Sechs Monate COVID-19 - eine Zwischenbilanz | Wissen & Umwelt | DW | 03.07.2020
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Coronavirus

Sechs Monate COVID-19 - eine Zwischenbilanz

Ein halbes Jahr ist vergangen, seit das Virus SARS-CoV-2 weltweit bekannt wurde. Seitdem haben Forscher allerhand darüber herausgefunden und sind auch bei der Bekämpfung weitergekommen. Hier die wichtigsten Punkte.

Coronavirus - Virus Sars-CoV-2 COVID-19 (picture-alliance/AP/NIAID-RML)

Diese Aufnahme zeigt SARS-CoV-2, das aus der Oberfläche von Zellen austritt

Vor einem halben Jahr, Anfang der zweiten Januarwoche, gaben die chinesischen Behörden erstmals öffentlich bekannt, dass ein neuartiges Virus  in der Stadt Wuhan grassiert.

Hier eine Bestandsaufnahme, was bis jetzt über das Virus bekannt geworden ist und wie weit die Medizin bei der Bekämpfung von SARS-CoV-2 vorangekommen ist: 

Ursprung des Virus

Als die Behörden die Existenz des Virus bekannt machten, lag die Erstinfektion eines Menschen durch ein Wirbeltier offenbar schon einige Wochen zurück. 

Anfangs hatten die Behörden offenbar versucht, Hinweise zu unterdrücken.  Bis heute ist nicht genau geklärt, wann und wo das Virus vom Tier auf den Menschen übergesprungen ist. Als wahrscheinlich gilt eine Übertragung von der Fledermaus auf einen Zwischenwirt, vielleicht einen Marderhund, und dann auf den Menschen. So begann die  Pandemie,  die noch heute in vollem Gange ist. 

Eigenschaften des Virus

Chinesische Virologen haben in Rekordzeit die Erbinformation des Erregers entschlüsselt. Bereits am 21. Januar veröffentlichten sie die die Genomstruktur,  und drei Tage später eine genaue Beschreibung des Virus. Damit konnten Mediziner und Mikrobiologen weltweit Medikamente und Impfstoffe entwickeln. 

Typisch für das Virus sind die an seiner Oberfläche sitzenden Spike-Proteine (ACE-2). Diese sind für die Bindung an die Wirtszelle entscheidend. Daher konzentriert sich ein Großteil der Medikamenten- und Impfstoffentwicklung darauf, dieses Protein zu binden, zu blockieren oder anderweitig unwirksam zu machen. 

Mehr dazu: Coronavirus: Was steckt hinter den Fachausdrücken?

Illustration Mikroskop Coronavirus (picture-alliance/Newscom/CDC)

Das Coronavirus im Modell: Am markantesten ist das Spike-Protein (S), was die typischen Kronenzacken bildet.

Übertragung

Mittlerweile steht - unter anderem durch die Heinsberg Studie -  fest, dass sich das Virus insbesondere im Rachenraum und in der Lunge festsetzt. Die größte Infektionsgefahr besteht neben direkten Schmierinfektionen durch Aerosole. Diese verbreiten sich etwa durch Klimaanlagen, wie in der Fleischindustrie,  besonders gut.

Sehr gefährlich sind geschlossene Räume mit vielen Menschen. Deshalb waren Lockdown-Maßnahmen, die Schließung von Unterhaltungsbetrieben und die Absage von Messen und Großveranstaltungen auch sehr wirksam bei der Eindämmung der Seuche.

Video ansehen 02:32

Virenschleuder Fleischfabrik

Die größten Infektionsketten, ließen sich auf sogenannte Superspreader-Events zurückführen.

Der Einsatz eines Mund-Nase Schutzes hat sich in fast allen Staaten der Welt mittlerweile durchgesetzt. Viele Mediziner stellen jedoch in Frage, ob die meisten Menschen überhaupt in der Lage sind, diesen im Alltag so einzusetzen, dass er eine potentielle Virenübertragung verhindern kann. 

Sinnvoller sei allemal Händewaschen, Abstand halten und permanent gründliches Lüften.

Auch wenn bestimmte Haustiere wie Katzen, Frettchen und Goldhamster sich bei Menschen infizieren können, spielen diese bei Infektionsketten keine nachweisbare Rolle. 

Symptome und Risikogruppen

Anfangs kursierte noch die These, dass das neuartige Virus kaum gefährlicher sei als eine saisonale Grippe. Mittlerweile wissen es die Mediziner aber besser: Die Erkrankung ähnelt von ihrer Gefährlichkeit eher der verheerenden Spanischen Grippe von 1918. Zwar kann eine SARS-CoV-2 Infektion bei vielen Menschen symptomfrei verlaufen, andere erkranken dafür an COVID-19 sehr schwer.

Video ansehen 02:37

93-jähriger besiegt COVID-19

Wen das betrifft, ist nicht eindeutig zu sagen. Stärker gefährdet sind Menschen mit Vorerkrankungen, ältere Menschen, Personen mit Blutgruppe A und Männer.

Pathologen, die COVID-19 Opfer untersucht haben,  konnten bestätigen, dass Bluthochdruck, Diabetes, Krebs, Nierenversagen, Leberzirrhose und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu den gefährlichsten Vorerkrankungen gehören. Grundsätzlich kann ein schwerer Verlauf aber alle treffen.

Krankheitsverlauf

Leichte Formen von COVID-19 können wie eine Erkältung wirken. Typisch sind Rachenschmerzen, Atemprobleme und ein Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns. 

Bei schweren Verläufen kann es  hingegen zu einer lebensgefährlichen Multi-Organ-Erkrankung kommen. 

Oft führen diese zu einer Sepsis  – einer oft tödlich verlaufenden Überreaktion des Immunsystems, die das eigene Gewebe und die eigenen Organe angreift.

Bei der Schwere des Krankheitsverlaufes spielt es also eine große Rolle, wie stark das Immunsystem  auf den Erreger reagiert. 

Mehr dazu: Schwere Hirnschäden selbst bei leichten COVID-19-Symptomen möglich

Behandlung

Zu Beginn der Corona-Pandemie wurden viele Patienten mit schweren Verläufen frühzeitig künstlich beatmet (intubiert) und sind trotzdem gestorben.

Mittlerweile sind Intensivmediziner von der standardmäßigen Beatmung wieder abgerückt, weil sich die Einsicht der Lungenärzte durchgesetzt hat, dass eine künstliche Beatmung unter Überdruck in der Lunge mehr Schaden anrichten als helfen kann.

Solange die Patienten in der Lage sind, selbst zu atmen, bekommen sie Sauerstoff, ohne an ein Atemgerät angeschlossen zu werden. Nur im äußersten Notfall kommt jetzt eine Intubation in Frage.

In vielen Fällen, wenn die Nieren durch COVID-19 schwer geschädigt sind, ist zudem eine Dialyse notwendig. Auch berücksichtigt die Intensivbehandlung nun die anderen geschädigten Organe stärker. 

Der Heilungsprozess kann in spezialisierten Kliniken durch die Gabe von Antikörpern aus dem Blut geheilter COVID-19-Patienten beschleunigt werden. Dann nimmt das Immunsystem aus dem Spenderblut den Kampf gegen das Virus im Körper des Patienten auf, der die Spende empfangen hat.

Grundsätzlich müssen COVID-19-Patienten nach der intensivmedizinischen Behandlung langwierige, individuell zugeschnittene Rehabilitationsmaßnahmen  durchlaufen, die auch ihre spezifischen Vorerkrankungen und mögliche Organschäden berücksichtigen. 

Bislang keine überzeugenden Medikamente

Das einzige pharmazeutische Medikament, bei dem bisher feststeht, dass es den Krankheitsverlauf verkürzen kann, ist Remdesivir. Deshalb ist es gerade auf dem Markt heiß umkämpft. 

Ein Wundermittel ist es aber nicht. Es verkürzt bei mit Patienten, die Sauerstoff erhalten, den Heilungsprozess um wenige Tage. Aber es verbessert nicht ihre Überlebenschancen. 

Ärzte versuchen auch weitere auf dem Markt befindliche Medikamente gegen das Coronavirus in Stellung zu bringen. Dazu gehören etwa der Entzündungshemmer Dexamethason,  der RNA-Polymerasehemmer Avigan und das Malaria-Mittel Hydroxylchloroquin. Bei den ersten beiden Medikamenten ist die Wirksamkeit und Sicherheit noch nicht abschließend erwiesen, beim dritten gibt es daran sogar starke Zweifel.

Wie weit ist die Impfstoffentwicklung?

Weltweit sind inzwischen mindestens 160 Impfstoffprojekte angelaufen (Stand: 29.6.2020). Diese teilen sich im Wesentlichen in drei Impfstofftypen  auf: Lebendimpfstoffe, Totimpfstoffe und genbasierte RNA-Impfstoffe.

Video ansehen 03:22

Ein Impfstoff im Schnellverfahren

Bei letzteren betreten die Mediziner allerdings Neuland, weil es bisher keine derartigen zugelassenen Impfstoffe gibt. Beide derzeit in Deutschland für die kombinierte  Phase 1 und 2 Erprobung zugelassenen Impfstoff-Kandidaten von Biontec  und CureVac  sind solche RNA-Impfstoffe.

Daneben gibt es einen bereits zugelassenen Tuberkulose-Impfstoff, der sich allerdings nicht direkt gegen SARS-CoV-2 richtet, sondern die angeborene Grundimmunität der Menschen stärkt. Diesen versuchen Forscher am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie  in Berlin derzeit genetisch zu verbessern. 

Fünf Impfstoffe befanden sich nach Information der WHO Ende Juni 2020 weltweit in der Phase 1  der Erprobung am Menschen, in der es um die Sicherheit des Impfstoffes geht. Sieben sind in kombinierten Phase 1/ Phase 2 - Tests, wo auch die Immunantwort getestet wird und nur ein Impfstoff  befindet sich bereits in Phase 3, wo es um den Nachweis der Wirksamkeit gegen den Erreger in der Praxis geht. 

Wann kommt endlich die Impfung?  

Optimisten hoffen, dass ein nutzbarer Impfstoff noch bis Ende des Jahres  auf den Markt kommt. Andere sprechen vom nächsten Jahr. Tatsächlich ist aber derzeit noch nicht abzusehen, ob und wann eine Impfung gegen SARS-CoV-2 auf den Markt kommt, die für viele Menschen geeignet ist.

Wird ein Impfstoff zugelassen, ist die Massenproduktion eine weitere Herausforderung. Das wäre ein Vorteil der genbasierten RNA-Impfstoffe, die relativ schnell produziert werden können.

Einschlägige Pharmaunternehmen wie das Serum Institute of India bereiten bereits jetzt größere Produktionskapazitäten vor, auch wenn sie noch nicht wissen, welchen Wirkstoff sie am Ende produzieren werden. 

Wann kommt es zu einer Herdenimmunität?

Es infizieren sich zwar immer mehr Menschen weltweit. Bis Ende Juni waren es gut zehn Millionen Menschen. Die Weltbevölkerung ist mit ihren 7,8 Milliarden aber noch weit davon entfernt, dass die Erkrankungen zu einer relevanten Immunität führen. 

Zudem ist unklar, ob genesene Patienten dauerhaft immun  gegen das Virus bleiben. Ob jemand Antikörper gegen das Virus in sich trägt, lässt sich mit einem serologischen Test aus dem Blut ermitteln. Ein Abstrich mit dem Wattestäbchen kann durch einen Gen-Test Klarheit bringen, ob jemand akut erkrankt und ansteckend ist. 

Mehr dazu: FAQ, die die Welt bewegen