Schwellenländer (mal wieder) im Krisenmodus | Wirtschaft | DW | 11.10.2018
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Weltwirtschaft

Schwellenländer (mal wieder) im Krisenmodus

Nach Argentinien will auch Pakistan beim IWF nach Krediten fragen, die Türkei und Brasilien schwanken und die Warnungen werden lauter: Die Krise der Schwellenländer könnten zunehmend auch der Weltwirtschaft zusetzen.

Noch im Wahlkampf hatte der pakistanische Staatschef Imran Khan verkündet, dass er sich eher umbringen würde, als im Ausland um Geld zu betteln. Die Sprüche weichen nun der Realität. So hat Pakistans Finanzminister Asad Umar sich mit der Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, über mögliche Finanzhilfen ausgetauscht.

Das Beispiel Pakistan spiegelt wieder, wovor der IWF erst am Mittwoch in seinem Bericht zur Stabilität der Finanzmärkte warnte. Ein erhebliches Risiko für die Weltwirtschaft ginge von der verstärkten Anfälligkeit der Schwellenländern aus, so die UN-Sonderorganisation.

Pakistan - Regierungschef Imran Khan hält eine Rede (picture alliance/dpa/MAXPPP/Kyodo)

Imran Khan - seit zwei Monaten im Amt und nun vorstellig beim Internationalen Währungsfonds

Etliche Wackelkandidaten wie Argentinien und Türkei

Pakistan wäre nicht das erste Land, das sich aktuell wieder Geld vom Weltwährungsfonds borgen muss. So hat der IWF in diesem Jahr bereits Argentinien mit 50 Milliarden Dollar unter die Arme gegriffen. In der Türkei explodiert die Inflation. Seit September sind Verbraucherpreise um fast 25 Prozent gestiegen. Brasilien hat ein Haushaltsdefizit von 7,6 Prozent seiner Wirtschaftsleistung. Es sei das größte Budgetdefizit weltweit, warnen Banker von JP Morgan.

Michael Hüther, Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln, würde dennoch nicht von einer Schwellenländer-Krise sprechen - eher eine Krise in einigen Schwellenländern. "Wir sehen die Aufwertung in den genannten Ländern seit geraumer Zeit", sagte Hüther der DW. Der Unterschied zu einer weitreichenden Krise sei, dass es kein Prozess sei, der von heute auf morgen eintreffe. Bei der Krise der asiatischen Schwellenländer 1997 sei das anders gewesen: "Da ist es zu einer schlagartigen Neubewertung gekommen, weil man auf einmal gesehen hat, da passt irgendwas nicht zusammen."

Pressekonferenz von IWF-Chefin Christine Lagarde und Argentiniens Finanzminister Nicolas Dujovne (picture-alliance/AP Photo/A. Kudacki)

IWF-Chefin Christine Lagarde mit Argentiniens Wirtschaftsminister Nicolas Dujovne - mit 50 Milliarden Dollar steht Argentinien nun beim IWF in der Kreide

Mitte September erhöhte die US-Notenbank Fed zum dritten Mal die Leitzinsen - im Dezember wird eine weitere Zinserhöhung erwartet. Seit die Zinsen steigen, ziehen Investoren und Anleger ihr Geld aus den Schwellenländern ab und investieren in den USA. Das sei noch kein Krisensignal, so Hüther, zeige aber, "dass die Länder das Kapital nicht halten konnten." Der Abfluss geschehe nicht sprunghaft wie 1997, führe aber dennoch zu Währungsabwertungen und Schwierigkeiten in den Ländern.

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Interview mit Michael Hüther zum Abstieg der Schwellenländer

Wenn es mehr für angelegtes Geld gibt, wird es auch teurer, sich Kapital zu borgen. Hinzu kommt, dass der US-Dollar, befeuert von der positiven US-Wirtschaftsleistung, sehr stark ist. Diese Faktoren fallen den Schwellenländern nun auf die Füße. Die hätten die Zeit der niedrigen Zinsen auch genutzt, um sich in erheblichem Maße im Ausland zu verschulden, so Hüther. Durch die Aufwertung des Dollars und auch des Euros gegenüber den Währungen in den Schwellenländern entstehe dort nun ein "Finanzierungsproblem".

Schwellenländer und die Weltwirtschaft

Laut dem aktuellen IWF-Bericht machen Schwellenländer aktuell rund 40 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts aus. Einer Studie der Landesbank Baden-Württemberg zufolge liegt der Beitrag zur Weltwirtschaft sogar bei 59 Prozent. Die letzten 15 Jahre seien für die Schwellenländer in Ostasien, Lateinamerika und Mittelosteuropa eine "Wachstumsstory" gewesen, so Hüther. "Dieser Prozess ist aber schon länger vorbei ", so der Direktor des arbeitgebernahen Instituts der Deutschen Wirtschaft. Dennoch hätten die Schwellenländer erheblich an Gewicht gewonnen. "Dabei dominiert aber die Dynamik Chinas", sagt Hüther.

Dort geht die Wachstumsstory derzeit moderat weiter. Auch die anderen Schwellenländer hätten beim Pro-Kopf-Einkommen im Vergleich zu den Industrieländern noch viel Potenzial. Beim IWF sieht die Prognose diesbezüglich allerdings sehr nüchtern aus: 45 Entwicklungs- und Schwellenländer werden in den Jahren 2018 bis 2023 beim Pro-Kopf-Wachstum sogar hinter den Industrieländern zurückbleiben.

Ein Patentrezept für die Schwellenländer gebe es nicht, sagt Hüther. "Die durchgängige Botschaft ist immer, ob es ihnen gelingt, den Kapitalmärkten einen glaubwürdigen Investitionsrahmen zu signalisieren. Ist das politische Setting glaubwürdig?" Auch die Türkei und Brasilien hätten es über lange Phasen geschafft, Kapital ins Land zu ziehen.

Für Pakistan war es dafür nun wohl zu spät. Die Höhe des Kredits ist noch nicht klar. Klar ist aber, Geld wird nicht ohne meist unliebsame Strukturreformen fließen. Wohl auch deshalb sagte IWF-Chefin Christine Lagarde nach dem Treffen mit Finanzminister Asad Umar, dass sich ein IWF-Team schon in den nächsten Wochen nach Pakistan begeben werde.

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