Schwere Hirnschäden selbst bei leichten COVID-19-Symptomen möglich | Wissen & Umwelt | DW | 09.07.2020
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Wissen & Umwelt

Schwere Hirnschäden selbst bei leichten COVID-19-Symptomen möglich

Laut britischen Neurologen kann SARS-CoV-2 schwerwiegende Schäden am Hirn und am Zentralen Nervensystem auslösen, die Psychosen, Lähmungen und Schlaganfälle verursachen und oftmals nur spät erkannt werden.

Mittlerweile gibt es zahlreiche Hinweise, dass das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 nicht nur die Lungen und Atemwege, sondern auch andere Organe massiv angreift. Auch dem Herzen, den Gefäßen, Nerven, Nieren und der Haut kann es schwer zusetzen.

Britische Neurologen haben jetzt schockierende Einzelheiten in der Zeitschrift "Brain" veröffentlicht, wonach SARS-CoV-2 selbst bei Patienten mit leichten Symptomen oder bei bereits Genesenen schwerwiegende Hirnschäden verursachen kann. Oftmals werden diese Schädigungen nur sehr spät oder gar nicht erkannt.

Bei neun der 43 britischen COVID-19-Patienten diagnostizierten die Neurologen vom University College London (UCL) eine akute demyelinisierende Enzephalomyelitis (ADEM). Bei dieser entzündlichen Erkrankung kommt es zu einer degenerativen Zerstörung des Zentralen Nervensystems, die die Myelinscheiden der Nerven im Gehirn und Rückenmark betrifft. 

Unterschiedliche Folgeschäden

Von den untersuchten Patienten litten 12 an einer Entzündung des Zentralen Nervensystems, zehn an einer vorübergehenden Enzephalopathie (Gehirnerkrankung) mit Delirium oder Psychose, acht an Schlaganfällen und weitere acht an Problemen der peripheren Nerven, meist mit der Diagnose Guillain-Barré-Syndrom. Das ist eine Immunreaktion, die die Nerven angreift, Lähmungen hervorruft und in 5 Prozent der Fälle tödlich verläuft. Eine 59 Jahre alte Frau starb an der Komplikation.

Infografik Erkrankungen der Myelinscheide DEU

"Die Art und Weise, wie COVID-19 das Gehirn attackiert, haben wir bei anderen Viren noch nie zuvor gesehen", so Dr. Michael Zandi, leitender Autor der Studie und Berater an den University College London Hospitals. Ungewöhnlich sind vor allem die schwerwiegenden Hirnschädigungen selbst bei Patienten mit einer leichten Symptomatik.

Schäden werden oftmals nicht erkannt

Die jetzt veröffentlichten Fälle bestätigen die Befürchtungen, dass COVID-19 bei einigen Patienten langfristige gesundheitliche Probleme verursacht. Zahlreiche Patienten sind noch lange nach ihrer Genesung atemlos und müde. Andere Genesene leiden unter einem Taubheitsgefühl, Schwäche und Gedächtniseinschränkungen. 

"Biologisch gesehen hat ADEM einige Ähnlichkeiten mit der Multiplen Sklerose, aber sie verläuft schwerer und tritt in der Regel nur einmal auf. Bei einigen Patienten wird eine langfristige Behinderung zurückbleiben, andere werden sich gut erholen", so Michael Zandi.

Das gesamte Spektrum der durch SARS-CoV-2 verursachten Hirnerkrankungen und Spätfolgen sei möglicherweise noch gar nicht erfasst worden, so Zandi, da viele Patienten in Krankenhäusern zu krank sind, um sie mit Hirnscannern oder anderen Verfahren zu untersuchen. 

"Wir möchten Mediziner auf der ganzen Welt auf diese Komplikationen des Coronavirus aufmerksam machen", sagte Zandi. Ärzte und medizinisches Personal sollten bei Patienten mit kognitiven Symptomen, Gedächtnisproblemen, Müdigkeit, Taubheit oder Schwäche auf jeden Fall einen Neurologen konsultieren.

Schockierende Fallbeispiele

Veröffentlicht wurden auch berührende Einzelschicksale, etwa von einer 47-jährigen Frau, die nach einer Woche mit Husten und Fieber plötzlich Kopfschmerzen und ein Taubheitsgefühl in der rechten Hand verspürte. Im Krankenhaus wurde sie schläfrig und reagierte nicht mehr. Bei einer Notoperation musste ihr ein Teil des Schädels entfernt werden, um den Druck auf ihr geschwollenes Gehirn zu lindern. 

Eine andere 55-jährige Patientin ohne psychische Vorerkrankungen begann am Tag nach ihrer Krankenhausentlassung sich seltsam zu verhalten. Immer wieder zog sie ihren Mantel an und wieder aus und begann zu halluzinieren, sah Affen und Löwen in ihrem Haus. Wieder im Krankenhaus bekam sie antipsychotische Medikamente.

USA Grippewelle Spanische Grippe (picture-alliance/National Museum of Health and Medicine)

Die Spanische Grippe war eine Influenza-Pandemie, in der laut WHO zwischen 20 und 50 Millionen Menschen starben

Tausendfache Hirnschädigungen auch bei Spanischer Grippe

Die britischen Neurologen befürchten, dass die COVID-19-Erkrankung bei einigen Patienten subtile Hirnschäden hinterlassen könnte, die sich erst in den kommenden Jahren bemerkbar machen. Ähnliche Spätfolgen gab es laut Studie auch nach der verheerenden Spanischen Grippe 1918, bei der vermutlich bis zu einer Million Menschen Hirnschäden davon getragen haben.

"Wir hoffen natürlich, dass so etwas nicht passiert, aber wenn man eine so große Pandemie hat, die einen großen Teil der Bevölkerung betrifft, müssen wir wachsam sein", betont Michael Zandi vom UCL Queen Square Institute of Neurology.