Schnäppchenjäger | Alltagsdeutsch – Podcast | DW | 21.06.2011
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Alltagsdeutsch – Podcast

Schnäppchenjäger

Manche befriedigen ihren Jagdinstinkt, für andere ist es die reine Notwendigkeit – die Schnäppchenjagd. Das Hauptziel: So wenig wie möglich für gute Ware bezahlen. Jeder hat dabei seinen ganz eigenen Geheimtipp.

O-Ton:

"Wenn ich einkaufen gehe, dann achte ich schon darauf, dass ich eigentlich vor allen Dingen gute Qualität einkaufe und dann bin ich auch gerne bereit, etwas mehr zu zahlen, wenn ich weiß, dass die Qualität wirklich sehr gut ist. Aber is' natürlich auch immer sehr schön, wenn man mal 'n Schnäppchen machen kann, wenn man einfach 'ne Sache, die gut ist, auch einfach preiswerter bekommt."

Sprecher:

Malte braucht für seinen Beruf viele Anzüge und Krawatten. Beim Kauf muss er auf gute Qualität achten. Doch manchmal passiert es, dass er ein richtiges Schnäppchen findet. Das Wort Schnäppchen leitet sich ab vom Verb schnappen. Das Wort bezieht sich ursprünglich auf das Verhalten von Tieren. Ein Hund zum Beispiel schnappt gierig nach einem Knochen. Ein Käufer, der ein Schnäppchen machen möchte, wird zum Schnäppchenjäger. Wie es einem Jäger mit seiner Beute ergeht, auf die er manchmal lange warten muss, ist auch das richtige Schnäppchen nicht immer griffbereit. Findet sich das erhoffte Angebot, dann muss schnell zugegriffen werden, bevor ein anderer die Ware wegschnappt. Schnäppchenjäger sind in der Regel Käufer, die ihr Geld gern für Sonderangebote ausgeben. Vielleicht haben sie einfach Spaß daran, billiger einzukaufen oder aber sie können sich finanziell keine regulären Einkäufe erlauben.

Sprecherin:

Wer weniger Geld für seine Einkäufe zur Verfügung hat, muss sich in der Regel mehr Zeit nehmen. Um Geld zu sparen, muss er Preise vergleichen, die Qualität des Produktes überprüfen. Für den Verbraucher wird es immer schwieriger, unter den vielen Angeboten, die der Markt zu bieten hat, die für ihn richtige Ware zu finden. Deshalb gibt es in Deutschland immer mehr Beratungsstellen, so genannte Verbraucherzentralen, die den Kunden mit wichtigen Informationen zu allen möglichen Produkten bedienen können. Ute Krüger arbeitet in der Bonner Verbraucherzentrale. In ihrer Tätigkeit als Kundenberaterin hat sie beobachtet, dass viele Ratsuchende, die zu ihr kommen, sparen wollen. Als Schnäppchenjäger wollen sie allerdings meist nicht bezeichnet werden.

Ute Krüger:

"Es gibt sicherlich bestimmte Leute, die auch einfach drauf angewiesen sind auf den Preis zu achten. Es kann natürlich sein, dass dann jemand sich so in eine Ecke gedrängt fühlt nach dem Motto 'Der muss vielleicht so auf den Preis achten' oder 'muss jeden Pfennig umdrehen' oder so, aber es ist eigentlich mittlerweile so, dass eigentlich sehr viele Leute eben auch ganz genau gucken, was kosten die Dinge und eben auch die Preise vergleichen. Also, da kann man mittlerweile nicht mehr sagen, das ist jetzt auf 'ne bestimmte – ich sag' mal – Einkommensgrenze beschränkt oder so, sondern das machen sehr viele Leute, weil man halt doch in dem Moment, wo man Preise vergleicht, auch einiges an Geld sparen kann. Warum sollte man das nicht wahrnehmen."

Sprecher:

Wer in eine Ecke gedrängt wird, hat keine Ausweichmöglichkeit mehr. Er kann sich nicht mehr bewegen und sitzt in dieser Ecke fest. Im übertragenen Sinne bedeutet das, wenn jemand sich anders verhält als seine Umwelt, wird er von den anderen gemieden und isoliert. Einem überaus sparsamen Menschen zum Beispiel wird leicht nachgesagt, er wäre arm und könnte deshalb nicht viel Geld ausgeben. Oder man sieht in ihm einen Geizigen, der jeden Pfennig umdreht bevor er ihn ausgibt. Übertrieben sparsame Menschen betrachten jedes Geldstück auch noch einmal von der anderen Seite, weil sie sich nur schwer von ihm trennen können.

Sprecherin:

Wer beim Einkauf auf sein Geld achtet, nutzt häufig auch das Angebot so genannter Fabrikverkäufe. Einige Fabriken haben in Deutschland eine Werkshalle, in der sie ihre Produkte günstiger als im Handel anbieten. Häufig hat die Ware kleine Fehler. Bei Kleidung gibt es nicht selten Artikel aus der letzten Saison. Die Aachener Firma Lambertz stellt Süßigkeiten her. Besonders bekannt ist sie auch im Ausland für ihre Lebkuchen und Printen. In einem kleinen Verkaufsraum hat man hier die Möglichkeit, ab Werk frische Ware zu erwerben. Aber nicht alle Produkte, die es hier gibt, sind unbedingt preiswerter als anderswo, beobachtete Stefanie, die in Karlsruhe Informatik studiert.

Stefanie:

"Was sich lohnt, sind die Sachen zweiter Wahl, weil als Studentin hat man kein Geld, bezahlt man ungern mehr. Zum Beispiel jetzt auch hier für meine Mutter Lebkuchen zweiter Wahl – diese schmecken genau so gut, sind halt nur nicht in Silberpapier verpackt. Stört ja keinen beim Essen, wenn sie auf dem Teller schön dekoriert sind."

Sprecher:

Wenn ein Produkt sehr viel günstiger angeboten wird, handelt es sich meistens um Zweite Wahl-Ware. Damit sind Artikel gemeint, die die erste Qualitätskontrolle nicht bestanden haben, also in irgendeiner Form beschädigt sind. Bei Lambertz gibt es Lebkuchen zweiter Wahl. Das sind dann Printen-Stücke, die in der Mitte durchgebrochen sind. Diese Produkte lassen sich nicht mehr zum normalen Preis verkaufen. Also werden sie reduziert und als Zweite Wahl-Ware angeboten. Man kann den Ausdruck auch im übertragenen Sinne gebrauchen: Wenn unter Freunden jemand das Gefühl hat, dass man sich immer nur dann an ihn wendet, wenn die anderen keine Zeit haben, fühlt sich dieser als Freund zweiter Wahl.

Sprecherin:

Lange Zeit war es in Deutschland nicht möglich, um den Wert einer Ware regelrecht zu handeln. Es galt der Preis, der auf der Ware stand. Fast 70 Jahre lang durften die Kunden beim Händler nicht um den Preis ihrer Ware feilschen. Mehr als drei Prozent Preisnachlass waren nicht erlaubt, es sei denn, es handelte sich eben um ein Zweite-Wahl-Produkt. Seit Sommer 2001 gibt es kein Rabattgesetz mehr. Schnäppchenjäger können jetzt also in Deutschland noch günstiger einkaufen. Doch Ute Krüger von der Verbraucherzentrale weiß, dass sich nicht jeder traut, in einem Geschäft um den Preis der Ware zu handeln.

Ute Krüger:
"Es gibt auch Leute, die sagen, ne, also damit hab' ich nichts am Hut, das will ich nicht. Es ist natürlich auch so, dass je teurer die Waren – also denken Sie mal an ein Auto – da wird man natürlich eher mal nachfragen, wie ist denn das, können wir da nicht mal über den Preis verhandeln. Und bei günstigen Produkten – denken Sie mal dran – man würde jetzt anfangen, über den Brötchenpreis zu verhandeln. Das ist sicherlich nicht, wo jemand tatsächlich handeln würde."

Sprecher:

Wenn man mit einer Sache nichts am Hut hat, dann ist einem eine Angelegenheit egal. Hüte und Mützen waren schon immer – und sind, wenn auch weniger häufig, noch heute – ein gemeinschaftliches äußeres Zeichen für Gruppen und Vereine. Sie sind durch bestimmte Formen, Farben, meistens auch durch ein spezielles Zeichen markiert. Die Mitglieder dieser Gemeinschaften zeigen auf diese Weise ihre innere Zugehörigkeit. Wenn jemand dieses gemeinsame Zeichen nicht mit jenen trägt, hat er mit ihnen nichts gemein, er hat dann nichts mit ihnen am Hut.

Sprecherin:

Es gibt auch einige Schnäppchenjäger, die nicht nur den günstigen Preis im Fabrikeinkauf schätzen, sondern auch die Atmosphäre. Während es in Warenhäusern und Boutiquen Verkäuferinnen gibt, die den Kunden beraten oder auch aufpassen, dass er keine Ware beschmutzt oder sogar stiehlt, gibt es im Fabrikverkauf keine Verkäuferinnen, und damit keine Beratung. Gerade das gefällt Dörte am Werksverkauf. In Boutiquen dagegen fühlt sie sich häufig eher unwohl.

Dörte:

"Da ist es so, dass wenn ich Sachen anprobiere, wie heute zum Beispiel eine Jeans, die ich schon ganz lange gesucht habe, und dann endlich das Objekt meiner Begierde gefunden hatte, dass die Verkäuferin hinter mir her rennt, mich bis zur Kabine verfolgt, und wenn ich dann wieder rauskomme, stolz in meiner neuen glitzernden Hose, die mir auf meine Hüften fasst und auf mein Gesäß und immer sagt 'Huch, das sitzt hier zu stramm und da zu stramm'; und da mag ich eigentlich lieber die Anonymität in so einem Direktverkauf, dass niemand hinter mir her rennt, niemand meckert, ob was sitzt oder mir steht oder sonst was. Ich kann es ganz alleine entscheiden."

Sprecher:

Das Wort Begierde hat seinen Ursprung im Mittelhochdeutschen und beschreibt den Zustand einer inneren Regung, eines Verlangens nach etwas. Objekt der Begierde ist eine Redewendung der gehobenen Sprache. Der Ausdruck bezieht sich auf Personen, deren Aufmerksamkeit oder Liebe man unbedingt gewinnen möchte. Häufig ist damit aber auch eine Sache gemeint, die man begehrt, und um jeden Preis besitzen möchte. Dörte mag es nicht, wenn ihr bei dieser Schnäppchenjagd die Verkäuferin hinterher rennt. Diese kann das natürlich im wortwörtlichen Sinne tun, aber gemeint sein kann damit auch das Verhalten einer Person, das ihr lästig wird, weil es zu aufdringlich ist. Vor allem aber mag die junge Zahnärztin es nicht, wenn die Verkäuferinnen dann auch noch meckern. Das Verb meckern umschreibt lautmalend den Ruf der Ziege oder des Ziegenbocks und ist spöttisch gemeint. Jemand, der etwas zu meckern hat, mäkelt an etwas herum, beschwert sich häufig. Das Wort hat eine ausschließlich negative Bedeutung.

Sprecherin:

Doch Werksverkäufe haben auch Nachteile. Man kann die gekauften Produkte in der Regel nicht umtauschen. Und das Einkaufen kann sehr anstrengend sein. Dörte ist an diesem Tag zwei Stunden mit dem Auto gefahren, bevor sie den Werksverkauf von Gerry Weber in Bielefeld erreichte. Gerry Weber ist eine bekannte deutsche Modemarke. Deren Fabrikverkauf ist sehr beliebt. Immer ist es hier sehr voll. Besonders an Wochenenden kommen die Schnäppchenjäger nahezu aus ganz Deutschland hierher. Die Kleidung hängt relativ unübersichtlich in einer übergroßen kahlen Halle.

O-Ton:

"Ja, das ist Erlebnistour, wo man selbst 'ne Jacke vom Ständer nimmt und auf einmal ist man umringt von Frauen, die dann fragen 'Wo haben Sie die Jacke her?', 'Gibt es die auch noch mal?' – das baut das Ego enorm auf."

Sprecher:

Dass andere ihrem Geschmack folgen, schmeichelt ihr. Es baut ihr Ego auf. Wenn man vom eigenen Ego statt vom Ich spricht, ist dieser Ausdruck ironisch gemeint. Sein Ich als seinen Ego zu bezeichnen, verrät den spielerischen Umgang mit seiner Selbstliebe. Die Komplimente der anderen Frauen bauen Dörtes Ego auf. Das Verb bauen kommt aus dem Indogermanischen und bedeutet dort entstehen oder pflanzen. Wenn ein Gebäude zerstört wird, kann man es neu errichten, wieder aufbauen. Im übertragenen Sinne kann man auch eine traurige Person wieder aufbauen. Dann tröstet man sie, bis es der Person wieder besser geht.

Sprecherin:

Natürlich gibt es neben dem Fabrikverkauf noch viele andere Möglichkeiten, preisbewusst einzukaufen. Viele Schnäppchenjäger nutzen heute außerdem das Internet, weil es dort eine große Vielfalt von Waren zu günstigen Preisen gibt. Andere wiederum ziehen die persönliche Atmosphäre in einem kleineren Geschäft vor. Seit dem Wegfall des Rabattgesetzes ist es grundsätzlich auch hier möglich, über den Preis der Ware zu handeln. In der Praxis passiert das bis jetzt allerdings recht selten. Und wenn Verkäufer doch mit sich handeln lassen, dann hat das meist den Grund, das Verkäufer und Kunde sich auch sympathisch sind und sich in angemessener Weise über einen Preisnachlass unterhalten, hat Ute Krüger von der Bonner Verbraucherzentrale beobachtet.

Ute Krüger:

"Der Umgang ist sehr unterschiedlich. Generell macht einfach der Ton die Musik. ich denk', dass geht uns allen so. Wenn jemand was von uns möchte oder uns irgendwas sagen möchte, je nachdem wie er das anbringt, ist die Reaktion auch unterschiedlich. Also, das gilt für beide Seiten."

Sprecher:

Wenn man jemanden um etwas bittet, macht häufig der Ton die Musik. Damit ist gemeint, dass die Art und Weise, wie man etwas sagt, sehr wichtig sein kann, um den anderen von seinem eigenen Anliegen zu überzeugen. So wie in einem Orchester alle Instrumente aufeinander abgestimmt sein müssen, um harmonisch miteinander zu musizieren, muss man auch seine Worte dem Gesprächspartner und der Situation anpassen.

Musik:

Herbert Grönemeyer: "Kaufen"

"…Oh, ich kauf' mir was,

kaufen macht so viel Spaß,

ich möchte ständig kaufen geh'n

Ich könnte ständig kaufen geh'n

Kaufen ist wunderschön…"

Fragen zum Text

Soll ein Wunsch erfüllt werden, sollte man sagen: …

1. Damit hab' ich nichts am Hut!

2. Ich muss jeden Pfennig umdrehen!

3. Der Ton macht die Musik!

Werksverkäufe haben den Nachteil, dass …

1. man sich selbst bedienen kann.

2. die Produkte besonders preisgünstig sind.

3. die Ware nicht umgetauscht werden kann.

Produkte zweiter Wahl sind …

1. Waren aus Fabrikverkäufen.

2. Waren, über deren Preis verhandelt wurde

3. Waren mit geringfügigen Fehlern.

Arbeitsauftrag

Schreiben Sie eine Geschichte in Reimform – ähnlich dem Lied von Herbert Grönemeyer. Ihre Hauptfigur muss jeden Pfennig zweimal umdrehen. Sie muss sich allerdings neue Kleider und verschiedene Haushaltsartikel kaufen. Sie geht nun auf Schnäppchenjagd. Lesen Sie Ihre Geschichte der Gruppe vor.

Autorin: Antje Allroggen

Redaktion: Beatrice Warken

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