Schottland stellt seine Moore wieder her - für den Klimaschutz | Global Ideas | DW | 04.11.2019
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Global Ideas

Schottland stellt seine Moore wieder her - für den Klimaschutz

Moore speichern doppelt soviel Kohlenstoff wie Wälder, doch sie erhalten nur wenig Aufmerksamkeit in der Klimadebatte. Schottland hat das Potenzial erkannt und setzt sich nun für die Restaurierung dieses Ökosystems ein.

Die brennenden Regenwälder des Amazonas mit ihren Jaguaren, Affen und bunten Vögeln haben weltweit enorme Aufmerksamkeit erregt. Die Zerstörung der moosbewachsenen Moorlandschaften wird dagegen kaum zur Kenntnis genommen. Dabei ist der Schutz dieser besonderen Feuchtgebiete in Sachen Klimaschutz von großer Bedeutung, denn sie speichern mindestens doppelt so viel Kohlenstoff wie Wälder.

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Moore entstehen, wenn Pflanzenreste in wasserreichen Böden versinken. Im Laufe der Zeit werden sie als Torf abgelagert. Der Kohlenstoff der Pflanzen bleibt darin gespeichert. Sümpfe bedecken rund 3 Prozent der weltweiten Landoberfläche, in insgesamt 175 Ländern, vorrangig in Nordeuropa, Nordamerika und Südostasien.

Schottland hat einen besonders hohen Anteil: 20 Prozent der Landfläche (rund 1,7 Millionen Hektar) sind Moorlandschaften, vor allem auf den Inseln im Norden und Westen.

Kranke Moore

Die schottische Regierung geht jedoch davon aus, dass etwa ein Drittel dieser Gebiete - rund 600.000 Hektar - krank ist. Die Moore Schottlands entstanden in jenen Gebieten, die durch das Abschmelzen der eiszeitlichen Gletscher von Wasser bedeckt waren; Tausende von Jahren blieben sie unberührt bis Bauern begannen, das Land zu entwässern. Sie legten Gräben an, die das Wasser in die Flüsse bergab leiteten.

Moore in Schottland

Moore bedecken rund 20 Prozent der Landesfläche Schottlands

Erste Anstrengungen, Moore zu entwässern, gab es in Teilen Großbritanniens bereits zu Zeiten der Römer. In Schottland wurden die Bemühungen in den 1950er Jahren intensiviert. Damals gab es Angebote für neue Maschinen und staatliche Zuschüsse, mit dem Ziel mehr Weideflächen zu schaffen.

Doch wenn Wasser aus den Mooren ausgeleitet wird, beginnen die Pflanzenreste mit dem Sauerstoff der Luft zu reagieren: Kohlenstoff wird freigesetzt und als Kohlendioxid in die Atmosphäre abgegeben. Sonne und Wind beschleunigen den Prozess zusätzlich.

Pläne zur Renaturierung

Um die Fehler der Vergangenheit zu korrigieren, bietet die schottische Regierung Landbesitzern nun Zuschüsse an, damit sie die einst angelegten Entwässerungsgräben wieder zuschütten. Insgesamt 16,3 Millionen Euro wurden in diesem Jahr dafür bereitgestellt. Bis Ende 2020, so die Hoffnung, könnten 50.000 Hektar restauriert werden, bis 2030 sogar 250.000 Hektar.

Die Restaurierung erfolgt auf zwei Arten, erklärt Andrew McBride von der Regierungsbehörde Scottish Natural Heritage, die für die Vergabe der Gelder zuständig ist. Entweder wird ein Graben mit Torf aus der Umgebung gefüllt oder ein Holzdamm darin errichtet, der das Wasser zurückhält und so das Moor bewässert.

Sind die Gräben blockiert, sammelt sich das Regenwasser und erhöht den Grundwasserspiegel. Die Erosion wird gestoppt und innerhalb von zwei Jahren kehren typische Pflanzen, wie Moose, zurück. Innerhalb von fünf bis fünfzehn Jahren sind die Moore dann wieder voll funktionsfähig, sagt McBride.

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Geschwindigkeit ist der Schlüssel

"Wir wollen das so schnell wie möglich umsetzen", so McBride zur DW, "weil es ganz offensichtlich eine Klimakrise gibt."

McBride berichtet, dass Landbesitzern die Restaurierungsmaßnahmen oft entgegenkommen, da die landwirtschaftlichen Vorteile der Entwässerung am Ende gar nicht so groß waren, wie erwartet. Nur das Land direkt neben den Mooren wurde besser nutzbar gemacht, sagt er und fügt hinzu, dass die Entwässerungsgräben auch Probleme verursachen. Oft übersehen umherziehende Schafe die Gräben, sie fallen hinein und können sich nicht mehr selbst befreien.

Moore in Schottland

Moore können mehr als doppelt so viel Kohlenstoff speichern wie Wälder

Schottland versucht seine Moorlandschaften auch durch gezielte Abholzung zu restaurieren. In den 1980er Jahren setzte die britische Regierung steuerliche Anreize, um Landbesitzer zu ermutigen, Moore zu entwässern, damit Bäume gepflanzt werden konnten. Dies traf die Feuchtgebiete gleich doppelt: Zuerst wurde das Wasser abgeleitet und dann zogen die Bäume die übrige Feuchtigkeit aus dem Boden.

Obwohl die Bäume während ihres Wachstums Kohlenstoff binden, kompensiert das nicht annähernd die Menge an Kohlenstoff, die durch die Zerstörung der Moore freigesetzt wurde.

Nach Protesten von Naturschützern wurden die Steuererleichterungen schließlich abgeschafft. Heute bemüht sich die schottische Regierungsbehörde Forestry and Land Scotland 2500 Hektar Wald innerhalb von fünf Jahren wieder in eine Moorlandschaft zu verwandeln.

Gefährdung durch Tiere

Wild und Schafe, die die Pflanzen fressen oder zertreten, sind die dritte große Bedrohung für Moore. Hirsche, deren natürliche Feinde wie Wölfe und Luchse seit langem ausgerotteten sind, haben sich in Schottland massiv ausgebreitet und die Ökosysteme geschädigt. Um die Populationen zu kontrollieren, wurden im Land Gruppen zum sogenannten Wildtiermanagement eingerichtet.

Feuer in Indonesien (AFP/Wahyudi)

Feuerwehreinsatz in den Torfgebieten Indonesiens Anfang 2019

Die Gruppen setzen sich aus benachbarten Landbesitzern zusammen. Sie sollen die Wildbestände kontrollieren, indem sie regelmäßig ältere Tiere erlegen. "Es wird nun auch immer mehr erwartet, dass die Gruppen neben dem Wildtiermanagment auch Moor- und Wald-Erweiterungsprojekte koordinieren, als Beitrag zur Klimaschutz-Agenda", sagt Richard Cooke, Vorsitzender der Association of Deer Management Groups (ADMG).

Im April 2019 rief Schottland den Klimanotstand aus. Die Regierung strebt an, bis 2045 Netto-Null-Emissionen zu erreichen. Die Emissionen der Moore sind derzeit noch nicht in den offiziellen Schätzungen des Vereinigten Königreichs berücksichtigt, sollen es aber in Zukunft werden. Ohne die Restaurierung der Moore würde es viel schwieriger werden, Schottlands Emissionen zu reduzieren.

Moore auf der ganzen Welt, vor allem aber in Europa, stehen vor ähnlichen Problemen. Hans Joosten, einer der führenden Moorforscher, berichtet DW, dass etwa die Hälfte aller Moore in Europa trockengelegt wurden, insbesondere in den dicht besiedelten Gegenden in West-, Zentral- und Südeuropa.

Globale Schutzmaßnahmen

Überall auf der Welt versuchen Länder ihre Moore zu restaurieren. In Südafrika wurde Naturschutz mit Armutsbekämpfung kombiniert: Das staatliche Programm Working for Wetlands hat finanzielle Mittel in Höhe von 56,6 Millionen Euro erhalten und 15.000 Arbeitsplätze geschaffen, für die Wiedervernässung von 20 Mooren und die Erosionsbekämpfung.

Moore in Schottland

Die Restaurierung der Moore ist der Schlüssel zur Erreichung der Klimaschutzziele Schottlands.

In Europa ist es seit dem Jahr 1990 zu keinen größeren Entwässerungen mehr gekommen - doch andernorts setzt sich das bis heute fort. Malaysia und Indonesien verursachen inzwischen die Hälfte der aus den weltweiten Mooren entweichenden Treibhausgase. Große Areale wurden dort trockengelegt, um beispielsweise Palmöl zu produzieren, was häufig zu Waldbränden führt. In Uganda und im westlichen Amazonasgebiet Perus werden Moore auch zunehmend für die Landwirtschaft entwässert.

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Joosten widmet sein Leben der Restaurierung von Mooren, möchte jedoch betonen, dass natürliche Lösungen nur einen kleinen Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel leisten können. "Moore werden die Welt nicht retten", sagt er. "Wir selbst müssen unsere Emissionen senken, denn diese können weder durch Moore noch durch andere Ökosysteme kompensiert werden."

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