Schlussplädoyers im Weinstein-Prozess beendet: ″Das Muster eines Raubtiers″ | Kultur | DW | 14.02.2020
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#MeToo

Schlussplädoyers im Weinstein-Prozess beendet: "Das Muster eines Raubtiers"

Im weltweit beachteten Vergewaltigungsprozess gegen den Ex-Hollywood-Mogul Harvey Weinstein in New York könnte inzwischen eine Vorentscheidung gefallen sein. Die Schlussplädoyers sind vorbei, nun steht das Urteil aus.

Vor dem Obersten Gericht in New York geht es vor allem um zwei Frauen: Harvey Weinstein soll eine von ihnen im Jahr 2006 zum Oral-Sex gezwungen, die andere 2013 vergewaltigt haben. Bei einer Verurteilung droht dem heute 67-Jährigen lebenslange Haft. Seit 2017 haben mehr als 80 Frauen Weinstein sexuelle Übergriffe vorgeworfen und damit die weltweite MeToo-Bewegung ausgelöst. Viele der mutmaßlichen Taten fanden jedoch nicht in New York statt oder sind zu lange her, um verhandelt zu werden. Weinstein hatte immer wieder gesagt, die sexuellen Kontakte seien einvernehmlich erfolgt.

"Der Herr des Universums, der auf Ameisen trat"

Beim Schlussplädoyer der Anklage ließ Staatsanwältin Joan Illuzzi-Orbon (in der Gerichtsskizze oben rechts im Bild)  im "Manhattan Criminal Court" keinen Zweifel daran, dass sie Harvey Weinstein lebenslang hinter Gitter bringen will. Sie warf dem Ex-Filmmogul schwere Sexualverbrechen und Machtmissbrauch vor: "Der Angeklagte war der Herr des Universums, und die Zeugen waren nur Ameisen, auf die er ohne Konsequenz treten konnte". Illuzzi-Orbon trat äußerst energisch, lebhaft und teilweise sogar wütend auf. Während ihres Plädoyers lief sie unmittelbar vor der Bank der Geschworenen auf und ab. Teilweise flüsterte sie, im nächsten Moment erhob sie die Stimme und wurde laut. Mehrfach machte sie scharfe, sarkastische Bemerkungen und provozierte damit Gelächter im Saal.

USA Gerichtsprozess gegen Harvey Weinstein in New York | Harvey Weinsteins Ankunft (picture-alliance/AP Photo/R. Drew)

Harvey Weinstein

Illuzzi-Orbon betonte Weinsteins "Mangel an menschlichem Einfühlungsvermögen" für seine mutmaßlichen Opfer. Dass er es gerade auf die eher unbekannten Frauen abgesehen habe, die in der Filmbranche aufsteigen wollten, dort aber noch keine guten Verbindungen hatten, sei aus Kalkül geschehen. "Keine dieser Frauen wussten voneinander. Das ist das Muster eines Raubtiers. Isoliere, isoliere, isoliere sie", so Illuzzi-Orbon. Damit versuchte die Staatsanwaltschaft zu erklären, warum die Frauen ihre Anschuldigungen erst Jahre, manchmal Jahrzehnte später erhoben hatten. Sie hätten gedacht, sie seien die Einzigen "und er ein Riese". Ein Motiv, über Weinstein Lügen zu verbreiten, hätten die Zeuginnen nicht.

In den letzten drei Wochen hatte die Staatsanwaltschaft versucht, dem Multimillionär mithilfe von sechs Zeuginnen ein Handlungsmuster nachzuweisen: Weinstein habe seine Machtposition in der Filmindustrie systematisch ausgenutzt, um sich junge Frauen gefügig zu machen. Für Sex habe er ihnen Karrierehilfe versprochen. Bei einem Nein habe er sie zum Geschlechtsverkehr gezwungen und vergewaltigt.

Donna Rotunno plädiert auf unschuldig

Am Donnerstag hatte zunächst die Verteidigung ihr Schlussplädoyer vorgetragen. Weinsteins Chefanwältin Donna Rotunno versuchte in ihrer Ansprache, Zweifel an den gehörten Zeugen zu säen. Die Vorwürfe gegen Weinstein wies sie scharf zurück, ihr Mandant sei komplett unschuldig: "Er war unschuldig, als er hier in das Verfahren kam, er war unschuldig, als jeder Zeuge ausgesagt hat, und er ist jetzt gerade unschuldig", so Rotunno.

Frau mit langen braunen Haaren lächelt (picture-alliance/AP Photo/R. Drew)

Weinsteins Anwältin Donna Rotunno

"Historisch gesehen sind Sie die letzte Verteidigungslinie dieses Landes", sagte die Staranwältin zu den Geschworenen. Weinstein müsse mit den gleichen Maßstäben wie alle anderen Angeklagten behandelt werden. Die Anklage habe es so dargestellt, dass die mutmaßlichen Opfer keine Verantwortung trügen, wenn sie mit Weinstein auf ein Hotelzimmer gegangen seien oder sich von ihm hatten Flüge buchen lasse. Das sei nicht schlüssig, so Rotunno. Ihrer Darstellung nach hätten die Frauen von Weinstein profitiert und auch nach den mutmaßlichen Sexualverbrechen noch ein gutes Verhältnis zu ihm gehabt. Als Beweis dafür zeigte sie E-Mails und erinnerte an entsprechende Zeugenaussagen im Prozess.

Aus mehr als 600 Personen waren für den Prozess zwölf Geschworene und drei Ersatzjuroren ausgewählt worden. Richter James Burke hatte ihnen zu Beginn der Verhandlung ins Gewissen geredet: "Dieser Prozess ist kein Referendum über die MeToo-Bewegung." Ab Dienstag nächster Woche werden sich die zwölf Geschworenen auf unbestimmte Zeit zu Beratungen zurückziehen, um über Schuld oder Unschuld Weinsteins zu entscheiden.

Mann mit Gehhilfe im Anzug, neben ihm Polizisten (picture-alliance/AP Photo/R. Drew)

Harvey Weinstein bei der Ankunft im New Yorker Gerichtsgebäude

nf/pj (dpa,afp)

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