Schwarze Komponisten, bei denen man neu hinhören sollte | Musik | DW | 03.07.2020
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Klassische Musik

Schwarze Komponisten, bei denen man neu hinhören sollte

Rassismus herrschte lange auch in den Konzertsälen. Schwarze Komponisten wurden zu Unrecht vergessen oder wenig gespielt. Endlich werden sie wiederentdeckt.

Seit mehr als einem Jahrhundert kommt sie immer wieder auf: Die Behauptung, dass Ludwig van Beethoven ein Schwarzer war. In den letzten Wochen beispielsweise in den sozialen Medien, etwa bei Twitter unter dem Hashtag #beethovenwasblack.  

Es stimmt zwar, dass Beethoven eine dunklere Hautfarbe und dunkles, lockiges Haar hatte. Man nannte ihn mitunter "den Spanier": Seine Vorfahren kamen aus dem flämischen Belgien, das zeitweise unter spanischer Besetzung stand – und in der spanischen Armee wirkten Mauren mit. Es wird auch angeführt, dass Beethoven eine Vorliebe für Synkopen hatte: eine Qualität, die Afrikanern angeblich im Blut liegt. Dass er aber ein "Schwarzer" war, haben Wissenschaftler immer wieder widerlegt. 

Die Debatte über den ethnischen Ursprung berühmter Menschen betrifft nicht nur die Musikgeschichte: So haben einige schwarze Aktivisten etwa auch behauptet, Jesus Christus oder Sokrates seien schwarz gewesen. Um den Rang von "schwarzer Musik" zu unterstreichen, braucht es jedoch keinen "schwarzen Beethoven", denn Musik, deren Ursprung in Spirituals, Gospel, Blues und Jazz liegt und heute als Rock und Hip Hop die Welt längst erobert hat, stellt in ihrer Reichweite die "klassische", "ernste" oder "Kunstmusik" weit in den Schatten. 

"Schwarze" klassische Musik - eine verpasste Gelegenheit  

Aber auch im klassischen Bereich haben schwarze Komponisten ihre Stimme gefunden und einen Beitrag geleistet. Dass ihre Werke nur selten im Konzertsaal gehört werden, weist auf die Hindernisse und Vorurteile hin, denen sie ausgesetzt waren – und zeigt, dass es im Konzertbetrieb Nachholbedarf gibt.  

In Amerika kämpfte bereits der tschechische Komponist Antonín Dvořák gegen Eurozentrismus in der ernsten Musik. Während seiner Zeit als Dozent in den USA von 1892-1895 erforschte er die Musik amerikanischer Ureinwohner und afrikanischer Einwanderer. Dvořáks Forderung: Es müsse eine authentische amerikanische Musiktradition entstehen, die sich aus diesen Quellen speist. Dass das geht, zeigte er in seiner Sinfonie "Aus der Neuen Welt". 

Von der Jahrhundertwende bis zu den den 1930er Jahren nahmen einige schwarze Komponisten Dvořák beim Wort: Samuel Coleridge-Taylor, William Grant Still und William L. Dawson integrierten Ansätze von Spirituals und Gospel in ihre sinfonischen Werke. Oft wurden die Ergebnisse von der Kritik gelobt – doch bald wieder vergessen. 

Scott Joplin und Wynton Marsalis: zwei ganz unterschiedliche Schicksale  

1974 erhielt The Sting (Der Clou) unter anderen den Oscar als bester Film. Unverwechselbar mit dem Streifen verbunden ist die stilvoll trällernde, etwas laszive Musik: The Entertainer von Scott Joplin. Der Sohn eines Sklaven stieg zum "King des Ragtime" auf: Joplins Maple Leaf Rag wurde um die Wende zum 20. Jahrhundert in jedem Salon gespielt. Mit seinen Ragtime-Klavierstücken genoss Joplin unerhörte Popularität. Er wollte aber mehr: Besessen vom Wunsch, als Komponist der ernsten Musik wahrgenommen zu werden, schrieb er auch Ballettmusik und zwei Opern, fand aber keinen Verleger dafür. Eine der Opern ist verschollen, erst in den 1970er Jahren wurde die andere uraufgeführt.   

Robert Redford Filmszene The Sting 1973 mit Paul Newman und Robert Redford (picture-alliance/Mary Evans Picture Library)

Was wäre "Der Clou" ohne die Begleitmusik?

"Erst einmal gibt es bei mir zwei Hindernisse: Geschlecht und Rasse. Ich bin eine Frau, und in meinen Venen fließt auch schwarzes Blut", heißt es 1943 in einem Brief der Komponistin Florence B. Price an den Dirigenten Sergej Koussewitzky. An Durchsetzungswillen fehlte es ihr nicht: Ihre erste Komposition ging in den Druck als sie nur elf Jahre alt war, sie war Frühabsolventin des New England Conservatory, und später, als geschiedene Frau und Alleinerziehende, verdiente sie ihren Lebensunterhalt als Musiklehrerin und Organistin in Stummfilmkinos. Price komponierte kurze Melodien für Radiowerbespots, ihre anspruchsvollen symphonischen Werke hätten aber auch Dvořák gefallen: authentisch und echt amerikanisch. Zu ihren Kunstliedern gehörte der Zyklus Songs to the Dark Virgin (Lieder an die dunkle Jungfrau), den ein Kritiker der Chicago Daily News als "einer der größten Sofort-Erfolge, den ein amerikanisches Lied je erfahren hat" lobte. Dennoch blieb Price der Dauererfolg verwehrt: Die Konzertbühne blieb größtenteils die Domäne toter weißer männlicher Komponisten. 

Sarah Willis trifft Wynton Marsalis in New York (Londymakeup)

Die Hornistin und Musikjournalistin Sarah Willis traf Wynton Marsalis in New York

So ist es seitdem auch weitgehend geblieben. Dennoch bekommt heute ein nichtweißer Komponist wie etwa Wynton Marsalis  offenbar weniger Steine aufgrund seiner Hautfarbe in den Weg gelegt, als das früher bei Joplin oder Price der Fall war. Das gilt auch für den Gewinner des Pulitzer Prize 2020 im Fach Musik: Anthony Davis, der mittlerweile acht Opern , Sinfonien sowie Chor- und Kammermusik geschrieben hat. 

Schwarze Komponisten schreiben "weiße" Musik — und umgekehrt 

1996 ging ein Pulitzer erstmals an einen schwarzen Komponisten: George Walker (1922-2018) schrieb Lilacs , die Vertonung eines Gedichtsvon  Walt Whitman, bei dem es um die Ermordung des US-Präsidenten Abraham Lincoln geht. Walker studierte beim amerikanischen Komponisten Samuel Barber, seine rund 100 Werke zeigen aber eine große stilistische Bandbreite: von Klängen, die an Debussy und Strawinsky erinnern bis hin zur atonalen Zwölftonmusik.  

Ein paar Jahrhunderte früher schrieb der auf Guadeloupe geborene Joseph Bologne, Chevalier de Saint-Georges Opern, Quartette, Sinfonien und Solokonzerte, die stilistisch perfekt in den historischen Kontext der europäischen Hofmusik passten.  

Man muss also kein Weißer sein, um Musik in der europäischen Tradition zu schreiben, noch braucht man schwarze Hautfarbe, um afroamerikanische musikalische Elemente umzusetzen. Das berühmteste Beispiel ist die ikonische "schwarze" Oper Porgy and Bess aus dem Jahr 1935. Der Komponist war ein Weißer: George Gershwin. 

Porgy and Bess hatte Dauererfolg. Bei einem Werk, das William L. Dawson im Jahr zuvor geschrieben hatte, kam es anders. Nach der Uraufführung schwärmte zwar ein Kritiker: Die Negro Folk Symphony sie "die profilierteste und vielversprechendste amerikanische sinfonische Aussage, die bisher je erreicht wurde". Doch nach nur wenigen Aufführungen verschwand das Werk - und ähnliche Werke - von den Programmzetteln. Offener oder versteckter Rassismus - oder zumindest Vorurteile - mögen dabei eine Rolle gespielt haben.  

In der Neuen Welt blieb die Musik eurozentrisch, in Europa erst recht. Inzwischen wird aber die Klassik selbst zunehmend marginalisiert. So erscheinen auch frühere Komponisten, die anderes wollten - darunter auch schwarze - nun im neuen Licht. Die hier Erwähnten stellen nur eine kurze Auswahl dar, ihre Werke haben es aber verdient, mit aufnahmefähigen Ohren gehört zu werden.

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