Sebastian Vettel - der rote Patient | Sport | DW | 12.08.2020
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Formel 1

Sebastian Vettel - der rote Patient

Ex-Weltmeister Sebastian Vettel fährt der Konkurrenz in der Formel 1 nur noch hinterher. Das Verhältnis zu Noch-Arbeitgeber Ferrari ist zerrüttet, die Zukunft des Deutschen in der Königsklasse des Motorsports ungewiss.

"Ihr wisst, dass ihr es verbockt habt." So klar hat Sebastian Vettel noch nie Kritik am eigenen Rennstall geübt - schon gar nicht für alle gut hörbar über den Boxenfunk beim Jubiläums-Rennen in Silverstone am vergangenen Wochenende. Dass es für den vierfachen Weltmeister aus Deutschland bei Ferrari nicht rund läuft, ist schon längere Zeit Fakt. So schlecht wie momentan war die Situation allerdings noch nie. In den ersten fünf Rennen der Saison fuhr Vettel zweimal auf den zehnten Platz, einmal - beim Großen Preis von Ungarn - immerhin auf den sechsten. Beim zweiten Saisonrennen in Österreich kam er gar nicht ins Ziel, weil sein Teamkollege Charles Leclerc in ihn hineinraste und Vettels Boliden zerstörte.

In Silverstone reichte es für den Deutschen nur für den zwölften Platz. Die Lust am Fahren hat Vettel verloren, zumindest macht ihn die Arbeit im Ferrari momentan keinen Spaß mehr - und das hat mehrere Gründe.

1. Der Rennstall:

Das Vertrauensverhältnis zur sportlichen Führung der Scuderia Ferrari ist nicht mehr vorhanden. Teamchef Mattia Binotto verkündete Vettels Abschied zum Saisonende und sprach von einer "einvernehmlichen Trennung". Vettel widersprach später. Es habe gar kein Gespräch gegeben. Dass mit Carlos Sainz jr. unmittelbar nach Bekanntgabe des Vettel-Abschieds schon der Nachfolger präsentiert wurde, hat sicher nicht zu Vettels guter Laune beigetragen. Mittlerweile wächst sich die interne Missstimmung zur Kommunikationskrise aus. Mal schweigt Vettel demonstrativ lange, bevor er Fragen über Funk beantwortet. Bei Interviewrunden bleibt er nur gerade solange neben Binotto sitzen, wie er muss. Zwar ist Vettels schlechte Laune nachvollziehbar, jedoch schadet sich der Ex-Weltmeister mit bockigem Verhalten selbst am meisten. Auch Ex-Formel-1-Fahrer und TV-Experte Ralf Schumacher rät Vettel, über den Dingen zu stehen und "das Beste aus seiner Situation zu machen".

2. Das Auto:

Das Beste, wenn man die sportliche Seite betrachtet, ist derzeit nicht viel. Vettels SF1000 ist nicht konkurrenzfähig. Dass er an den beiden vergangenen Wochenenden jeweils rundenlang hinter Pierre Gasly herfuhr und gegen dessen Alpha Tauri letztlich chancenlos war, spricht Bände. Eklatant ist aber nicht nur die Schwäche im Vergleich zur Konkurrenz sondern auch die im Vergleich zum eigenen Teamkollegen. Während Leclerc in Silverstone Dritter und Vierter wurde, kam Vettel gar nicht erst in die Punkte. Bekommt der Mann der Zukunft bei Ferrari vielleicht bessere Teile als die "lahme Ente" Vettel?

Formel 1 GP von Österreich | Sebastian Vettel, Ferrari (Imago Images/Hoch Zwei/Colombo Images)

Sebastian Vettel hat keine schlüssige Erklärung dafür, dass sein Auto so langsam ist

"Ich bin kein Verschwörungstheoretiker", sagte Vettel gegenüber dem TV-Sender RTL, aber es gebe "eine große Differenz zwischen Charles und mir, und ich bin mir nicht ganz sicher warum." Ex-Weltmeister Nico Rosberg geht sogar fest davon aus, dass es nicht an Vettel liegt, sondern am roten SF1000. "Sebastian ist einer der besten Fahrer aller Zeiten, der fährt keine halbe Sekunde langsamer als ein Leclerc. Da muss irgendwas grundlegend falsch sein am Auto." Ferrari bestreitet eine Ungleichbehandlung seiner beiden Piloten, aber das ungute Gefühl, dass vielleicht doch nicht alles gerecht zugeht, macht ein unbeschwertes Fahren für Vettel sicher nicht einfacher.

3. Die eigene Fehlerquote:

Es ist nicht von der Hand zu weisen: Keiner der Top-Fahrer hat sich in den vergangenen Jahren so viele individuelle Fehler geleistet wie Vettel. Der vielleicht folgenschwerste Patzer unterlief Vettel vor zwei Jahren beim Heimrennen auf dem Hockenheimring. Komfortabel in Führung liegend leistete sich Vettel einen Fahrfehler, rutschte von der regennassen Strecke und schied aus. Hätte er gewonnen, hätte er auch die Führung in der WM ausgebaut. Möglicherweise wäre er am Ende der Saison sogar Weltmeister geworden und die Debatten, die es heute um Vettel gibt, müssten gar nicht geführt werden.

Deutschland Formel 1 in Hockenheim - Lewis Hamilton (picture-alliance/dpa/J. Woitas)

Hat Sebastian Vettel sich 2018 in Hockenheim die Chance auf einen WM-Sieg im Ferrari selbst zerstört?

Doch es kam anders: Der Fehler in Hockenheim passierte, etliche weitere Fehler danach auch. Am Sonntag in Silverstone leistete sich Vettel gleich nach dem Start einen Dreher, der ihn auf den letzten Platz zurückwarf. Damit lieferte er seinem Rennstall Argumente, warum am Ende kein besseres Ergebnis drin war. "Ich glaube, das war der Knackpunkt, nicht die gewählte Strategie", konterte jedenfalls Binotto nach dem Rennen die Vorwürfe Vettels, der nicht gerade für eine ausgeprägte Kritikfähigkeit bekannt ist

4. Die ungewisse Zukunft:

Allein schon um zu zeigen, dass die Ferrari-Entscheidung gegen ihn falsch war, will Vettel gerne in der Formel 1 bleiben, allerdings sind seine Möglichkeiten begrenzt: McLaren und Renault - beides Rennställe, die für Vettel interessante Arbeitgeber gewesen wären - haben ihre freien Cockpits mit Daniel Ricciardo und Rückkehrer Fernando Alonso bereits besetzt. So bleiben im Grunde nur zwei Optionen: Die wahrscheinlichste schien lange, dass Racing Point Vettel unter Vertrag nimmt. Im nächsten Jahr wird das Team zum Aston-Martin-Werksteam. Vettel könnte dort seine Erfahrung einbringen und mit dem starken Mercedes-Motor dieser Saison fahren. Allerdings steht ihm mit Sergio Perez ein Fahrer im Weg, der noch einen gültigen Vertrag besitzt und der zudem potente mexikanische Sponsoren im Rücken hat, die Racing Point ungern verlieren würde.

Bleibt noch Red Bull als zweite Option - von Anfang an Vettels Wunschteam: Allerdings ist bei Vettels Ex-Team aktuell kein Platz frei. Würde Vettel daher auch in die zweite Mannschaft wechseln und sich in einen Alpha Tauri setzen? Vettel, der stets betont hat, "nicht bloß mitfahren" zu wollen, hält sich bedeckt. Er kann sich aber auch eine einjährige Auszeit oder sogar das endgültige Karriereende im Formel-1-Cockpit vorstellen.

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