Schweinewelten | Sprachbar | DW | 27.12.2017
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Schweinewelten

Arme Schweine, schlimme Sauklauen: Im Deutschen finden sich viele Begriffe und Wendungen zum Schwein und zur Sau. Doch die meisten sind nicht positiv besetzt. Es gibt allerdings auch rühmliche Ausnahmen.

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Schweinewelten

Zu wohl keinem anderen Tier entwickelte der Mensch ein so ambivalentes Verhältnis wie zum Schwein, das seit Tausenden von Jahren sein Leben begleitet. In manchen Kulturen wird es verachtet, sogar verdammt, in anderen verzehrt und verehrt. Das Schwein ist ein Tier der Symbolik. Es steht für Glück, Wohlstand und Sparsamkeit, aber auch für Dreck und Unreinheit. Dabei ist sein Suhlen im Schlamm nur ein Mittel, um Hygiene zu betreiben. Derartig missverstanden diente das Schwein für überwiegend negative Begriffe und Redensarten in der Umgangssprache.

Die „gesengte Sau“ und der Schweinsgalopp

Ein Grund dürfte sein, dass Menschen Schweine als Nutztiere hielten, ihr Verhalten beobachteten und dann ihre Meinung bildeten. Diese Vorurteile verfestigten sich in der Alltagssprache. Vergleiche von Mensch und Schwein zielen allein auf negative Eigenschaften ab. Nicht immer, aber oft, wird dabei auf das vergleichende Wörtchen „wie“ verzichtet. Wer „wie eine gesengte Sau“ fährt, hält sich nicht an Geschwindigkeitsbegrenzungen, hat es unglaublich eilig.

Ein schwarzer BMW, der schnell fährt (picture-alliance/picturedesk.com/Robert Kalb)

Nicht immer muss man ein schnelles Auto fahren, um wie eine gesengte Sau unterwegs zu sein

Der Ausdruck „gesengt“ stammt übrigens aus der Schweineschlachtung. Nach einem Schlag mit dem Schlachtbeil wird die Haut abgebrüht, eben „gesengt“, um die Borsten leichter entfernen zu können.

So entwickelte sich die Vorstellung, dass das „arme Schwein“ am liebsten – so schnell es kann – wegrennen würde, sozusagen „im Schweinsgalopp“. „Im Schweingalopp“ übrigens erledigt jemand seine Arbeit, der dabei zwar schnell, aber nicht besonders sorgfältig ist.

Sauklaue und Schweinefraß

Jemand hat etwas unleserlich in ein Heft geschrieben (picture-alliance/dpa)

Eine Sauklaue ist in der Regel schwer zu entziffern

Ebenfalls kein positiv besetztes Wort ist die „Sauklaue“. Die „Klaue“, aus dem althochdeutschen „klawa“ stammend, war schon zu Zeiten Martin Luthers ein umgangssprachliches Wort für „Hand“ oder auch „schlechte Handschrift“. Das vorangestellte „Sau“ verstärkt den Ausdruck „Klaue“ abwertend.

Ähnlich verhält es sich mit dem „Schweinefraß“, der Bezeichnung für sehr schlechtes Essen, das einem vorgesetzt wird.

Der Ausdruck „Sau“ oder „Schwein“ wird auch als Schimpfwort gebraucht: „Du Sau!“ beziehungsweise „Du Schwein!“ sind wahrlich keine Komplimente. Und wer „zur Sau gemacht wird“, bekommt die Verachtung anderer zu spüren, wird mit Worten so zugerichtet, dass er einer geschlachteten Sau gleicht.

Die Sau rauslassen und schweinische Witze

Wer allerdings „die Sau rauslässt“, entledigt sich aller Hemmungen und Zwänge, die einem etwa der Beruf oder die gesellschaftliche Stellung auferlegen. Man befreit – bildlich gesprochen – die Sau in sich selbst und verhält sich gemäß seiner momentanen Stimmung.

Das geht häufiger mit schlechtem Benehmen und einer nicht geringen Menge Alkohol einher. Oder mit dem Erzählen „schweinischer“ oder „versauter Witze“, die meist sexuellen Inhalts sind. „Die Sau rauslassen“ kann man überall: allein zu Hause, vorwiegend aber mit anderen und vor anderen.

Das Glücksschwein

Ein Glücksschwein aus Marzipan mit einem grünen Kleeblatt um den Hals gebunden und einem kleinen Zylinder mit rotem Band auf dem Kopf (Fotolia/meerisusi)

Ohne Glücksschwein kein Silvester

Nur wenige Begriffe oder Wendungen entwickelte der Volksmund, die das Schwein positiv darstellen und in seiner Nützlichkeit zeigen. Eine rühmliche Ausnahme ist das „Glücksschwein“.

Jeweils zur Wintersonnenwende um den 21. oder 22. Dezember wählten die Germanen Schweine aus, die sie opferten, um von den Göttern Glück zu erbitten. Auch im alten Rom kannte man Opferschweine – ob nun als lebendiges Tier oder als aus Teig gebackenes Schweinchen.

Wer im Lotto gewonnen oder Glück beim Kartenspiel hat, ist ein wahres Glücksschwein. Zu Silvester werden mit Blick auf das neue Jahr Glücksschweinchen aus Marzipan verschenkt.

Schwein haben

Rettung einer Katze (picture-alliance/AP Images/Meegan M. Reid/Kitsap Sun)

Auch Katzen können „Schwein haben“

Wer jedoch im richtigen Moment dem Tod von der Schippe gesprungen ist, weil er das herannahende Auto rechtzeitig bemerkt hat, kann auch als Glücksschwein bezeichnet werden, weil ihm das Leben geschenkt wurde. Dieser Jemand würde aber eher denken: „Schwein gehabt!“

Die Wendung „Schwein haben“ stammt aus dem Mittelalter. Damals erhielt der Letzte in einem Wettbewerb, etwa beim Schießen, ein Schwein als Trost- oder Spottpreis. Er ging also nicht mit leeren Händen, obwohl seine Leistung „unter aller Sau“, also miserabel, war.

Der Kampf gegen den inneren Schweinehund

Nicht enden wollen wir ohne den „inneren Schweinehund“, der so viele von uns befällt. Dabei lässt man sein bequemes Ich zur Entfaltung kommen: keine Hausaufgaben machen, lieber abends vor dem Fernseher sitzen als spazieren zu gehen. Beispiele gibt es genug. Den Schweinehund gab es früher wirklich. Er jagte Wildschweine – und das ausdauernd! Genauso hartnäckig ist der „innere Schweinhund“, wenn es darum geht, ihn endlich zu besiegen. Dabei lohnt es sich. Denn wenn man es endlich geschafft hat, fühlt man sich danach in der Regel „sauwohl“!

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