruce Springsteen war einer der ersten Vertreter des Heartland Rock, einer Stilrichtung des Rock, die zwischen Anfang und Mitte der 1980er-Jahre sehr erfolgreich war. Als "Heartland" bezeichnen die US-Amerikaner die nicht an den Küsten gelegenen Staaten, darunter der Mittlere Westen mit Angela Merkels absoluten Sehnsuchtsort, den Rocky Mountains.

Musiker des Heartland-Genres benannten in ihren Texten soziale und gesellschaftliche Probleme der weißen Arbeiterschicht, der die Musik als Katalysator zur Flucht aus diesem Alltag diente. Sie symbolisierten, dass auch Menschen, die in scheinbarer Freiheit lebten, Grund haben konnten, nach Freiheit zu gieren. 

Angela Merkel im Auto (Reuters/A. Oikonomou)

Angela Merkel hat vielleicht öfters Bruce Springsteens "Who'll Stop the Rain" gehört.

Aufs Glück hoffen, wenn sonst nichts mehr geht

"Everything dies baby that's a fact / But maybe everything that dies someday comes back / Put your makeup on fix your hair up pretty and / Meet me tonight in Atlantic City", singt Springsteen auf dem 1982 aufgenommenen "Atlantic City" ("Alles stirbt, Baby, das ist Fakt / Aber vielleicht kommt alles, was eines Tages stirbt, zurück / Leg dein Make-up auf und richte deine Haare und / Triff mich heute Abend in Atlantic City").

Es handelt einmal mehr von Menschen, die sich nicht unterkriegen lassen, die trotz Perspektivlosigkeit immer wieder die verbliebenen Reste ihrer Hoffnung zusammenkratzen und an ihr Glück glauben. Auch wenn sonst nichts mehr geht, wenn alles schief läuft, ist noch alles möglich. Schließlich ist das hier das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. 

Das Magische an der Musik war und ist, dass man nicht einmal den Text verstehen muss, um deutlich zu spüren, um was es geht. Auch deshalb war Bruce Springsteen für die Bürgerinnen und Bürger in der DDR ein Hoffnungsträger. "Der ist echt irre, wir finden seine Musik ganz toll - vor allen Dingen, ob man das überhaupt noch mal erlebt, das weiß man doch gar nicht", sagte eine Konzert-Besucherin 1988 der "Abendschau" im Sender Freies Berlin.

Sie und auch die anderen Konzertbesucher konnten im Sommer 1988 nicht wissen, dass die Mauer sechzehn Monate später fallen würde. 

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